Euro auch in Nicht-Euro-Ländern hoch im Kurs

29. Juni 2015, 05:30
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Der Kosovo und Montenegro sind nicht Teil der Eurozone. Trotzdem zahlt man in diesen Balkanstaaten seit 2002 mit der Gemeinschaftswährung

Podgorica/Sarajevo – Die ausgebeulten Jacken der Männer ver rieten, dass sie Waffen bei sich trugen. Am Dienstag und am Freitag, als der Flieger aus der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica nach Wien ging, standen sie mit Sportreisetaschen in der Flugzeughalle. Bekannte murmelten einander zu: "Du weißt schon, was da drin ist …" In der Früh flogen die Männer nach Frankfurt mit den D-Mark-Scheinen in der Tasche, am Abend kamen sie mit den Euro-Scheinen zurück.

Montenegro und der Kosovo wurden 2002 euroisiert. In den 1980er- und 1990er-Jahren litt Jugoslawien unter hoher Inflation. Die Leute verloren das Vertrauen in den Dinar. 1999 sagten sich der Kosovo und Montenegro von Serbien los. "Im Krieg verschwand der Dinar vom kosovarischen Markt und wurde durch die D-Mark ersetzt", erzählt der kosovarische Wirtschaftsexperte Kujtim Dobruna. 2001 waren rund zwei Milliarden DM im Kosovo im Umlauf. "Es war wegen der DM quasi selbstverständlich, dass auch der Kosovo den Euro einführt." Berlin hatte Interesse daran, dass die DM auch außerhalb von Deutschland, eingezogen wurde.

Modell für Athen

Nach Montenegro konnten per Flugzeug allerdings nur Scheine gebracht werden. In einem Land, in dem ein Brot etwa 40 Cent kostet, braucht man aber Münzen – und die waren absolute Mangelware. Also begann man, mit Zuckerln statt Cents "herauszugeben". Mit den Touristen kamen dann später auch die Münzen. Neben dem Kosovo und Montenegro wird der Euro auch in den Mikrostaaten Monaco, Andorra, San Marino und Vatikanstadt und in den französischen Überseegebieten verwendet. Theoretisch könnte dies nach einem Grexit sogar ein Modell für Griechenland sein.

Denn im Kosovo und in Montenegro müssen die Konvergenzkriterien nicht eingehalten werden, und die Zentralbanken gehören nicht zum Eurosystem und der Europäischen Zentralbank. Wenn ein Staat den Euro einführt, ohne zur Eurozone zu gehören, nennt man dies einseitige "Euroisierung". Diese habe Preisstabilität gebracht und das Währungs- und Wechselkursrisiko minimiert, so Dobruna. "Ein Nachteil ist aber, dass der Kosovo über fast keine Instrumente der Währungspolitik verfügt." Für sehr kleine Volkswirtschaften wie Montenegro und Kosovo macht es aber Sinn, ein Fixkursregime zum Euro zu haben, denn ihre Möglichkeiten, unabhängige Geldpolitik zu betreiben, sind ohnehin gering.

EZB half mit

Die Einführung erfolgte mithilfe der Europäischen Zentralbank (EZB) und einiger europäischer Zentralbanken. Anders als im Fall von Montenegro hat der Kosovo mit der EZB eine Abmachung zur Euroisierung. Auf Anfrage des STANDARD erklärt die Deutsche Bundesbank, dass sie bei der Einführung des Euro im Kosovo nicht eingeschaltet war – auf Monte negro geht die Presseabteilung nicht ein. Offiziell will man offensichtlich dazu nichts sagen.

Versorgung über Österreich

Allerdings verrät die Deutsche Bundesbank, dass Österreich in beiden Balkanstaaten bei der Euroisierung eine zentrale Rolle spielte und nach wie vor spielt. "Nach unseren Informationen erfolgte Erstausstattung sowie auch die laufende Ver- und Entsorgung über die österreichische Notenbank. Dies beinhaltet auch den Austausch nicht mehr umlauf fähiger Banknoten und Münzen." Der Sprecher der Österreichischen Nationalbank, Christian Gutlederer, dazu zum STANDARD: "Richtig ist, dass hier auch eine gewisse Versorgung über Österreich stattfindet. Allerdings wohl eher über den Umweg von österreichischen Kommerzbanken."

Euroblock und Dollarblock

Im Weltwährungssystem haben sich zwei wichtige Währungsblöcke, der Dollar- und der Euroblock, herausgebildet. Im Euroblock gibt es neben den Eurozonenstaaten und den euroisierten Staaten Länder, die ihre Währung gegenüber dem Euro fixieren. Dazu zählen Dänemark, aber auch einige Balkanstaaten wie Bulgarien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina. Kroatien hat seine Währung nur zeitweise gegenüber dem Euro stabilisiert.

Zu dem 59 Staaten zählenden Euroblock gehören etwa auch jene afrikanischen Staaten, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts von Ländern abhängig waren, die heute zur Währungsunion gehören. Laut der Deutschen Bundesbank erwirtschaftete der Euroblock 2010 ein Fünftel der globalen Wertschöpfung. (Adelheid Wölfl, 29. 6. 2015)

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