Giorgio Moroder: Austauschbar auf hohem Niveau

30. Juni 2015, 05:30
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30 Jahre nach seinem letzten Studioalbum veröffentlicht der Synthie-Pop-Pionier Giorgio Moroder "Deja Vu"

Wien – Das Jahr 1977 gilt in der Pophistorie gemeinhin als Jahr des Punk. Es wird an den Sex Pistols festgemacht, die damals ihr Debüt veröffentlichten. Zwar war Punk eine schleichende Veränderung, die schon früher begonnen hat, doch 1977 war er selbst bei bescheidenem Interesse nicht mehr zu überhören. Aber 1977 war noch aus einer anderen Sicht bedeutsam.

Denn trotz Punk mit Gift und Galle schwitzte man in den Tanztempeln immer noch zu den Rhythmen der Discomusik. Uh! Ah! Stöhn! Die Ausschweifungen der Disco-Ära übersetzten Giorgio Moroder und Pete Belotte als Produzenten in Donna Summers lasziven Hit Love To Love You Baby schon 1975. Ein Lied wie Geschlechtsverkehr. Am Ende dieser 17 Minuten brauchte sogar der DJ eine Zigarette.

Zwei Jahre später produzierte Moroder Summers I Feel Love. Noch so ein Meilenstein. Eine Synthesizer-Wumme, in der Brian Eno den Sound der Zukunft erkannt haben wollte – womit er recht behielt. Dancefloor-Musik sollte ohne Synthesizer bald nicht mehr vorstellbar sein, die heutige digitale Version davon nahm damals ihren Anfang.

Und der, den Eno als dafür verantwortlich erklärte, Giorgio Moroder, ist nun wieder mit dabei. Eben veröffentlichte er das Album Deja Vu – doch ganz unerwartet kam das nicht.

Schließlich brachte ihn vor zwei Jahren das französische Elektronikduo Daft Punk wieder ins Spiel, als er auf deren Anfrage seine sonore Stimme für ihre Würdigung Giorgio By Moroder erhob. Davor hatte er 13 Jahre kein Album veröffentlicht, und wenn, waren es Soundtracks. Immerhin verantwortete der Mann einst den Welthit Never Ending Story für Limahl, was ihm eine lukrative Karriere als einschlägiger Produzent eingebracht hat.

Bowie und Leni

Für American Gigolo produzierte er Blondies Call Me, für Cat People David Bowies Titellied, er arbeitete für Flashdance, Superman III und, und, und. Er produzierte akustisches Gold für die Sparks und Sperrmüll für Falco (Body Next To Body). 2002 verirrte er sich und bastelte den Score für Leni Riefenstahls finales Werk Impressionen unter Wasser.

Sein letztes Studioalbum mit Philip Oakey von der britischen Band The Human League liegt gar 30 Jahre zurück, als seine beste Arbeit gilt jedoch das ebenfalls 1977 erschienene From Here To Eternity. Das ist ein Meisterwerk des frühen Bum Tschak, eine Art menschelndes Gegenstück zu den unterkühlt inszenierten Menschmaschinen von Kraftwerk.

Das Bild auf dem Cover zementierte Moroders Image ein. Mit Pilotenbrille und einer stattlichen Rotzbremse galt er spätestens ab damals als Burt Reynolds des Synthie-Pop. Auf dem Cover von Deja Vu symbolisieren diese Insignien seine Person nun erneut. Nennen wir das ruhig Trademark.

Moroder wurde 1940 in Norditalien bei Gröden geboren, weshalb er mitunter Hansjörg gerufen wurde. Schon als Teenager tourte Giorgio quer durch Europa und verantwortete 1970 den ersten deutschen Top-Ten-Hit, in dem ein Synthesizer zum Einsatz kam: Arizona Man von der Schlagersängerin Mary Roos.

Das Tirilieren jugendfreier Stimmchen

Mit dem Aufstieg des Synthesizers in der Popmusik ging der Stern Moroders mit auf. Doch den Charme seiner frühen Arbeiten, als Synthesizer noch fehleranfällige und ungenaue Kästen waren, lässt Deja Vu vermissen. Längst hat auch Moroder aufgerüstet, arbeitet digital und legt ein Dutzend Tracks vor, die sich, wie der gängige Mainstreamdancefloor, vom House ableiten. Statt Donna Summers Anbahnungs- und Vollzugsgestöhne tirilieren auf Deja Vu die für die Jugend freigegebenen Stimmen und Stimmchen von Charli XCX, Kelis, Kylie Minogue oder Britney Spears.

Selten ist Moroders alte Handschrift klar zu erkennen oder gar prägnant. Lediglich in dem selbstreferenziell betitelten Track 74 Is The New 24 oder in La Disco, die beide mit der Ästhetik der späten 1970er-Jahre spielen. Der Rest klingt zeitgeistig, ist geprägt vom elektronisch veränderten Gezwitscher der Gastsängerinnen.

Brian Eno hatte recht. Die Wumme, die Giorgio Moroder einst miterfunden hat, ist so präsent, dass sie sich nicht mehr klar auf ihn als Pionier zurückführen lässt. Die Rache seines Einflusses ergibt heute eine austauschbare Kunst auf hohem Niveau. Aber größeres Lob ist in diesem Segment des Mainstreams ohnehin kaum mehr zu holen. In diesem Sinne. (Karl Fluch, 30.6.2015)

  • Der Pate des Synthie-Pop ist zurück. Giorgio Moroder veröffentlicht sein Album "Deja Vu".
    foto: sony / anna maria zunino noellert

    Der Pate des Synthie-Pop ist zurück. Giorgio Moroder veröffentlicht sein Album "Deja Vu".

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