Europaspiele am Scheideweg

28. Juni 2015, 18:25
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Menschenrechtler haben heftig gegen Veranstalter Aserbaidschan protestiert. Bei vielen Sportlern kamen die ersten Siele gut an

Baku – Modern und professionell, aber auch fragwürdig und umstritten: Die ersten Europaspiele in Baku lieferten ein zweischneidiges Ergebnis. Voll des Lobes war der Ire Patrick Hickey, Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC). "Diese Europaspiele haben in jedem Bereich unsere Erwartungen übertroffen. Die Infrastruktur und die Organisation befähigen Baku, Olympische Spiele auszurichten", sagte Patrick Hickey zum Abschluss der Spiele am Sonntag. Tatsächlich überlegt Aserbaidschan, das sich zweimal vergeblich bewarb, eine dritte Kandidatur für Olympische Sommerspiele. Bei der Auflage 2024 wären Boston, Hamburg, Paris und Rom die Gegner.

Doch waren die Europaspiele wirklich ein voller Erfolg? Für Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und Chef de Mission, setzte Baku "einen Meilenstein für weitere Europaspiele" – bezogen war diese Aussage allerdings auf die Rahmenbedingungen mit Unterkunft, Transport und brandneuen Arenen. Schließlich hat sich Aserbaidschan nicht lumpen lassen – allein die Eröffnungsfeier mit Stargast Lady Gaga kostete 85 Millionen Euro, also zweieinhalbmal so viel wie die Zeremonie bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Das Gesamtbudget in Baku soll knapp neun Milliarden Euro betragen haben.

Die Frage des Einordnens

Die sportliche Bewertung der Europaspiele sei "nicht einfach", erklärte Schimmelpfennig mit Blick auf die teils eklatanten Niveauunterschiede zwischen einzelnen Sportarten. Die olympische Kernsportart Leichtathletik etwa bot nur die vierte Liga der Team-EM. Im Schwimmen wurden mangels Interesse des Weltverbands FINA nur eine Junioren-EM veranstaltet. Kurzum: Jede Medaille musste für sich selbst bewertet werden. Österreich schloss mit zweimal Gold, siebenmal Silber, viermal Bronze ab.

Dass drei Viertel der Arenen ausverkauft waren, wie Simon Clegg, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft der Europaspiele, erklärte, ist zu bezweifeln. Zum Triathlon, Kanu oder Tischtennis kamen meist mehr Journalisten und Teambetreuer als zahlende Zuseher. Nur als Bühne für die kleineren Sportarten haben die Spiele eingeschlagen. "Die mediale Präsenz ist höher als bei einer EM", sagte der deutsche Tischtennisstar Dimitrij Ovtcharov.

"Aserbaidschan wird immer in meinem Herzen sein"

In den meisten Sportarten herrscht in Europa eine Tradition kontinentaler Meisterschaften vor. Die Europaspiele müssten qualitativ zulegen. Viele glauben, dass dies nur über den zusätzlichen Anreiz von Olympia-Tickets funktionieren kann. Auch die besten Leichtathleten und Schwimmer ins Boot zu holen wird wohl zur Pflicht fürs EOC. Eine echte Konkurrenz für die Europaspiele sind die European Sports Championships, in deren Rahmen 2018 die Schwimmer und Leichtathleten ihre jeweilige EM gemeinsam austragen – mit den Besten ihrer Zunft, nicht mit der C-Klasse oder Nachwuchskräften.

Zweite große Baustelle ist das Finden eines Ausrichters für 2019 mit positivem Leumund. Interessenten bis dato: Istanbul (Türkei), Kasan (Russland), Minsk (Weißrussland). Menschenrechtsdiskussionen waren schon in Baku immanent. Der Staat am Kaspischen Meer wird seit 2003 autoritär von Präsident Ilham Alijew geführt. Bürgerrechtler beklagen Justizwillkür, massiven politischen Druck auf Medien und Andersdenkende. EOC-Boss Hickey jedoch war nicht zu bremsen und schwärmte: "Die Spiele haben jede Erwartung übertroffen. Aserbaidschan wird immer in meinem Herzen sein." (sid, fri, 28.6.2015)

  • Präsident Alijew winkte quasi von oben  die ersten Europaspiele ab, in die Aserbaidschan mehrere Milliarden Euro  butterte. Bürgerrechtler beklagen Justizwillkür und  Menschenrechtsverletzungen.
    foto: apa/epa/bernd thissen

    Präsident Alijew winkte quasi von oben die ersten Europaspiele ab, in die Aserbaidschan mehrere Milliarden Euro butterte. Bürgerrechtler beklagen Justizwillkür und Menschenrechtsverletzungen.

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