Expertin: Erfülltes Leben statt Work-Life-Balance

2. Juli 2015, 10:03
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Management-Professorin Christine Riordan plädiert für ein Umdenken und gibt drei Tipps

Viele CEOs und Topmanagerinnen und Manager haben nur ein müdes Lächeln übrig, wenn sie auf Work-Life-Balance angesprochen werden. Ähnlich verhält es sich aber auch mit Arbeiterinnen und Arbeitern, die dahinter nur einen weiteren fancy Management-Begriff sehen. Anders bei der Generation-Y, zumindest am Papier: Den nach 1980 Geborenen wird nachgesagt, dass sie es mit der Work-Life-Balance wirklich ernst meinen und die Forderung nach genügend Freizeit auch in den Bewerbungsgesprächen stellen. Dass aber auch für die Generation-Y die Realität der Berufsanfänger nichts mit dem Mythos zu tun hat, wurde schon öfter beschrieben – zum Beispiel hier.

Ist es also Zeit, die Work-Life-Balance endlich zu begraben? Christine Riordan ist Professorin für Management an der University of Kentucky und forscht zu Diversität, Führungseffektivität und beruflichem Erfolg. Für den Harvard Business Manager-Blog hat sie Tipps zusammengestellt, wie es gelingen kann, beruflichen Erfolg und erfreuliches Privatleben unter einen Hut zu bekommen.

1. Effektivität statt Gleichgewicht

Der Ausdruck Work-Life-Balance impliziere, dass man Beruf und Privatleben jeweils gleiche Teile der verfügbaren Zeit widmet, schreibt Riordan. Schon besser sei aber der Zugang der Marktforschungsfirma Catalyst – hier spricht man von "Work-Life-Effectiveness". Anzustreben sei ein Zustand, bei dem die Arbeit gut mit anderen Aspekten des Lebens harmoniert. Weitergedacht haben das Konzept die beiden Forscher Jeffrey Greenhaus und Gary Powell: Sie empfehlen, Arbeit und Privatleben als Verbündete zu betrachten.

Als Beispiel nennt Riordan hier Marissa Mayer, CEO von Yahoo: Als sie schon kurz nach der Geburt ihres Sohnes wieder zur Arbeit kam, sei sie von der Öffentlichkeit kritisch beäugt worden.

foto: julie jacobsen / ap
Yahoo-CEO Marissa Mayer.

"Doch sie schaffte es, ihre Rollen als Mutter und Unternehmenslenkerin so einzurichten, dass es für sie persönlich passend war", schreibt die Management-Professorin. Karriere solle man also als festen Bestandteil des eigenen Lebens verstehen – statt als getrennte Pflicht.

Immer das große Ganze zu betrachten und ein konsistentes Bild des gesamten Selbst zu haben, verringere das Gefühl, es mit separaten, manchmal schier unvereinbaren Sphären zu tun zu haben.

Als weiteres Beispiel fällt Riordan Richard Branson, CEO von Virgin Airlines ein: "Der hat einmal gesagt, einige seiner besten Ideen seien entstanden, als er mit seinen Kindern über die Arbeit sprach. Selbst wenn wir noch so beschäftigt sind: Am praktischsten und effektivsten ist es immer, unsere persönlichen Prioritäten für Beruf, Familie, Gesundheit und Wohlbefinden auf eine gemeinsame Linie zu bringen."

2. Erfolg und Privatleben messen

Nächster wichtiger Tipp: Jeder müsse Erfolg auf seine eigene ganz persönliche Weise definieren. Am Ende des Lebens könne schließlich nur jeder für sich entscheiden, ob man erfolgreich war, zufrieden mit sich selbst. Es sei deshalb sehr wichtig, dass man sich im Klaren darüber ist, dass Erfolg sehr subjektiv ist.

Hier führt sie das Beispiel von Ryan Smith, einem der Gründer von Qualtrics, an: Jede Woche schaue er sich alle Kategorien seines Lebens an – Vater, Ehemann, CEO, Selbst – und suche die konkreten Aktivitäten, die ihm das Gefühl geben, in diesen Kategorien erfolgreich und ausgefüllt zu sein. Dieses wöchentliche Ritual helfe ihm dabei, das Gefühl zu haben, dass er alles dafür tue, die eigenen Bedürfnisse und die der Menschen um ihn herum zu erfüllen.

3. Die nötige Kontrolle

Experten würden glauben, dass Menschen gestresst sind, wenn sie das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben. Riordan: "Übernehmen Sie also die Kontrolle über Ihre Karriere – erkunden Sie Ihre eigene Geschichte, Ihre Voreingenommenheiten, Motivation und Präferenzen."

Macht die Arbeit Spaß, seien auch lange Arbeitstage nicht so schlimm. Schließlich hat Riordan noch einen Tipp, der in der Praxis leider schwer umsetzbar ist: Jeder solle sich die Zeit nehmen, um einen Job zu finden, der zu ihm passt. Wenn möglich sollten wir uns unsere Grenzen selbst setzen.

foto: marc blinch / reuters
Karriere als fester Bestandteil des Lebens – also Minigolf im Büro? Im neuen Google-Büro in Toronto können Mitarbeiter eine Runde spielen.

Alles Bullshit?

Riordan plädiert also für ein erfülltes Leben, in dem Arbeit als Teil davon und nicht als Mittel zum Zweck gesehen wird. Eine Kritik, die viele teilen. Jochen Mai, Gründer und Herausgeber der Karrierebibel, geht sogar noch einen Schritt weiter. In seinen fünf Antithesen nennt er den Begriff Work-Life-Balance "Bullshit": "Unfug! Wer arbeitet, der lebt dabei. Da gibt es nichts auszugleichen."

Was meinen Sie? Streben Sie noch nach der Work-Life-Balance oder ist der Begriff einfach nur nervig? (lhag, 30.6.2015)

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