Chris Christie startet seine Aufholjagd

Porträt30. Juni 2015, 18:23
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Noch vor drei Jahren galt der Gouverneur New Jerseys als Favorit für die Wahl 2016, dann ließ ihn die Affäre um eine aus Rache gesperrte Autobahnzufahrt abstürzen. Dennoch erklärt er nun seine Kandidatur für das Weiße Haus

Vielleicht findet Chris Christie heimlich Gefallen daran, wenn man ihn mit Tony Soprano vergleicht, dem Protagonisten einer legendären TV-Serie. Der dirigierte zwar ein kriminelles Kartell, aber so wie ihn der schwergewichtige James Gandolfini spielte, stand er auch für Gefühle, Familiensinn und die Neigung, Dinge beim Namen zu nennen. Eben für New Jersey. Den Bundesstaat im Schatten New Yorks, den die Bewohner der Metropole gern belächeln und der umso trotziger seinen rustikalen Charme zelebriert.

Christie, der einmal um die 180 Kilo auf die Waage brachte, bevor ihm Ärzte ein Band um den Magen legten, um die Nahrungszufuhr zu beschränken, hat daraus eine Zeile für seinen Wahlkampf gestrickt. "Sag es, wie es ist."

Streithahn

Der Gouverneur New Jerseys ist der 14. Kandidat, der sich in den Reihen der Republikaner fürs Weiße Haus bewirbt. In den Umfragen liegt er weit hinten – doch die Wahl ist noch weit entfernt. Christie, der bei jeder Gelegenheit von seiner sizilianischen Mutter erzählt, versteht sich aufs Streiten. Seine Schlagfertigkeit könnte Gegnern, allen voran dem behäbig wirkenden Jeb Bush, zu schaffen machen. Wenn Anfang August in Cleveland die erste TV-Debatte der Konservativen über die Bühne geht, wittert er seine Chance. Sein Team vergleicht ihn mit einem Rennfahrer, der wegen einer Panne früh zum Boxenstopp musste, nun aber kräftig aufs Gas steigt.

Dabei ist es noch keine drei Jahre her, da galt er als Favorit für 2016. Der Wirbelsturm Sandy war mit verheerender Kraft über die Küste New Jerseys gezogen, aus Washington schwebte Barack Obama in der Rolle des Krisenmanagers ein, Christie fand lobende Worte für den Präsidenten. Wenige Tage vor der Wahl behandelten ihn manche Parteifreunde daraufhin wie einen Nestbeschmutzer, vom Normalverbraucher indes bekam er Applaus. Damals wie heute sehnt sich Amerika nach Politikern, die Brücken über Parteienschluchten schlagen. Christie stand davor, zum Zugpferd der konservativen Mitte zu werden. Im Herbst 2013 wurde er mit klarer Mehrheit im Amt bestätigt, ein Republikaner, der sich in dem traditionell den Demokraten zuneigenden Staat behaupten konnte.

Eine Brücke zu viel

Es lief gut für ihn, bis ihn "Bridgegate" als verbissenen Machtmenschen dastehen ließ: Um einen Bürgermeister zu bestrafen, der nicht nach Christies Pfeife tanzte, löste dessen Stab einen Megastau aus. An einer Zufahrt zur George-Washington-Brücke, die New Jersey mit Manhattan verbindet und zu den meistbefahrenen des Landes zählt, wurden kurzerhand mehrere Fahrbahnen gesperrt. Aus Rachemotiven, wie bald herauskam. Obwohl man Christie persönlich nichts nachweisen konnte, blieb ein Nachgeschmack.

Auch sein sorgsam gepflegtes Sanierer-Image hat mittlerweile Schaden genommen. Das Steueraufkommen New Jerseys hält nicht Schritt mit den Pensionsverpflichtungen, die der Staat eingegangen ist. Dabei hatte Christie einst damit geprahlt, das Problem gelöst zu haben. Auf hemdsärmelige Art hatte er sich mit der Lehrergewerkschaft angelegt, um Pädagogen die Pensionen zu kürzen. Die Konservativen feierten ihn dafür: Der Stratege Henry Kissinger erklärte in kleiner Runde, der Mann wisse zwar nichts über Außenpolitik, dafür besitze er Courage. Das lokale Wirtschaftswunder, das Christie versprach, lässt auf sich warten. "Mister Klartext", sagen die Kritiker, verstehe sich nur aufs Sprücheklopfen. (Frank Herrmann aus Washington, 1.7.2015)

  • Ein volksnaher Macher, der sagt, was er denkt. So will sich New Jerseys Gouverneur Chris Christie im Kampf um das Weiße Haus präsentieren.
    foto: ap/frank franklin ii

    Ein volksnaher Macher, der sagt, was er denkt. So will sich New Jerseys Gouverneur Chris Christie im Kampf um das Weiße Haus präsentieren.

  • Im eigenen Bundesstaat war sein Image zuletzt abgebröckelt.
    foto: ap/matt rourke

    Im eigenen Bundesstaat war sein Image zuletzt abgebröckelt.

  • Der Vorwahlkampf der Republikaner ist wie eine Schachtel Pralinen.
    foto: reuters/mcdermid

    Der Vorwahlkampf der Republikaner ist wie eine Schachtel Pralinen.

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