Brasiliens Präsidentin auf Werbetour in den USA

30. Juni 2015, 07:00
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Bei ihrer ersten USA-Reise will die Präsidentin Rousseff um Investitionen für die lahmende brasilianische Wirtschaft werben.

Zwanzig Jahre ist der letzte offizielle Besuch eines brasilianischen Präsidenten in den USA her. Damals begrüßte US-Präsident Bill Clinton seinen Amtskollegen Fernando Henrique Cardoso im Weißen Haus. Seitdem haben sich die ohnehin schwierigen Beziehungen nochmals abgekühlt. Der Tiefpunkt war erreicht, als im Sommer 2013 die NSA-Spitzelvorwürfe gegen tausende Brasilianer und auch gegen Präsidentin Dilma Rousseff publik wurden. Eine geplante Reise in die USA sagte Rousseff aus Protest kurzerhand ab und sorgte damit international für ein Beben. Allgemein wurde dieser Schritt als das neue außenpolitische Selbstbewusstsein der brasilianischen Staatschefin interpretiert. Jetzt wird die Reise nachgeholt. Rousseff trifft am Dienstag mit Barack Obama in Washington zusammen. In Brasilien wird die Begegnung bereits als historisch eingestuft.

Günstiger Zeitpunkt

"Wir versuchen wirklich, ein neues Kapitel unserer bilateralen Beziehungen aufzuschlagen", versicherte die für Lateinamerika zuständige US-Staatssekretärin Roberta Jacobson. Der Zeitpunkt der Reise ist für beide Seiten günstig. Die Öffnungspolitik der USA gegenüber Kuba wird von den linksgerichteten Regierungen des Kontinents mit großem Wohlwollen betrachtet. Rousseff, die im eigenen Land ums politische Überleben kämpft, kann auf positive Schlagzeilen hoffen. Ihr oberstes Anliegen: Sie will US-Investoren ins Land holen, um der schwächelnden brasilianischen Wirtschaft wieder Auftrieb zu geben und Arbeitsplätze zu schaffen. Obama dagegen hofft, Brasilien für ein Abkommen für die UN-Klimakonferenz Ende des Jahres in Paris ins Boot zu holen.

Vor allem in Brasilien sind die Erwartungen an den Besuch hoch. Während Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva noch eine offen antiamerikanische Politik betrieb, setzt Rousseff auf Pragmatismus. Oberste Priorität hatte stets die Wirtschaftspolitik. Für den US-amerikanischen Politikwissenschafter Ian Bremmer bedarf es aber noch weiterer Schritte, um langfristig Vertrauen zu schaffen: "Nach so vielen Skandalen muss Rousseff jetzt die US-Investoren mit mehr Offenheit und Transparenz überzeugen."Brasiliens Zukunft liege weder im südamerikanischen Handelsbündnis Mercosul noch bei den Brics-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). "Das Land braucht weitere Partner", betont Bremmer.

Nachholbedarf bei Technologien

Gleichzeitig hat Brasilien großen Nachholbedarf bei Technologieentwicklungen und der Modernisierung seiner Industrie. Eine aktuelle Untersuchung des US-Forschungsinstitutes Conference Board ergab, dass vier brasilianische Arbeiter nötig sind, um die gleiche Produktivität wie ein amerikanischer Arbeiter zu erzeugen.

Das persönliche Verhältnis von Obama und Rousseff gilt als gut und unkompliziert. 2011 besuchte der US-Präsident mit der gesamten Familie Brasilien. Bilder vor der beleuchteten Christus-Statue in Rio de Janeiro sind den Brasilianern noch gegenwärtig. Zuletzt sahen sich beide Staatsoberhäupter im April auf dem Amerika-Gipfel in Panama. Dort lud Obama auch seine "gute Freundin" ins Weiße Haus ein. Offen lobte er Rousseffs Bemühungen um eine Steuerreform, mit der etwa 20 Milliarden US-Dollar (18,2 Mrd. Euro) eingespart werden sollen.

Schielen nach Peking

Zugutekommen dürfte Brasilien auch die US-Konkurrenz zu China. Gerade erst hat Brasilien mit Peking einen Vertrag über Investitionen von 50 Milliarden US-Dollar (45,5 Mrd. Euro) für den Bau einer Eisenbahnlinie und von Häfen abgeschlossen. Brasilien gilt als Chinas wichtigster Handelspartner in Lateinamerika.

Außenpolitik spielte für Rousseff zuletzt eine untergeordnete Rolle, zu groß waren die Probleme im eigenen Land. Mit der USA-Reise will die Präsidentin nun auf Investitionswerbetour gehen und einen Neuanfang einläuten. Der Besuch werde der "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" , meinte US-Staatssekretärin Jacobson in Anspielung an den Filmklassiker Casablanca. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 30.6.2015)

  • Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff und US-Präsident Barack Obama trafen einander zuletzt im April 2015 in Panama. Ihr persönliches Verhältnis gilt als gut, einige Probleme aber gilt es zu lösen.
    foto: reuters/jonathan ernst

    Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff und US-Präsident Barack Obama trafen einander zuletzt im April 2015 in Panama. Ihr persönliches Verhältnis gilt als gut, einige Probleme aber gilt es zu lösen.

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