Ludwig Steiner 1922–2015 Widerstandskämpfer, Patriot, Politiker

29. Juni 2015, 11:43
56 Postings

Der Tiroler Ludwig Steiner war eine der Persönlichkeiten, die aus fester Überzeugung die Republik Österreich wiederauferstehen ließen – und sie, ohne selbst im Vordergrund zu stehen, geprägt haben

Wien – Was Ludwig Steiner über Minderheiten zu sagen hatte, klingt bedrückend aktuell: "Wirtschaftliche Not, aber oft genug ist in letzter Zeit brutale Unterdrückung ganzer Volksgruppen die Ursache, dass gepeinigte Menschen auf den Straßen Europas auf der Flucht und zur Heimatlosigkeit verurteilt sind."

Steiner schrieb das vor mehr als 20 Jahren unter dem Eindruck der Kriege im ehemaligen Jugoslawien – mit einem eindeutigen Bekenntnis: "Setzt man sich jahrelang für eine Volksgruppe ein, die einem ganz persönlich nahesteht, so kommt man unweigerlich dazu, sich grundsätzlich für die Rechte aller Volksgruppen einzusetzen."

Lebensthema Südtirol

In Steiners Fall war die ihm nahestehende Volksgruppe jene der Südtiroler in Italien – obwohl er selbst in Innsbruck geboren wurde und von dort in die Politik nach Wien gekommen war. Und das kam so: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war der als Wehrmachtssoldat schwer verwundete Steiner in einer Gruppe von Widerstandskämpfern aktiv, die Innsbruck von der Nazi-Herrschaft befreien konnten, ehe die Alliierten die Stadt erreicht hatten. Die Gruppe wurde von Karl Gruber geführt, einem Innsbrucker, der vorher in Berlin im Widerstand tätig gewesen war und nach Kriegsende zum ersten Landeshauptmann von Tirol wurde. Steiner wurde sein Sekretär.

Gruber gründete die österreichische Staatspartei – und schickte Steiner nach Wien, um mit der provisorischen Bundesregierung und der ÖVP Fühlung aufzunehmen. Damals, erinnerte sich Steiner später, war man in Tirol nicht ganz sicher, was von der in der sowjetischen Besatzungszone installierten Wiener Regierung zu halten wäre.

Raabs Kabinettschef

Die Bestrebungen zur Einheit setzten sich aber durch, die Staatspartei wurde in die Volkspartei eingegliedert. Gruber kam in die Bundesregierung, wurde Außenminister unter Bundeskanzler Leopold Figl. Steiner schloss sein Volkswirtschaftsstudium ab ging ebenfalls in den diplomatischen Dienst und widmete sich seinem Lebensthema Südtirol. Durch Gruber war er in die Vorbereitung des Staatsvertrags 1955 eingebunden – über Grubers Empfehlung wurde er der Kabinettschef von Bundeskanzler Julius Raab.

Das war die Zeit der legendären "Kaffeekränzchen" in der Wiener Kärntner Straße 52, dem damaligen Parteisitz der ÖVP: Hier entschieden Raab und seine Berater die Linie der Partei (und damit der Regierung – letztlich des ganzen Landes), hier lernte Steiner das Spiel der Macht.

Als Raab im April 1961 das Vertrauen seiner Partei verlor, sorgte er dafür, dass sein Vertrauter Steiner in die Regierung kam: Im Kabinett Gorbach war Steiner Staatssekretär im Außenministerium und damit Verbindungsmann zum damaligen Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ).

Staatssekretär und Botschafter

Machte er nicht gerade Karriere in der ÖVP, vertrat Steiner Österreich als Botschafter (in Bulgarien, Zypern und Griechenland). In der Partei sprachen ihn daher die älteren Weggefährten als "Herr Staatssekretär", die Jüngeren als "Herr Botschafter" an – auch als er längst Berufspolitiker war. Das war die für die ÖVP schmerzhafte Zeit der Opposition: 1979 erlitt die ÖVP ihre bis dahin schwerste Wahlniederlage, Steiner zog auf einem Tiroler Mandat in den Nationalrat ein, wurde außenpolitischer Sprecher seiner Partei. Als 1987 das Außenministerium von der ÖVP zu besetzen war, musste er allerdings Alois Mock den Vortritt lassen.

Vorsitzender im Lucona- und Noricum-U-Ausschuss

Steiner erwies sich elf Jahre lang als ruhiger, auch als Politiker diplomatisch agierender Parlamentarier. Er erwarb sich Ansehen bei allen Fraktionen. Und er glänzte am Ende seiner parlamentarischen Karriere als Vorsitzender des Lucona- und des Noricum-Untersuchungsausschusses, in denen die skandalöse Verbandelung der früheren SPÖ-Spitze mit dem Mörder Udo Proksch und die ebenso skandalösen Machenschaften rund um neutralitätsgefährdende Waffenexporte der rot-blauen Regierung aufgearbeitet wurden.

Prägende Rolle im Versöhnungsfonds

Seine letzte große öffentliche Funktion bekam er von Wolfgang Schüssel: Der schwarze Bundeskanzler machte ihm zum Vorsitzenden des Komitees des österreichischen Versöhnungsfonds für die Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter.

Am Sonntag ist Ludwig Steiner im Alter von 93 Jahren verstorben. (Conrad Seidl, 29.6.2015)

  • Ludwig Steiner, Diplomat und ÖVP-Politiker, wurde 93 Jahre alt.
    foto: apa / roland schlager

    Ludwig Steiner, Diplomat und ÖVP-Politiker, wurde 93 Jahre alt.

Share if you care.