"Mount Olympus": Gewaltige Orgie mit Bäumen und Bergtee

29. Juni 2015, 17:49
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24-stündige Performance von Jan Fabre feierte am Wochenende in Berlin Welturaufführung

Warum denn überhaupt schlafen? Wenn nach vierundzwanzig Stunden ohne jede Pause das Antikenprojekt des Belgiers Jan Fabre zu Ende geht, wenn sein Mount Olympus bezwungen ist, scheint niemand erschöpft. Groß ist der Jubel beim Publikum im Haus der Berliner Festspiele.

In Jan Fabres Antikenerkundung wird Schlaflosigkeit gefeiert: als intellektuelle Hellsicht zwischen Träumen und Wachbleiben-Müssen, als Auslöser erotischer Fantasien, aber auch als Ausgangspunkt von Ängsten, ja Paniken. "Die Pest ist in der Stadt", heißt es zu Beginn, doch der "rasende" Gott Dionysos hat zur Feier eingeladen – der Grund: "to glorify the cult of tragedy".

Schon die antiken Dionysien, von denen sich die griechische Tragödie herleitet, dauerten mehrere Tage – "Wahnsinn und Wahrheit", wie der Gott bei Fabre verkündet, Schlaflosigkeit und die Wahrheit der Träume haben wohl auch für sie gegolten. Ebenso könnte man bei Mount Olympus auch an Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Spiel erinnert sein, das 1998 sechs Tage lang im Schloss Prinzendorf gefeiert wurde.

Denn wie bei Nitsch gibt es auch bei Fabre viele rohe, blutende Fleischstücke und aktionistische Bemalungen. Doch während Nitsch die Dionysien als sakrale Liturgie zelebriert, feiert der Belgier ein genau durchchoreografiertes Schauspiel. Ein Jahr lang hat dieser mit seinen 27 Künstlern, die er als "Krieger der Schönheit" versteht, geprobt. Sie bemalen sich, feuern einander – u. a. mit Kriegsliedern der US-Marines – an, verausgaben sich, sind schreiend aufs Töten und Siegen aus.

Zwar stehen auf der Bühne nur sechs Tische und hängen darüber 35 Gitterkugellampen, die effektvoll herauf- und heruntergezogen werden – doch Mount Olympus ist vor allem auch eine obszöne Orgie. Ein phallischer Faun tanzt, während im nächtlichen, heiligen Hain mit Bäumen Unzucht getrieben wird. Die Tänzer sind oft nackt oder nur mit Laken bekleidet, manchmal tragen sie Windeln oder Unterwäsche voll Blut. Ihre Vaginen verzieren einige Tänzerinnen mit Blütenblättern. Wenn eine Sängerin dazu Vincenzo Bellinis Casta diva aus Norma singt, ist daran nichts keusch.

Trotz des Körperlichen weiß Fabres internationales Ensemble immer wieder auch durch lange Monologe zu beeindrucken. Dann winseln seine Darsteller, brüllen, flehen oder wollen wie Politiker überzeugen. Dank Textstellen aus antiken Mythen lernt man viele griechische Tragödienfiguren kennen, zum Beispiel Medea und den jammernd um sie kreisenden Jason, der sich der Mörderin seiner Kinder doch nicht nähern kann. Oder Iokaste, die den Wonnen der Liebesnacht mit ihrem Sohn Ödipus nachspürt. Der verstörte Orest wird von einer Frau mit umgebundenem Phallus gegeben; Hypollytos beklagt sich bei Zeus, warum dieser Frauen – völlig nutzlose, ärgerliche Geschöpfe – überhaupt geschaffen habe. Die Götter sind vor allem Feinde, denen Hass und Verzweiflung sowie Hohn entgegengeschleudert werden.

Mount Olympus wird in den nächsten Jahren seine Runde bei vielen Festspielen machen. Inmitten all des Trubels gibt es für die Tänzer aber Ruhepausen. Während dreier kurzer "Traumzeiten" etwa konnte man ihnen auf der Bühne beim Schlafen zuschauen – oder dank Liegen im Foyer, Zelten im Garten, Raki und Bergtee vielleicht doch selbst ein wenig vor sich hindämmern. (Bernhard Doppler aus Berlin, 30.6.2015)

Nächste Termine: 3. 7. in Amsterdam, 17. 10. in Rom

www.mountolympus.be

  • Die "Krieger der Schönheit" Gilles Polet und Stella Höttler, innig umschlungen in Jan Fabres Antikenerkundung.
    foto: wonge bergmann

    Die "Krieger der Schönheit" Gilles Polet und Stella Höttler, innig umschlungen in Jan Fabres Antikenerkundung.

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