Der Zusammenprall zweier Mentalitäten

Kolumne30. Juni 2015, 17:08
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Inzwischen setzt wohl die EU-Führung darauf, dass Tsipras sich mit seinem Referendum selbst in die Luft sprengt

Nun hat auch Werner Faymann die Geduld mit seinem Freund Alexis Tsipras verloren. Niemand habe erwartet, dass er die griechischen Verhandler plötzlich vom Tisch aufstehen lässt und ein Referendum ansetzt. Eben: Hier treffen völlig unterschiedliche Mentalitäten aufeinander.

Für das Verhalten von Tsipras gibt es zwei Erklärungen: Entweder hat er gewusst, dass er das Abkommen beim eigenen linksradikalen Flügel nicht durchbringt; oder er selbst will gar kein Abkommen.

Letzteres klingt verrückt, wäre aber innerhalb eines geschlossenen linksradikalen Denksystems nur "logisch". Die radikale europäische Linke, besonders die in Griechenland, war einerseits jahrzehntelang vom politischen Entscheidungsprozess ausgeschlossen und daher ohne Sinn für Realitäten; andererseits kann sie gar nicht anders, als das "kapitalistische" System der EU komplett abzulehnen.

Als Reaktion nimmt sie eine kompromisslose Verweigerungshaltung ein, die der radikalen Linken historisch zwar immer fürchterliche Niederlagen eingetragen und/oder dem jeweiligen Volk viel Leid beschert hat, aber wenigstens ideologisch "rein" ist.

Und in eiserner Frontlinie: "Synaspismos", der erste Namensteil von Syriza, bedeutete im antiken Griechenland die Formation "Schild an Schild" in der Phalanx der Schwerbewaffneten. Wer, wie die radikale Linke, glaubt, über das einzig richtige System zu verfügen, kann sich gedanklich schwer daraus befreien. Auch wenn alle Evidenz dagegenspricht.

Hier werden viele Gläubige der Linken im Allgemeinen und von Tsipras im Besonderen einwenden, dass ja auch die EU, die EZB, der IWF an ein "einzig richtiges System" glaubten, nämlich den "Kapitalismus" oder den "Neoliberalismus", und daher ebenso ideologisch verbohrt vorgingen. Das stimmt teilweise, der Unterschied ist aber, a) dass es sich in Europa längst nicht mehr um ein rein "kapitalistisches" System handelt, sondern um eine Marktwirtschaft mit starken staatlichen Eingriffen und b) dieses Mischsystem noch immer unendlich erfolgreicher – und sozialer – ist als alle linksradikalen Experimente.

Allerdings kann man den Mandarinen der EU, der EZB und des IWF den Vorwurf nicht ersparen, dass sie auf die Situation teilweise mit Unverständnis reagierten und zu Lösungen griffen, die in der Logik der eigenen entwickelten Marktgesellschaften liegen, aber nicht in der eines Failing State wie Griechenland. Faymann oder auch Juncker sind über ihren "Freund" Tsipras deshalb so entsetzt, weil sie sich ein solch erratisches Verhalten gegen alle EU-Regeln – die Erfolgsregeln waren und immer noch sind – nicht vorstellen können.

Inzwischen setzt wohl die EU-Führung darauf, dass Tsipras sich mit seinem Referendum selbst in die Luft sprengt. Besser wäre tatsächlich eine Reformregierung auf breiter Basis, mit der man einen wirklichen Plan für den strukturierten Umbau des griechischen Systems ausarbeiten kann. Austerität allein wird das nicht schaffen; aber bloße linke Heilsgewissheit und ewige Alimentierung ganz gewiss auch nicht. (Hans Rauscher, 30.6.2015)

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