Regenbogen-App: Ein neues Facebook-Experiment?

29. Juni 2015, 17:13
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Soziales Netzwerk studierte bereits in der Vergangenheit die Verbreitung von Online-Bewegungen durch veränderte Profilbilder

Vor wenigen Tagen hat das US-amerikanische Höchstgericht die gleichgeschlechtliche Ehe für verfassungskonform erklärt und damit de facto landesweit legalisiert. Was im Netz folgte, war stürmische Freude.

Besonders sichtbar wurde die Freude über das historische Urteil auf Facebook. Zahlreiche Nutzer hatten ihr Profilbild auf einmal in Regenbogenfarben getüncht. Vorreiter war Mark Zuckerberg himself, Mitgründer und Chef des sozialen Netzwerks.

"Celebrate Pride" als neues Experiment?

Die plötzliche Verbreitung war freilich kein Zufall, stellte doch Facebook selbst eine kleine App namens "Celebrate Pride" bereit, mit der sich das eigene Profilbild binnen weniger Sekunden bunt überlagern ließ. Alleine in der ersten Stunde nach der Freischaltung des Werkzeugs sollen mehr als eine Million Nutzer davon gebraucht gemacht haben.

Facebook unterstützt die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen schon lange, dennoch könnte das Regenbogen-Tool auch einen anderen Hintergrund haben, vermutet The Atlantic. Es könnte sich auch um eines der Experimente handeln, die das Netzwerk unregelmäßig mit seinen Nutzern veranstaltet.

So wurden in der Vergangenheit etwa schon die Auswirkungen bestimmter Nachrichtenhäufungen im Stream auf die Laune der User erforscht und auch ihr Wahlverhalten hatte man schon unter die Lupe genommen. Da diese Versuche im Geheimen stattfinden und User nicht darüber informiert werden, Teil eines Experiments zu sein, hat man sich damit wenig überraschend Kritik von Datenschützern eingehandelt.

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Facebook-Paper zu Online-Bewegungen

Einen Hinweis darauf, dass Facebook nicht nur individuelle Verhaltensweisen, sondern auch Gruppenverhalten studiert, gibt etwa das Paper "Die Verteilung von Unterstützung in einer sozialen Online-Bewegung", das das Unternehmen im März veröffentlicht hat. Verfasst wurde es von einem Forscher der Stanford University und Lada Adamic aus Facebooks Datenanalyse-Team.

Sie untersuchten etwa, welche Faktoren dazu führen, dass Personen als Unterstützungsbekenntnis ihr Profilbild verändern. 2013 schmückten drei Millionen User ihre Fotos mit dem Logo der Human Rights Campaign, ebenfalls um ihre positive Einstellung gegenüber der Homosexuellen-Ehe zu bekunden. Immer wieder gab und gibt es Kampagnen, die User dazu bringen, ihre Profilbilder zu verändern oder an anderen Angaben ihres Kontos zu schrauben.

Umstritten

Ob diese Form des Aktivismus außerhalb des Internets viel bewirken kann, ist bis heute umstritten. So gibt es etwa die Theorie, dass die Auswirkungen auf politischen Wandel nicht vorhersagbar seien und Online-Kampagne gar Energie abziehen könnten, die sonst vielleicht in schlagkräftigere Offline-Aktionen gesteckt würde.

Allerdings ignoriert diese These, dass im konkreten Fall das Schmücken eines Profilbilds oder das Posten eines Coming-out-Videos für den Einzelnen durchaus mit einem Risiko aufgrund seines sozialen Umfelds behaftet sein könnte – vom harmlosen Streit mit andersdenkenden Freunden bis hin zur gefährlichen Begegnung mit radikalen Homophoben.

Our country was founded on the promise that all people are created equal, and today we took another step towards...

Posted by Mark Zuckerberg on Friday, June 26, 2015

Soziale Nachahmung

Die Facebook-Studie war der Frage nachgegangen, wie oft Nutzer sehen müssen, dass ein Freund sein Profilbild ändert, bis sie selbst dies auch tun. Sie ließen zwei Erklärungen gegeneinander antreten. Die erste Annahme ging davon aus, dass die Verbreitung ähnlich funktioniert wie bei lustigen Meme-Bildern und der Einfluss des Bildes mit steigender Verbreitung abnimmt. Die zweite Theorie geht davon aus, dass eine Nachahmung wahrscheinlicher ist, je öfter Nutzer einer solchen Änderung "ausgesetzt" sind.

Im Falle der Bewegung aus 2013 konnte man feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Profilbildänderung beim einzelnen Nutzer nur für die ersten sechs Beobachtungen eines geänderten Profilbildes bei Freunden anstieg und dann komplett abflachte. Sie konnten beobachten, dass die Verbreitung hier deutlich anders funktioniert als bei anderen Informationen auf Facebook. Während lustige Bilder flott geteilt werden, warteten viele bei diesem sozialen Anliegen auf "soziale Bestätigung", also auf genügend Vorreiter aus ihrem eigenen Freundeskreis auf der Plattform, ehe sie selbst mitmachten.

Fruchtbarer Forschungsboden

Die Legalisierung der Homosexuellen-Ehe in den USA würde für Facebook nun erneut fruchtbaren Forschungsboden aufbereiten. Dass die Untersuchungen in diese Richtung ohnehin ein Dauerprojekt sein dürften, bewies zuletzt Mark Zuckerberg selber. Er lud kürzlich eine Infografik hoch, welche zeigt, wie sich die Teilnahme an Facebook-Gruppen zu LGBT-Anliegen seit 2008 geografisch in den USA verteilt entwickelt hat. (gpi, 29.06.2015)

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