Zu Tode gestraft

Einserkastl28. Juni 2015, 18:44
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Niemand wird wieder lebendig und keiner wieder unversehrt

Dschochar Zarnajew, der zum Tode verurteilte Bostonattentäter, hat sich erstmals an die Opfer seines Anschlages gewandt und diese um Entschuldigung gebeten. Das kommt reichlich spät und ist nicht sehr glaubwürdig.

Das, was er und sein Bruder Tamerlan an unschuldigen Zivilisten verbrochen haben, ist durch keine Entschuldigung der Welt mehr gut zu machen. Keiner wird davon lebendig, und niemand wird davon wieder unversehrt. Die Opfer werden mit den weitreichenden Folgen seiner Gewalt leben müssen. Und er wird – sollte das Todesurteil auch nach Ausschöpfung aller Rechtsmittel vollstreckt werden – als Folge seiner Gewalt sterben.

Doch auch von seinem Sterben wird niemand lebendig und keiner unversehrt. Todesstrafe widerspricht jedem Grundsatz einer demokratischen, humanen Zivilgesellschaft. Sie lässt jenes Archaische wieder hereinbrechen, das der Humanismus hinter sich lassen möchte.

Selbstverständlich muss sich die Gesellschaft gegen Verbrechen schützen und Grenzen ziehen. Dafür gibt es lebenslange Haft.

Im Unterschied zu dieser kann bei vollzogener Todesstrafe ein Fehlurteil nicht mehr revidiert werden: Der staatlich zu Unrecht Getötete wird bestenfalls posthum rehabilitiert. Davon hat er recht wenig.

Der Staat führt zudem mit jeder Hinrichtung vor, dass Töten im Prinzip vertretbar ist – ein sehr dünnes Eis unserer per se leicht brüchigen Zivilisation. (Julya Rabinowich, 29.6.2015)

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