Interdisziplinarität: Gutes Image trifft auf harsche Strukturen

2. Juli 2015, 20:00
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Obwohl der Ruf nach Interdisziplinarität lauter wird, sind Projekte jenseits der klassischen Disziplinen kaum verankert

Wien – Als Antwort auf die stetige Spezialisierung der Wissenschaft ist in den letzten Jahrzehnten immer öfter ein Schlagwort in Forschungsdiskursen zu hören: Interdisziplinarität. Doch so positiv die Interdisziplinarität in ihrem Bemühen, über die engen Fachgrenzen hinauszublicken und komplexen Problemen wie dem Klimawandel oder der Welternährung zu begegnen nach außen hin wahrgenommen wird, so wenig findet sie in der internen Organisation von Unis zu einer institutionellen Verankerung.

Was hinter dem Paradoxon der positiven Außenwahrnehmung und der prekären Institutionalisierung von Interdisziplinarität steht, war Gegenstand des 32. Club Research zum Thema "Woher kommt und wie weit reicht der Ruf nach Interdisziplinarität?", der in Kooperation mit dem Wissenschaftsfonds FWF veranstaltet wird und vergangenen Montag in Wien stattfand.

Gegenmodell zum Alltag

"Meist gibt es positive Rückmeldungen zu interdisziplinären Projekten, in der Praxis gibt es aber Hürden und Widerstände – obwohl der Mehrwert außer Zweifel steht", sagte Friedrich Stadler, der eine Doppelprofessur für History and Philosophy of Science am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Philosophie der Uni Wien innehat. Die fächerübergreifende Arbeit ist daher Teil seiner täglichen Forschungstätigkeit und Lehre. Im stetigen Wachsen der Fächer ist Interdisziplinarität in seiner Auffassung "nur gegen den Strom möglich – als Gegenmodell zum wissenschaftlichen Alltag der Spezialisierung."

Das Aufeinandertreffen vollkommen unterschiedlicher Methoden und Fragestellungen in fächerüberschreitenden Projekten, bezeichnete Barbara Horejs, Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Akademie der Wissenschaften, als mitunter "extrem kräfteraubend und sehr zeitintensiv". Dennoch steht der Nutzen interdisziplinärer Projekte für sie außer Zweifel – letztlich machen sie Spaß und führen zu neuen Erkenntnissen.

Fragen nach den Anfängen der Sesshaftigkeit und der Urbanität des Menschen, die sie in ihrem vom European Research Council geförderten Ausgrabungsprojekt bearbeitet, könnten überhaupt nur in der Zusammenarbeit von Botanikern, Zoologen, Genetikern, Physikern, Anthropologen, Chemikern und Klimaforschern beantwortet werden. Ab einem gewissen "Niveau der Forschung" hält sie Interdisziplinarität für den State of the Art.

Schwierige Bedingungen

"Für mich ist es selbstverständlich, interdisziplinär zu arbeiten und jeden Tag mit Leuten zu tun zu haben, von denen ich nicht genau weiß, was sie machen", beschrieb die Astrobiologin und Nochpräsidentin des FWF, Pascale Ehrenfreund, ihren Zugang zu interdisziplinärer Forschung. Schon in ihrer Dissertation hat sie fächerübergreifend gearbeitet, indem sie ihren Studienhintergrund der Molekularbiologie und der Astrophysik miteinander verbunden hat.

Dass die Uni Wien ihr eine interdisziplinäre Dissertation erlaubt hat, bezeichnete sie als Glück, denn "immer noch sind sehr viele Wissenschafter davon betroffen, dass sie interdisziplinär arbeiten wollen, aber auf harsche Strukturen stoßen – das ist dann sehr schwierig". Warum gerade in den letzten Jahrzehnten der Ruf nach Interdisziplinarität lauter geworden ist, erklärte Markus Arnold, Professor für Philosophie und Wissenschaftsforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, mit der rasanten Zunahme der Studierendenzahlen und den damit verbundenen Umstrukturierungen der Studienpläne. "In den 1980er-Jahren gab es teilweise noch keine fixen Studienpläne – die Studierenden konnten frei wählen, was sie interessiert."

Striktere Studienpläne

Wie von selbst blickten viele so schon während des Studiums über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus – das sei durch die Streichung von Wahlfächern und striktere Studienpläne zunehmend eingeschränkt worden.

"Gebe es genügend Ressourcen, könnten disziplinäre und interdisziplinäre Forschung friedlich nebeneinanderstehen – es gibt inhaltlich keinen Widerspruch", meinte Arnold. Im Kampf um Forschungsgelder und institutionelle Verankerungen zeige sich, dass "Interdisziplinarität nicht so gut organisiert ist".

Ein wichtiger Grund dafür sind die immer wichtiger werdenden Peer-Review-Verfahren. "Gutachter sind immer disziplinär bestimmt", sagte Arnold, "deswegen ist Interdisziplinarität immer in einer defensiven Haltung". Auch Stadler sah bei Peer-Review-Verfahren eine "Neigung, die eigene Disziplin zu fördern". Ihre defensive Lage sei auch der Grund dafür "warum so viel über Interdisziplinarität gesprochen wird", meinte Arnold.

"Das Peer-Review-Verfahren ist nicht unfehlbar, aber das beste, das wir haben", sagte Ehrenfreund. Sie sprach sich dafür aus, "einen Pool interdisziplinärer Gutachter aufzubauen".

Fehlende High-Impact-Journals

Ein weiteres Problem, mit dem interdisziplinäre Forschung konfrontiert ist, nannte Martin Gerzabek, Rektor der Wiener Universität für Bodenkultur: das weitgehende Fehlen von High-Impact-Journals für interdisziplinäre Arbeiten. Ein weiterer Aspekt, der vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs betrifft, sind Karrierewege. "Karriere zu machen ist leichter mit einer klassischen Disziplinierung. Für den Nachwuchs ist es in unseren tollen Projekten gar nicht so einfach, nachher weiterzumachen", sagte Horejs.

Einigkeit herrschte darüber, dass sich disziplinäre und interdisziplinäre Forschung nicht gegeneinander ausspielen lassen: Ohne solides disziplinäres Fundament ist auch keine Zusammenschau möglich. Zudem können interdisziplinäre Projekte den gewachsenen Disziplinen durchaus dienlich sein. In dieser Hinsicht bezeichnete Arnold interdisziplinäre Arbeiten als eine "bewusste Produktion von blinden Flecken", die den Disziplinen in ihrer Selbstkritik und Fokussierung nützlich sein können. (Tanja Traxler, 1.7.2015)

  • Im Aufeinandertreffen vollkommen  unterschiedlicher Methoden und Fragestellungen kommen interdisziplinäre  Projekte oft einer Quadratur des Kreises gleich. Ab einem gewissen Niveau der Forschung ist Interdisziplinarität  allerdings unumgänglich – wie an der renommierten Stanford University.
    foto: www.picturedesk.com / visum / the image works

    Im Aufeinandertreffen vollkommen unterschiedlicher Methoden und Fragestellungen kommen interdisziplinäre Projekte oft einer Quadratur des Kreises gleich. Ab einem gewissen Niveau der Forschung ist Interdisziplinarität allerdings unumgänglich – wie an der renommierten Stanford University.

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