Viel Trotz und ein Hauch von Erleichterung

28. Juni 2015, 17:01
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Nach sechs Jahren Rezession und Sparpolitik regieren Resignation und verletzter Stolz unter den Griechen. Was aber ab dieser Woche in ihrem Land geschehen wird, weiß niemand

Es klingt so dahingesagt, so ähnlich wie vieles jetzt aus Politikermündern, ein bisschen unsicher, ein bisschen stolz. "Wir müssen unser Leben in die Hand nehmen. Das ist wichtig", sagt der junge Mann. "Es wird am Anfang bestimmt schwierig. Aber egal. Danach kommt etwas Besseres."

Man sieht seine Augen nicht, als Filippos über das Leben nach dem Euro spricht. Der junge Grieche trägt eine dieser großen Sonnenbrillen, wie sie hier jeder hat, aber mit goldfarbener Fassung. Die Freundin hängt an seinem Arm, eine blasse, zierliche Frau. Vielleicht werden sie heiraten und eine Familie gründen. Leicht wird es nicht, aber leicht ist das Leben jetzt schon nicht. Filippos ist Fabrikarbeiter – Kugelschreiber und Feuerzeuge, ein bekanntes Unternehmen. Mehr als 50 Prozent in seinem Alter haben im totgesparten Griechenland keinen Job mehr. Und irgendwo im Hinterkopf hat Filippos Europa und die gemeinsame Währung längst schon abgehakt. Er ist nicht der Einzige an diesem Tag auf Athens Einkaufsstraße Ermou, der so denkt.

Alexis Tsipras und seine Regierung haben eine Wand eingerissen, und jetzt blicken die Griechen durch dieses Loch hindurch.

Geld weg, Staatspleite kommt?

Das neue Hilfsprogramm der Gläubiger mit den neuen Sparmaßnahmen ist abgelehnt. Das Geld ist weg, die Staatspleite kommt. "Na und?", sagt eine junge Verkäuferin, die eine Zigarettenpause vor einem der großen Modegeschäfte in der Ermou macht. "Wir haben keine Zukunft im Euro. Schlimmer als jetzt kann es nicht werden."

Kann es nicht? Den ganzen Tag über haben die Griechen Geld an den Automaten abgehoben, ein paar Fünfzig-Euro-Noten, denn am Montag ist vielleicht schon Schluss. Es gab Schlangen vor den Bankomaten, lang waren sie in der Regel nicht. Wer wirklich Geld besitzt, hat es längst in Sicherheit gebracht.

Woche für Woche sind die Bankkonten leerer geworden, doch in den Umfragen standen die Griechen hinter ihrem jungen linken Premier – 60, 70 Prozent unterstützten zeitweise die erste Regierung, die Nein sagte zu den Forderungen der Kreditgeber in Brüssel. "Die Griechen sind irrational", stellt John Loulis, ein Politikberater und Parteienkenner, fest. Und die Idee mit dem Referendum? "Ein verrückter Schritt."

Fataler Kreditrausch

Nicht für die Leute auf der Ermou-Straße. "Sie hätten das schon vor Jahren machen sollen", sagt Katarina und meint die Volksabstimmung, die nun für nächsten Sonntag geplant ist, und überhaupt den Ausstieg aus dem Euro. "Jetzt ist es spät, aber noch nicht zu spät", sagt die Frau. Katarina hat viel verloren, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn. Sie hören zu mit grimmigen Gesichtern, als die 53-Jährige von den Möbelgeschäften erzählt, die die Familie im Athener Süden hatte: Anfang 2000, im Rausch der ersten Eurojahre, haben die Banken für alles Kredite gegeben, auch für Möbel. "Die Leute haben gekauft", sagt Katarina, und 2009 war die Krise dann da. Ein Jahr später musste die Familie zusperren. Sie hat alles verkauft, auch ihr eigenes Haus. "Ich dachte zuerst, es war mein Fehler. Aber das ganze System hatte daran Schuld und natürlich unsere Politiker", sagt Katarina – und: "Wir sind enttäuscht von Europa, das nicht geholfen hat."

Das "große Nein"

Ein "großes Nein" werden die Griechen bei der Volksabstimmung zur Finanzhilfe sagen, die von den Kreditgebern zuletzt angeboten worden war, so kündigte Alexis Tsipras in der Nacht auf Sonntag im Parlament an. Ganz so sicher ist das wiederum auch nicht. Zwei Umfragen, am Sonntag in den Zeitungen veröffentlicht, zeigen genau das Gegenteil. "Alles hängt in der Luft", sagt Haris Theoharis, ein Abgeordneter der liberalen Partei To Potami. Doch der Regierung traut er nicht über den Weg. Obwohl es das Angebot der Gläubiger für die Finanzhilfe im Prinzip nicht mehr gebe, wolle sie ein Referendum. "Es gibt einen versteckten Plan, zur Drachme zurückzugehen", sagt Theoharis.

Auf der Ermou-Straße freundet man sich mit diesem Plan schon an. "Ich bin mir unsicher", sagt Eleni, eine Apothekerhelferin. "Aber vielleicht ist es ganz gut, dass alles vorbei ist." (Markus Bernath aus Athen, 28.6.2015)

  • Die Frage Grexit oder Verbleib in der Eurozone spaltet die Griechen. Demonstrationen wie diese vor dem Parlament in Athen stehen auf der Tagesordnung.
    foto: ap/thanassis stavrakis

    Die Frage Grexit oder Verbleib in der Eurozone spaltet die Griechen. Demonstrationen wie diese vor dem Parlament in Athen stehen auf der Tagesordnung.

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