Zehn Punkte, woran Griechenlands Gesundheitssystem krankt

Userartikel2. Juli 2015, 11:42
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Die Folge der EU-IWF-Politik ist ein Kahlschlag im Gesundheitswesen

Die Auswirkungen der Austeritätspolitik auf das griechische Gesundheitssystem hat das Fachjournal "The Lancet" 2014 erhoben. Die zehn Kernpunkte der Studie (2014; 383: 748-53), im Folgenden zusammengefasst, sollen eine Unterstützung dafür sein, sich ein Urteil über das von EU und IWF geforderte Sparprogramm zu bilden – jedoch nicht aus politischer oder ökonomischer Sicht. Es geht auch darum, zu beurteilen, ob das mit Menschen gemacht werden darf – aus polit-ökonomischen Gründen. Denn die Folgen solch eines Kahlschlags hätten Gesundheitswissenschaftler nicht mehr empirisch bestätigt haben müssen.

1. Die Ausgaben für das Gesundheitssystem wurden auf 6 Prozent des BIP gekürzt. Zum Vergleich: In Österreich liegt der Anteil bei 10,8 Prozent (2011, OECD).

2. Ein Drittel der Straßenarbeitsprogramme für Drogenkranke wurde trotz steigendem Bedarfs gestrichen: Daher stiegen die HIV-Neuinfektionen von 15 (2009) auf 484 (2012). Tuberkuloseneuerkrankungen haben sich von 2012 auf 2013 mehr als verdoppelt.

3. Budgetkürzungen für Gemeinden vermindern Ausgaben für Moskitospray-Programme. Aus diesem Grund wird Malaria wieder lokal in Griechenland übertragen. Erstmals seit 40 Jahren.

4. Das Krankenhausbudget wurde um 26 Prozent (2009-2011) reduziert. Dies hat überarbeitetes Personal, lange Wartelisten und Engpässe bei medizinischem Material zur Folge.

5. Um sich mit verordneten Medikamenten versorgen zu können, müssen viele Versicherte im Voraus ihre Medikamente bezahlen und dann auf Grund der leeren Kassen der Sozialversicherungen lange auf Rückerstattung warten. In einigen Regionen ist die Armut so stark, dass 70 Prozent der Bevölkerung das Geld für verordnete Medikamente nicht haben.

6. Viele Ausgaben des Gesundheitssystems wurden vom Gesundheitssystem auf die Menschen übertragen und damit ist der allgemeine Zugang zum Gesundheitssystem nicht mehr gegeben. So wurden etwa die Gebühren für Arztbesuche erhöht (von 3 auf 5 Euro). Die Zuzahlungen zu bestimmten Arzneimitteln wurden erhöht (plus 10 Prozent). Es wurde eine Verordnungsgebühr eingeführt. Auch eine Gebühr von 25 Euro für die intramurale Zulassung wurde eingeführt – aber wegen starker Proteste zurückgenommen.

7. In Griechenland sind immer weniger Menschen krankenversichert. Geschätzte 800.000 Menschen leben ohne Arbeitslosengeld und Krankenversicherung. Denn wer zwei Jahre arbeitslos ist, fällt aus der Krankenversicherung heraus.

8. Der ungedeckte Bedarf an medizinischen Leistungen stieg vor allem bei älteren Menschen wegen Geldmangels und der schlechten Erreichbarkeit medizinischer Leistungen und mangelnden Krankentransportmöglichkeiten.

9. Die mentale Gesundheit und die Versorgung mentaler Krankheiten haben stark gelitten. Die Finanzierung wurde in diesem Bereich um 20 Prozent (2010-2011) reduziert und noch einmal um 55 Prozent (2011-2012) gekürzt. Der Bedarf ist aber in den vergangenen drei Jahren um 120 Prozent gestiegen. Zum Beispiel treten starke Depressionen 2,5 Mal so häufig auf (insgesamt 8,2 Prozent Erkrankte, 2008 waren es 3,3 Prozent) – ökonomische Schwierigkeiten sind der wichtigste Risikofaktor. Die Selbstmordrate ist von 2007 bis 2011 um 45 Prozent gestiegen.

10. Die Kindergesundheit wirft folgende Probleme auf: Der Anteil der armutsgefährdeten Kinder stieg von 28,2 Prozent (2007) auf 30,4 Prozent (2011), wobei Mangelernährung häufiger auftritt. Bei Geburten tritt ein zu geringes Geburtsgewicht auf (plus 19 Prozent 2008-2010). Außerdem sind Totgeburten häufiger geworden (plus 21 Prozent 2008-2011). Die Kindersterblichkeit (plus 43 Prozent 2008-2010) stieg im neonatalen (schlechter Zugang zu Schwangerschaftsbetreuung und Geburtshilfe) und post-neonatalen (schlechte sozioökonomische Umstände für Babies) Zeitfenster. (Martin Scheuringer, 2.7.2015)

  • "The Lancet" hat untersucht, wie sich die Austeritätspolitik auf das griechische Gesundheitssystem ausgewirkt hat.
    foto: reuters/yannis behrakis

    "The Lancet" hat untersucht, wie sich die Austeritätspolitik auf das griechische Gesundheitssystem ausgewirkt hat.

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