Expo Mailand: Platte Botschaften im Kampf gegen Welthunger

Video3. Juli 2015, 11:16
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Unter dem Motto "Feeding the Planet" wollen die Veranstalter den Hunger beenden. Die Rezepte kratzen nur an der Oberfläche

Mit einem Viertel jener Lebensmittel, die von Konsumenten weggeworfen werden oder schon bei der Produktion und Lagerung verlorengehen, könnte man die 800 Millionen Hungernden der Welt ernähren, errechnet die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO). 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden demnach jährlich verschwendet.

2012 startete UN-Generalsekretär Ban Ki-moon deshalb die "Zero Hunger Challenge", um den "Welthunger zu unseren Lebzeiten zu beenden". Einer der Punkte zum Erreichen dieses Ziels sei das Ende jeglicher Lebensmittelverschwendung. 2015 widmen sich nicht nur die UN auf der 99. Weltausstellung diesem Thema.

foto: apa/epa/daniele mascolo
Die 1,7 Kilometer lange "Hauptstraße" des Expo-Areals: Für den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde wurde dort eine 1,6 Kilometer lange Pizza gebacken.

Die Expo 2015, die noch bis 31. Oktober in Mailand, Italiens zweitgrößter Stadt, abgehalten wird, trägt das Motto "Feeding the Planet. Energy for Life". Der Großevent, in den alleine die italienische Regierung 1,3 Milliarden Euro investierte, habe sich der Frage verschrieben, wie der Welthunger zu beenden sei, erklären die Veranstalter.

"Vermächtnis der Expo"

Weil Weltausstellungen in der Vergangenheit oft zum Anlass genommen wurden, um bahnbrechende Erfindungen vorzustellen – wie das Telefon oder die Glühbirne –, soll auch die Expo Milano etwas hinterlassen. Das "Vermächtnis der Expo" – so die Wortwahl der Veranstalter – wird freilich nicht eine Welt gutgenährter Menschen sein können, sondern die "Charta von Mailand": ein nicht gerade bahnbrechendes Schriftstück, das Staaten, Unternehmen und Privatpersonen dazu auffordert, verantwortungsvoll und nachhaltig zu handeln. Die Intention der Charta und der Weltausstellung überhaupt sei, bewusst zu machen, dass es Mittel gegen Hunger und Essensvergeudung gibt, sagt Expo-Sprecher Simone Molteni zum STANDARD.

foto: christa minkin
Die Projektion eines hungernden Kindes blickt den Besuchern im Südkorea-Pavillon entgegen.

Wo diese Lösungen zwischen den enorm großen Pavillons der teilnehmenden Staaten, den gigantischen Installationen und kulinarischen Kostproben, den Kurzfilmen in Bollywood-Manier und den Leuten, die als Expo-Maskottchen in bunten Obstkostümen herumlaufen, zu finden sind, verrät Molteni nicht: "Wir hoffen, den Welthunger beenden zu können", sagt er schlicht. Und so bleibt es fraglich, ob die Botschaft gegen das Übermaß in den westlichen Ländern bei den Besuchern überhaupt ankommt. Schließlich sind auf dem riesigen Gelände, das wie eine Stadt in der Stadt im Nordwesten Mailands errichtet wurde, weder die Unterernährten noch die Übergewichtigen vertreten. Stattdessen lächeln einem überall junge, wohlgenährte und vitale Mitarbeiter entgegen.

Übermaß im Hamsterrad

Einer der wenigen Pavillons, in denen man sich an einem Lösungsansatz versucht hat, ist jener aus Südkorea, wo eine künstlerisch-ästhetische Umsetzung des Expo-Mottos gewählt wurde: Dicke, glänzende schwarze und weiße Kugeln etwa repräsentieren Übermaß und ungesunde Ernährung. Auf symbolische Konservendosen wird hundertfach eine übergewichtige Figur projiziert, die wie in einem Hamsterrad läuft und läuft und läuft. "What to eat? How to eat?", steht in großen Lettern auf dem Boden. Die Projektion eines hungernden Kindes mit eingefallenen Wangen und Rippen, die sich auf der Haut abzeichnen, starrt die Besucher aus der Dunkelheit an.

foto: christa minkin
Onggi heißen diese traditionellen südkoreanischen Fermentationsgefäße.

Der Lösungsvorschlag für dieses Ungleichgewicht in der Ernährung folgt sodann: Fermentation von Lebensmitteln, eine uralte Tradition in der südkoreanischen Küche. Doch diese Idee wird nur oberflächlich abgehandelt und nicht in einen breiteren Kontext gestellt. Weder findet Fermentation zur Herstellung von Biogas Erwähnung, noch gibt es praktikable Informationen, wie jeder Einzelne Müll vermeiden kann, indem er zum Beispiel welkes Gemüse einlegt – also fermentiert, um es haltbar zu machen – oder Essig oder Dünger einfach in der eigenen Küche herstellt, anstatt Reste wegzuschmeißen.

