Chinesischer Traum für einen Pragmatiker

29. Juni 2015, 17:52
8 Postings

Jin Liqun wird Chef der von China aufgebauten Asiatischen Investmentbank AIIB

Er denke oft an die Zeit in den 1970er-Jahren zurück, sagt Jin Liqun etwas verklärend, wenn er heute mit Dorfbewohnern zusammenkomme und deren Gastfreundschaft und Freundlichkeit erfahre. Damals, in den frühen 1970ern, arbeitete Lin selbst fast ein Jahrzehnt auf dem Land – gezwungenermaßen, wie so viele Chinesen während Mao Tse-tungs Kulturrevolution. Nun soll er an der Spitze der neuen, vorerst von China dominierten Entwicklungsbank AIIB (Asiatische Investmentbank für Infrastruktur) dabei helfen, etwas mehr Wohlstand in Gegenden wie jene zu bringen, in denen er damals selbst schuften musste.

Er habe auch in dieser harten Zeit nie den Wert der Bildung aus den Augen verloren, schrieb Jin 2007 in einem Artikel für die staatliche chinesische Zeitung China Daily – denn ohne sie könne keine Generation überleben. Damals war Jin bereits langjähriger Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank ADB und hatte zudem Erfahrung bei der Weltbank und als stellvertretender chinesischer Finanzminister gesammelt.

Dann war der Übersetzer weg

Das liegt auch daran, dass Jin nach der harten Arbeit auf dem Land tatsächlich einen beeindruckenden Bildungsweg hinter sich brachte, wie die Hongkonger South China Morning Post in einem Porträt schildert. Kurz nach Beginn der chinesischen Öffnung zur Welt trug sich der mittlerweile fast 30-Jährige als Student an der Pekinger Fremdsprachenuniversität ein – nur wenige Jahre später übersetzte er das Buch Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie des australischen Literaturnobelpreisträgers Patrick White in Mandarin.

Zumindest zum Teil, so die taiwanesische Nachrichtenseite Want China Times. Denn als sein Herausgeber den zweiten Teil der Übersetzung anfordern wollte, war Jin nicht mehr greifbar. Er war nach Washington gegangen, um sich dort – unter anderem – mit den Strukturen der Weltbank zu beschäftigen. Der weitere Weg führte ihn an die Boston University, in Chinas Finanzministerium und durch internationale Finanzorganisationen.

Der heute 66-Jährige zeichne sich durch schnelle Auffassungsgabe und Pragmatismus aus, sagen Kollegen, die ihn dort kennengelernt haben. Und durch eher unbürokratische Haltung. Diese hat der verheiratete Vater einer erfolgreichen Ökonomin auch für die Arbeit an der Spitze der AIIB in Aussicht gestellt: Er werde einiges anders machen, als er es an der Weltbank gelernt habe. (Manuel Escher, 29.6.2015)

  • Artikelbild
    foto: apa/epa/rolex dela pena
Share if you care.