Architekt Dieter Hayde: "Bin kein Feind des Großraumbüros"

Interview1. Juli 2015, 09:00
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Dieter Hayde baut seit Jahrzehnten Büro- und Wohnhäuser in Wien. Er ist der Ansicht, dass die Zukunft in einem verbesserten Niedrigenergiehaus liegt

Architekt Dieter Hayde baut seit Jahrzehnten Büro- und Wohnhäuser in Wien. Er ist der Ansicht, dass die Zukunft in einem verbesserten Niedrigenergiehaus liegt, und betont die Bedeutung von Gemeinschaftsflächen.

STANDARD: Wie sehr ist das Thema Energieeffizienz bei österreichischen Unternehmen angekommen?

Hayde: Ich glaube, es ist grundsätzlich angekommen. Inwieweit die Auftraggeber dann aber einsteigen und die Dinge so übernehmen, wie wir sie vorschlagen – das ist ein zweites Kapitel. Bei allen Bürogebäuden, die anschließend von Fonds gekauft werden sollen, ist das heute aber Standard. Die Auftraggeber wissen, dass sie das Objekt zu dem Preis, der ihnen vorschwebt, sonst nicht weiterverkaufen können.

STANDARD: Wie viel mehr kostet ein energieeffizientes Gebäude?

Hayde: Das ist von Fall zu Fall verschieden. Wir gehen von etwa acht bis zehn Prozent aus – wobei sich das, wenn man die Lebenszykluskosten des Gebäudes miteinbezieht, relativ rasch amortisiert: nach zehn, zwölf Jahren nämlich.

STANDARD: Wie nachhaltig kann man im Bestand sein?

Hayde: Bei einem Projekt in der Biberstraße im ersten Bezirk konnten wir an der Straßenfront kaum etwas verändern, weil die Fassade erhalten werden musste. Man konnte dort nur die Fenster verbessern, aber hofseitig und zum Dach relativ viel machen. Auch so kann man ganz gute Ergebnisse erzielen. Man muss aber über mehr nachdenken als nur das Gebäude selbst: Das Haus an sich verursacht mehr oder weniger Energieverbrauch und CO2-Ausstoß, aber das, was vorher passiert, ist ebenso wichtig. Wie schaut es etwa mit den Materialien aus, die man am Bau verwendet? Hole ich beispielsweise das Holz aus Kanada, das mit dem Schiff und dem Lkw hertransportiert werden muss? Ein weiteres Beispiel: Wenn man eine Solarzelle erzeugt, benötigt man für die Erzeugung Energie. Ich muss mir daher überlegen, wie die Energiebilanz aussieht und wie viel Energie man mit der Solarzelle erzeugen kann – ist das am Ende positiv, oder ist das negativ? Das sind Überlegungen, die man auch anstellen muss.

STANDARD: Das Bürohaus der Zukunft – wird das ein Passivhaus wie das Raiffeisen-Gebäude sein?

Hayde: Der Erfolg eines Passivhauses ist stark abhängig davon, wer es nutzt. Es ist geeignet für Nutzer, die es immer nutzen und nicht bloß temporär. Denn es gibt bestimmte Dinge, die man lernen muss, um in einem solchen Haus zu leben. Ich denke daher, dass ein verbessertes Niedrigenergiehaus eher das Bürohaus der Zukunft sein wird.

STANDARD: Wie lange haben die Nutzer in dem von Ihnen gebauten Passivhochhaus denn für die Eingewöhnung gebraucht?

Hayde: Eigentlich haben es die Nutzer sofort angenommen. Wir haben es dann nachgerechnet, und die Werte haben gepasst. Unzufriedene Nutzer gibt es immer – nicht jeder Büroraum kann optimal gelegen sein. Insgesamt ist die Zufriedenheit in dem Haus aber heute sehr hoch.

STANDARD: Geschieht das Arbeiten der Zukunft in Großraumbüros?

