Volkskundemuseum will Ethnologie-Institut integrieren

30. Juni 2015, 16:38
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Direktor Matthias Beitl präsentierte seine Visionen für die nahe Zukunft

Wien – Das Wiener Volkskundemuseum bemüht sich – trotz erneut beklagter knapper Ressourcen – in der kommenden Saison wieder um inhaltliche Vielfalt. In den nächsten Monaten stehen etwa Freuds Möbel im Exil, Bootsflüchtlinge als Erntehelfer und die erste Auflage des Kurzfilmfestivals "dotdotdot" am Programm. Erfreulich für Besucher: Eintritt wird heuer – dank Geld aus der Wirtschaft – keiner verlangt.

"Dank eines Jahressponsors haben wir die Möglichkeit, verschiedene Dinge auszuprobieren", freute sich Direktor Matthias Beitl am Dienstag in einem Pressegespräch. Den Anfang der Novitäten macht der neu auf die Beine gestellte Open-Air-Lichtspielsommer mit rund 200 Filmen an 40 Veranstaltungstagen. Der Nachfolger von "espressofilm" will ab 11. Juli aber nicht nur via Leinwand im Innenhof des Palais Schönborn – dem Sitz des Museums – präsent sein, sondern sich mittels Workshops, Sonntags-Picknicks und Kinderprogramm in den dahinter liegenden Schönbornpark ausbreiten. Bezugnehmen will man dabei immer wieder auch mit Aspekten des Ausstellungsprogramms.

Sigmund Freuds Speisezimmer

Dieses nimmt ab 24. September Bezug auf das aktuelle Flüchtlingsdrama. Die Fotoschau "Bitter Oranges" thematisiert die – oftmals katastrophalen – Arbeits- und Lebensbedingungen migrantischer Erntehelfer in Süditalien. Viele kommen mit Booten über das Mittelmeer und landen als Tagelöhner auf Orangenplantagen in Kalabrien. Bilder, die die Arbeiter selbst mit Digitalkameras gemacht haben, werden mit Ton- und Filmdokumenten eines Forschungsprojekts zum Thema ergänzt.

Ab Anfang Oktober startet dann – gewissermaßen als Vorgriff auf den 160. Geburtstag des Begründers der Psychoanalyse – "Freuds Dining Room". Im Mittelpunkt steht das aus Oberösterreich stammende bemalte Speisezimmer-Inventar im Londoner Maresfield Gardens, dem letzten Wohnort der Familie. Die Möbel wurden ursprünglich von Anna Freud 1930 für ihr Sommerhaus in Hochrotherd nahe Wien gekauft, nach dem "Anschluss" 1938 wurden sie mit auf die Flucht genommen. Anhand von "memory objects", welche die in London befindlichen Originale etwa auf Fotos zeigt, soll die Geschichte der Möbel unter dem Blickpunkt von Vertreibung und Verlust erzählt werden.

Zusammenführung mit Institut für Europäische Ethnologie

Um auf Weihnachten einzustimmen, will das in der Josefstadt gelegene Museum ab 22. November eine spätbarocke Landschaftskrippe aus dem 18. Jahrhundert zeigen. Sie präsentiert auf 30 Quadratmetern Lebensstationen von Jesu Christi und besteht u.a. aus mehr als 200 Figuren. Derzeit wird die "Jaufenthaler Krippe" noch restauriert.

Beitl ging auch auf "Visionen" für die nahe und mittlere Zukunft ein. Um das Haus aufzuwerten, denkt er an die Etablierung eines "Campus der Alltagskultur". Konkret will er dem derzeit noch in der Innenstadt gelegenen Uni-Institut für Europäische Ethnologie eine neue Heimat bieten und so Forschung, Museum und Öffentlichkeit zusammenführen. Gespräche mit den politischen Entscheidungsträgern laufen bereits, hieß es. Die 1994 konzipierte Dauerschau soll ebenfalls überholt werden.

Vegan-Bistro im Museum

Der Hausherr verwies heute auch auf schon laufende Projekte. Seit April läuft die Sonderschau "Klimesch – Das Geschäft mit den Dingen". Auf einer Art Bühne drapiert, wird der Bestand eines 2013 in unmittelbarer Nähe gelegenen, inzwischen aufgelassenen Haushaltsgeschäfts gezeigt. In diversen Publikumsaktionen soll eine Art "kollektives Kuratieren" entstehen, wie Ausstellungsmacher Herbert Justnik erklärte. Das Museum selbst will sich parallel als Nahversorger inszenieren. "Es gibt die Idee, dass man hier tatsächlich seine Schrauben kaufen kann", ließ Beitl wissen.

Ebenfalls bereits am Laufen ist "Denk an mich!", das noch bis 22. November Einblicke in Stammbücher und Poesiealben aus den vergangenen zwei Jahrhunderten gewährt. Kulinarisch setzt man seit kurzem ebenfalls auf neue Partner: Das am Albertplatz angesiedelte Vegan-Bistro "deli bluem" kredenzt nun auch im Volkskundemuseum. Gegessen und getrunken werden kann von Dienstag bis Sonntag zwischen 10.00 und 22.00 Uhr. (APA, 30.6.2015)

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