Bachmannpreis: Die Wörterschwemme am Wörthersee

1. Juli 2015, 05:30
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Fünf österreichische Teilnehmer treten im Wettbewerb an. Eine Wasserstandsmessung mit Redner Peter Wawerzinek

Klagenfurt – Von Mittwoch bis Sonntag ist die Lindwurmstadt wieder Buchwurmstadt. Das verlockt den geborenen Kärntner, den Bachmannpreis als Vehikel zu nutzen, um etwas über Kärnten zu sagen. Zum Beispiel etwas über all die Literaten, Künstler und Kulturmenschen, die dieses Bundesland schon aus der Enge seiner Täler hervorgequetscht hat. Christine Lavant, Peter Handke, Peter Turrini, Josef Winkler, Maria Lassnig, Cornelius Kolig, Kiki Kogelnik und so weiter, und so fort. Dichte und Enge, Enge und Dichter.

Apropos: fort. Die meisten von ihnen sind fortgegangen. In die Welt hinaus, dorthin, wo sie mehr Luft bekamen. Mit Kärnten im Gepäck. Doch der Bachmannpreis hat mit Kärnten nicht viel zu tun. Abgesehen von der Namenspatronin Ingeborg Bachmann, die selbst weggegangen ist, den Veranstaltern (der Stadt Klagenfurt und dem ORF-Landesstudio) sowie dem Gros der Preisgeldsponsoren: gar nichts.

Die Jury als Bademeister

Gut so, kann man nach Regierungsjahren voll Brauchtumspflege aus dem Kulturbudget sagen. Keine Klagen. Nichts darüber, dass das Entlangschrammen am Landes-Finanzkollaps nicht nur die freie Szene bedroht. Immerhin haben Land und ORF erst Anfang der Woche einen Kooperationsvertrag über 10.000 Euro für diese Bachmann-Ausgabe beschlossen – für Kulturlandesrat Christian Benger (ÖVP) ein klares Bekenntnis zum Preis, nachdem eine lediglich mündlich zugesagte Beteiligung im Zuge eines drohenden Liquiditätsengpasses des Landes im Frühjahr eingefroren worden war.

Also bloß so viel: Gut, dass er da ist, der Bachmannpreis. Einmal im Jahr für ein paar Tage. Zum 39. Mal ist das heuer wieder der Fall. Wieder einmal treffen sich Autoren und solche, die es noch werden wollen, Kritiker und Literaturfreunde zur Badesaison im Wörtersee. Und die begann diesmal schon im Vorjahr mit einem Sturm in den Wassergläsern des logophilen Sesselhalbkreises. Denn da trat die Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl aus der Wettbewerbsjury aus. Die Daniela Strigl, die von den "Literaturhooligans" (Tex Rubinowitz) vor Ort zur "Beliebtesten Jurorin 2014" gekürt worden war und den geschiedenen Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen erst wohl und dann doch nicht beerben sollte.

Protest im Gedicht

Oft genug ist die Jury der dankbare Rettungsreifen – oder wahlweise: der Bademeister – in der Wörterschwemme am Wörthersee. Was da noch aus Texten herausgeholt wird, indem die kundigen Kritiker es in sie hineinlegen! Nicht selten kann man dabei mehr lernen als im germanistischen Seminar: Themen, Traditionen, Erzählperspektiven ... Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Veranstalters – olé. Die eher diskreten Zuschauerzahlen der 3sat-Live-Übertragungen (Do bis So ab 10.00 bzw. 11.00 Uhr) bezeugen das leider.

Und dann so etwas. Als Strigl ging, gingen die Wogen hoch. Über 130 Autoren spitzten ihre Bleistifte und unterschrieben einen Protestbrief. Manche machten gleich noch das dichterische Wort zur Waffe. So etwa Clemes J. Setz (Ernst-Willner-Preis 2008), der in einem Protestsonett von der Anmut(ung) eines Muttertagsgedichts das Sonnenblumen-Köpfchen hängen und in Kärnten wieder einmal eine Sonne vom Himmel fallen ließ, während Kollegin Kathrin Passig (Bachmannpreisgewinnerin von 2006) die Ex-Jurorin in einem Ausbund literarischer Assoziationskraft in eine Reihe mit "Schnabeligel, / Schlammspringer, Molche, Ottern, Olme, Pfauenaugen" stellte, bevor sie beschloss: "Und könnte man nur alles, was sie sagt, aufsaugen / Es würde aus dem eignen Pfusch, dem ungenaugen / Ein kluges Werk, und nicht nur so ein Hingebiegel."

Jury und Teilnehmer

Statt der Vielgelobten sitzt (ab) heuer aber der Deutsche Hubert Winkels zur Rechten von Moderator Christian Ankowitsch und richtet.

Apropos: Worüber ist diesmal zu richten bzw. zu berichten?

