Tafel gestohlen: Streit um Gedenken an "Kämpfer des Deutschtums"

29. Juni 2015, 17:37
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Im Ötztal wurde eine Antisemitismus-Mahntafel von Unbekannten abmontiert – ersetzt wird sie wohl nicht

Innsbruck – Inmitten seiner Berge ruhe er, der "Kämpfer für das Deutschtum". So steht es auf einer Tafel im Rofental bei Vent im Tiroler Ötztal. Waldemar Titzenthaler wird hier geehrt, der "langjährige Führer und Ehrenvorsitzende der Sektion Mark Brandenburg des D. u. Oe. A. V." – also des deutschen und österreichischen Alpenvereins.

Vergangenen September wurde schließlich eine Mahntafel hinzugefügt. Dass der Fotograf Titzenthaler zwischen 1922 und 1930 der Sektion vorstand, war darauf zu lesen. Auch, dass diese Sektion unter ihm den Ausschluss jüdischer Bergsteiger aus dem Alpenverein forderte und einen "radikal deutschnationalen Kurs" verfolgte. Bereits im Winter nach Anbringung der Tafel war diese allerdings wieder verschwunden. Herausgemeißelt wurde sie.

Großvater "verunglimpft"

Friederike Kaiser, der dafür zuständigen Leiterin des Geschäftsbereichs Kultur des deutschen Alpenvereins, sei das seit April bekannt, sagt sie. Wer die Mahntafel entfernt hat, wisse man allerdings nicht. Von einer Anzeige habe der Verein abgesehen.

Ein Enkel Titzenthalers drohte kürzlich allerdings umgekehrt dem Bergsteigerverband mit einer Klage wegen der Zusatztafel – angeblich wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, dass diese bereits entfernt war. Sein Großvater werde durch die erklärenden Worte "verunglimpft", argumentierte er.

Sektion errichtete auch Hütten

"Wir überlegen derzeit noch, wie wir nun weiter vorgehen", sagt Kaiser. "Irgendeinen Hinweis" auf den beschämenden Teil der Vereinsgeschichte wolle man jedenfalls wieder anbringen, "aber vielleicht kein Schild oder eines an einer anderen Stelle".

Die Sektion Mark Brandenburg, die damals zu den größten des Alpenvereins zählte, hatte im Ötztal auch mehrere bis heute genutzte Hütten errichtet, die bisher nicht mit einer Kommentierung versehen wurden. Mit der Mahntafel unter Titzenthalers Gedenkplatte habe der Alpenverein auch allgemein an die Zeit und vor allem die radikal antisemitische Ausrichtung der Ortsgruppe erinnern wollen, sagt Kaiser.

Brücke zwischen "Ostmark und Reich"

Titzenthaler bezeichnete den Alpenverein als breite Brücke zwischen "der deutschen Ostmark und dem Reich". Nach Hitlers Machtübername werde diese Verbindung ein "sichtbares Band". Auch soll er lautstark die Revision der Abtrennung Südtirols gefordert haben. "Titzenthalers Urnengrab ist uns heute Mahnung, der Intoleranz entgegen zu treten, wo immer sie uns begegnet", stand auf der Mahntafel. Es wird vermutet, sie liege nun irgendwo in der Rofenschlucht. (Katharina Mittelstaedt, 30.6.2015)

  • Im September wurde unter die Gedenktafel eines ehemaligen "Führers" einer antisemitischen Sektion des Alpenvereins eine Mahntafel angebracht – und kurz darauf gestohlen. Derzeit klafft dort ein Loch.
    foto: deutscher alpenverein

    Im September wurde unter die Gedenktafel eines ehemaligen "Führers" einer antisemitischen Sektion des Alpenvereins eine Mahntafel angebracht – und kurz darauf gestohlen. Derzeit klafft dort ein Loch.

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