Ökonom: "Eurogruppe ist in einer relativ komfortablen Situation"

Interview29. Juni 2015, 11:17
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Laut Daniel Gros vom Thinktank CEPS habe keine griechische Regierung jemals etwas getan, um Geld einzutreiben. Nicht die Troika oder Berlin müssten jetzt Maßnahmen setzen, sondern Athen

STANDARD: Wie schätzen Sie die Lage nach dem Abbruch der Verhandlungen zwischen Griechenland und den Geldgebern am Samstag derzeit ein?

Gros: Es gibt jetzt erst einmal ein großes Durcheinander. Griechenland hat beschlossen, ein Referendum durchzuführen, ohne zu sagen, wie die Frage lauten wird, und obwohl die Verfassung keine Volksabstimmung über den Haushalt zulässt. Es handelt sich also eher um eine politische Geste. Es ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit.

STANDARD: Es wird zu Kapitalverkehrskontrollen kommen, um einen Kollaps zu verhindern. Was bewirkt ein solcher Schritt ?

Gros: Wenn effiziente Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, müssten die Auswirkungen auf die Wirtschaft relativ begrenzt sein. Wenn man ungeschickt verfährt, kann man die Wirtschaft zum Absturz bringen und weitere politische Verwerfungen auslösen. Das würde am Ende zum Zusammenbruch des Staates führen.

STANDARD: Was ist effizient?

Gros: In Griechenland ist weniger die Zahlungsfähigkeit der Banken ein Problem, sondern vielmehr die Kapitalflucht ins Bargeld und ins Ausland. Man braucht somit den inländischen elektronischen Zahlungsverkehr gar nicht stark einzuschränken, sondern nur die Auszahlungen von Bargeld und Überweisungen ins Ausland. Das bedarf allerdings einer effizienten Verwaltung. In Zypern brauchte man trotz funktionierender Behörden zwei Wochen, um das auf die Beine zu stellen. Ich bezweifle, dass das in Griechenland so schnell gehen kann.

STANDARD: Woran ist es gelegen, dass beide Seiten keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben?

Gros: Ich meine, da hat am Ende das Vertrauen gefehlt. Die Griechen waren nie wirklich in der Lage, Zahlen im Einzelnen zu liefern. In der Eurogruppe wollte niemand mehr den Griechen irgendeinen Vertrauensvorsprung geben, sondern nur dieses und jenes Detail fixiert wissen. Da ist den Griechen irgendwann der Geduldsfaden gerissen. Deswegen die Panikreaktion.

STANDARD: Sind Athens Vorschläge nicht sehr weitreichend?

Gros: Auf dem Papier schon, ganz klar. Nur war das zu spät, fünf Minuten nach zwölf. Das Vertrauen war in der Eurogruppe nicht gegeben. Der Tenor war: Ihr habt schöne Überschriften, aber was dahintersteht, dem glauben wir nicht.

STANDARD: Wie geht's weiter?

Gros: Die Eurogruppe ist jetzt in einer relativ komfortablen Situation. Das Programm läuft aus, und solange es Kapitalverkehrskontrollen gibt, müssen sich die Griechen selbst finanzieren. Da kann kein Geld der EZB mehr abgezogen werden. Da braucht man im Grunde genommen gar nichts mehr zu tun, sondern einfach abwarten.

STANDARD: Und die Rückzahlung an den Währungsfonds, die am 30. Juni fällig wird?

Gros: Das ist nicht weiter wichtig. Da kommt halt eine E-Mail des IWF, in der er sagt: Ihr seid im Zahlungsverzug. Das hat per se keine großen Auswirkungen. Das Wichtigste ist, dass man gar kein neues Programm braucht, solange es Kapitalverkehrskontrollen gibt. Da kann man den Griechen überlassen, ob sie Ausgaben kürzen oder Steuern erhöhen, um ihre Vorhaben zu finanzieren. Das ist politisch ein ganz großer Vorteil, weil dann nicht mehr die böse Troika oder der böse Deutsche Athen die Maßnahme auferlegt, sondern die Katze selbst.

STANDARD: Ist die Wahrscheinlichkeit eines Grexit gestiegen?

Gros: Das sieht aus, als wäre es ein bequemer Ausweg, aber die immateriellen Kosten wären enorm.

STANDARD: Warum sind die hohen Auslandsvermögen kein Thema?

Gros: Das hätte vor Jahren ein Thema sein können, aber das Geld ist weg. Keine griechische Regierung, auch die jetzige, hat jemals etwas getan, um das Geld einzutreiben. Wenn die Pferde aus dem Stall sind, kann man wenig tun.

STANDARD: Viele Länder haben Abkommen mit der Schweiz.

Gros: Dafür braucht man eine effiziente Verwaltung und den politischen Willen. In Griechenland fehlte beides. (Andreas Schnauder, 29.6.2015)

  • Daniel Gros, deutscher Ökonom und Direktor des Centre for European Policy Studies in Brüssel, sieht die Volksabstimmung "aus Ausdruck der Hilflosigkeit".
    regina hendrich

    Daniel Gros, deutscher Ökonom und Direktor des Centre for European Policy Studies in Brüssel, sieht die Volksabstimmung "aus Ausdruck der Hilflosigkeit".

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