Um bei der Konstante zu bleiben: Das einzig Beständige ist der Wandel. Neben Strigl und Spinnen schied auch Einwettbewerbskritiker Arno Dusini aus der Jury aus. Sandra Kegel (FAZ), Klaus Kastberger, Leiter des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung sowie des Literaturhauses Graz, und STANDARD-Literaturredakteur Stefan Gmünder folgen ihnen nach. Mit Meike Feßman, Hildegard Keller und Juri Steiner ist das siebenköpfige Jurorengespann, das auch heuer wieder 14 Vertreter der schreibenden – oder diesmal frappant dominant: multimedial arbeitenden – Zunft eingeladen hat, komplett.

Unter jenen Multitaskern sind heuer besonders viele Frauen. Zu zehnt treten sie bei Wasser und Wort gegen vier Männer an. Die Rot-weiß-rote-Fahne im Schwarz-auf-weiß-Wettbewerb wird heuer von fünf Teilnehmern hochgehalten. Etwa von der Grazerin Valerie Fritsch und ihrem sprachlüsternen Überborden. Und von der gebürtigen Linzerin und neben-bei bildenden Künstlerin Teresa Präauer. Und von der Lokalmatadorin und Neoliteratin Anna Baar, dem in Berlin wohnhaften Anti-"Schreibtischplattenbewohner" Peter Truschner und der Wienerin (Michaela) Falkner, die als "AUTorin" mit einem Manifest ins Rennen geht.

Hoffnung auf den Klecks

Dazu gesellen sich Saskia Henning von Lange, Nora Gomringer, Katerina Poladjan, Ronja von Rönne, Sven Recker und Monique Schwitter aus Deutschland sowie Dana Grigorcea, Tim Krohn und Jürg Halter aus der Schweiz.

Statt fünf warten auf die Lesenden nur mehr vier Preise bei verfeinertem Abstimmungsmodus. Die Texte werden – wie immer – bis zu den Lesungen unter Verschluss gehalten. Wer aber einen Vorgeschmack will, kann sich auf der Website zum Bachmannpreis bereits die Videoporträts der Kandidaten anschauen.

Ihre Startreihenfolge wird übrigens erst heute Abend ausgelost. Davor hält Peter Wawerzinek, Vorvorvorvorvorjahressieger (2010) seine Klagenfurter Rede zur Literatur, Tinte kleckst nun einmal ihr Titel. Klingt ein bisschen nach Entschuldigung. Auf was für Sauereien wir uns da einstellen müssen? Möge es ein spannendes Wettlesen werden! (Michael Wurmitzer, 1.7.2015)

  • Die Rot-weiß-rote-Fahne im Schwarz-auf-weiß-Wettbewerb wird heuer von fünf Teilnehmern hochgehalten. Etwa von der Grazerin Valerie Fritsch und ihrem sprachlüsternen Überborden, das etwa ihren im Frühjahr erschienen Roman "Winters Garten" viel Kritikerlob einbrachte,
    foto: apa

    Die Rot-weiß-rote-Fahne im Schwarz-auf-weiß-Wettbewerb wird heuer von fünf Teilnehmern hochgehalten. Etwa von der Grazerin Valerie Fritsch und ihrem sprachlüsternen Überborden, das etwa ihren im Frühjahr erschienen Roman "Winters Garten" viel Kritikerlob einbrachte,

  • Geht mit einem Manifest, ihrem 47., ins Rennen: Die Wienerin Michaela Falkner. Ihre Arbeit begreift sie als Gesamtkunstwerk.
    foto: apa

    Geht mit einem Manifest, ihrem 47., ins Rennen: Die Wienerin Michaela Falkner. Ihre Arbeit begreift sie als Gesamtkunstwerk.

  • Der in Berlin lebende Anti-"Schreibtischplattenbewohner" Peter Truschner. Im Herbst erscheint  "Bangkok Struggle" mit Texten und Fotografien des in Klagenfurt Geborenen.
    apa

    Der in Berlin lebende Anti-"Schreibtischplattenbewohner" Peter Truschner. Im Herbst erscheint "Bangkok Struggle" mit Texten und Fotografien des in Klagenfurt Geborenen.

  • Die Linzer Autorin und Künstlerin Teresa Präauer. Mit ihrem Roman "Johnny und Jean" war sie für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
    apa

    Die Linzer Autorin und Künstlerin Teresa Präauer. Mit ihrem Roman "Johnny und Jean" war sie für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

  • Die Kärntner Neoliteratin Anna Baar. Im August erscheint ihr Romanerstling "Die Farbe des Granatapfels" bei Wallstein.
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    Die Kärntner Neoliteratin Anna Baar. Im August erscheint ihr Romanerstling "Die Farbe des Granatapfels" bei Wallstein.

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