Hayde: Das ist ein immer wiederkehrender Trend: In den 80er-Jahren wollte jeder ein Großraumbüro. Dann haben plötzlich alle von Kombibüros gesprochen. Es ergibt sich aus der Arbeitswelt, wie das Büro der Zukunft ausschaut. Viele arbeiten heute gar nicht mehr in der Firma und treffen sich nur noch zu Meetings. Ich halte das Gespräch aber nach wie vor für wichtig. In einem Büro werden gemeinsam Dinge erarbeitet. Ich bin daher kein Feind des Großraumbüros, weil es gewisse Vorzüge hat: Bestimmte Schwellen – das Anklopfen an die Tür zum Beispiel – verschwinden. Das kann der Kommunikation dienen. So schlimm finde ich das nicht. Die Riesenflächen der 1970er und 1980er, das war natürlich etwas anderes. Aber das hat man dann auch abgeschwächt.

STANDARD: Welche Rolle spielen Gemeinschaftsflächen?

Hayde: Gemeinschaftsflächen sind eine Notwendigkeit. Im Raiffeisen-Gebäude gibt es beispielsweise einen riesigen Speisesaal, der in verschiedene Bereiche unterteilt ist. Auch Fitness- und Sportbereiche sind heute ein Asset, das das Image eines Unternehmens unterstützen kann. Bei Bürohäusern, in denen verschiedene Nutzer sind, wird es mit solchen Flächen aber schwieriger.

STANDARD: Was muss ein Bürohaus in Zukunft noch bieten?

Hayde: Es muss ein besonders gutes Arbeitsklima haben, den Funktionen entsprechen und flexibel sein. Es sollte heute als Bürohaus und morgen zum Wohnen oder als Hotel genutzt werden können. Auf diese Dinge muss man in der Planung Rücksicht nehmen, etwa was die Raumhöhe angeht.

STANDARD: Angesichts der Lage am Wiener Büromarkt und des steigenden Bedarfs an Wohnraum werden auch Umnutzungen wahrscheinlich immer interessanter.

Hayde: Ja, Überlegungen zur Nachnutzung werden immer wichtiger. Wir machen das fallweise, und es geht. In vielen Fällen wird es sich aber wohl nicht lohnen, da wird man das Bürohaus abreißen. Man muss sich durchrechnen, welche Variante günstiger ist. Das ist Sache vom Rechenschieber.

STANDARD: Apropos Rechenschieber: Welche Rolle spielen Betriebskosten bei Ihrer Planung?

Hayde: Das wird immer wichtiger. Bei den Lebenszykluskosten spielen die Betriebskosten eine wichtige Rolle. Bei der Optimierung ist ein ganzes Team, bestehend aus Haustechnikern und Bauphysikern, gefragt. Das ist ja der Grund, warum Gebäude optimiert werden.

STANDARD: Wie wird es am Wiener Büromarkt weitergehen?

Hayde: Da tut sich seit Jahren nichts. Irgendwann, wenn sich die Wirtschaft erholt und der Standort Wien wieder gesehen wird, wird wieder mehr gebaut werden. Früher bekam ich dauernd Anfragen zu neuen Büroprojekten, das hat sich mit der Wirtschaftskrise aufgehört. Die Qualität, die in Wien gebaut wird, ist sehr unterschiedlich. Wir sollten heute billig bauen und haben gleichzeitig Bauvorschriften, die das gar nicht zulassen. Am Anfang meiner Karriere war die Bauordnung so dick (deutet etwa zwei Fingerbreit an), jetzt schaut sie so aus (greift nach hinten und holt einen Schmöker aus dem Regal). Wenn es 1200 Baunormen gibt, die den Bau betreffen, dann muss man fragen, wie das der Einzelne überhaupt begreifen kann. Die Kammer arbeitet aber daran, dass man das ein bisschen lockert. (1.7.2015)

Dieter Hayde (72), Wiener Architekt, hat mit seinem Büro HD Architekten unter anderem das Raiffeisen-Klimaschutz-Hochhaus (gemeinsam mit Architektur Maurer ZT GmbH und VASKO + Partner Ingenieure) als weltweit erstes Passivbürohochhaus geplant.

  • Das Passivbürohochhaus steht am Donaukanal.
    foto: putschögl

    Das Passivbürohochhaus steht am Donaukanal.

  • Auch im Bestand, hier in der Biberstraße im ersten Bezirk, ist Nachhaltigkeit  möglich.
    foto: hd architekten

    Auch im Bestand, hier in der Biberstraße im ersten Bezirk, ist Nachhaltigkeit möglich.

  • Dieter Hayde: "Bürohaus der Zukunft muss flexibel sein."
    foto: richard tanzer

    Dieter Hayde: "Bürohaus der Zukunft muss flexibel sein."

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