Essgewohnheiten kennenlernen

Die Besucher erfahren nur vage, dass Kimchi eingemachtes Gemüse ist und dass die traditionellen Fermentationsgefäße Onggi genannt werden. Und im Selbstbedienungsrestaurant beim Ausgang können sie die Speisen, von denen sie zuvor erfahren haben, verkosten. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Besucher auf die Frage, worum es denn eigentlich bei der Expo geht, antworten: "Um das Kennenlernen verschiedener Kulturen und der dortigen Essgewohnheiten."

foto: christa minkin
Im Supermarkt der Zukunft wird wohlgeformtes Obst und Gemüse angeboten.

Diffus wird das Expo-Motto auch im "Supermarkt der Zukunft" abgehandelt, der von der Schweizer Lebensmittelkette Coop entwickelt wurde. Über den langen Reihen mit glänzendem und wohlgeformtem Obst und Gemüse – was wurde aus den weniger schönen Früchten? –, dem luftdicht verpackten Fleisch, den Fertigmahlzeiten, Süßigkeiten und Getränken wird digital über Herkunft und Inhaltsstoffe informiert. Die Bildschirme reagieren auf die Bewegung des Kunden: Greift er etwa zum Schinken, scheint die dazugehörige Info auf – die aber nicht ausführlicher ist als das, was heute auf Lebensmittelverpackungen gedruckt wird. Wo kommt das Tier her? Womit wurde es gefüttert? Und warum wird im Supermarkt der Zukunft überhaupt noch so viel Fleisch und Fertignahrung angeboten? Auf solche Fragen finden Besucher keine Antwort.

Lebensmittelsicherheit und Spielerei

Verpackungen – ob aus Kunststoff oder Karton – sind in diesem futuristischen Einkaufstempel allgegenwärtig. Das hat etwas mit Lebensmittelsicherheit zu tun, erfährt man oberflächlich. Essen soll ja nicht nur für alle vorhanden, sondern auch frei von Keimen sein. Das durch Verpackungsmaterial verursachte weltweite Müllproblem findet keine Erwähnung. Stattdessen können sich Besucher an einer Spielerei erfreuen: Ein Roboter packt Äpfel in kleine Kartons.

Der zukünftige Supermarkt kommt sowieso fast ohne Menschen aus, und auch an der Kassa gibt es Selbstbedienung. Über das Transportunternehmen DHL können die Kunden schließlich ihre Einkäufe in die ganze Welt verschicken lassen; gegen Bezahlung, versteht sich. Die Teilnahme an der Expo sei Teil der Social-Responsibility-Strategie von Coop, schreibt eine Unternehmenssprecherin dem STANDARD.

derstandard.at/minkin
Der Roboter packt – zumindest in der Theorie – Äpfel in kleine Kartons.

Und so reiht sich Coop zu jenen Unternehmen – ob Fastfoodketten, Schokolade- oder Softdrinkproduzenten –, die ihr Image allein durch die Teilnahme an dieser Expo, in der es im weitesten Sinn um Nachhaltigkeit geht, aufzupolieren versuchen; auch etwa der Fahrzeughersteller Fiat, der mit weiß lackierten Autoattrappen, aus denen Bäume wachsen, für eine luftreinigende Farbe wirbt.

Themenverfehlung

Es sei berechtigt, dass diese Firmen hier vertreten seien, sagt ein Besucher aus Israel. McDonald's sei eben auch ein Beispiel dafür, wie sich die Menschheit heutzutage ernährt. "Wir brauchen die Sponsoren", sagt eine Italienerin pragmatisch. "Die großen Unternehmen vergiften die Message nicht", meint ein weiterer Besucher. Und welche Message nehmen die Expo-Besucher nun mit? Eine Frau hält die Umsetzung der meisten Pavillons für eine Themenverfehlung – um Versorgungssicherheit gehe es da nicht. "Es sind die Olympischen Spiele der Wirtschaft", sagt jemand. Jedes Land wolle zeigen, was es auf diesem Gebiet kann.

Gelegenheit zur Reflexion

Bei manchen Besuchern scheint aber doch auch inhaltlich etwas hängenzubleiben: "Es geht um die Kommerzialiserung von Essen", findet ein Mann. Er wolle seine Ernährungsgewohnheiten ändern und hole sich deshalb hier Ideen. Ein anderer Besucher bescheidet der Expo zumindest eine "Gelegenheit zur Reflexion". Immerhin.

Denn andernfalls würde von der mit enormem Aufwand ausgetragenen 99. Weltausstellung nicht viel mehr an Relevanz zurückbleiben als das, was von einem Eurovision Song Contest bleibt: ein kurzer, unpolitischer und oberflächlicher Moment der Völkerverständigung. (Christa Minkin aus Mailand, 3.7.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise erfolgte auf Einladung des Europäischen Parlaments.

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