André Hellers "Liebeserklärung an Querdenker" Bacher

28. Juni 2015, 11:30
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Laudatio des Weggefährten auf den Langzeit-ORF-Chef aus 2008 in Auszügen

2008 wurde der verstorbene Gerd Bacher bei der "Journalisten des Jahres"-Gala für sein Lebenswerk geehrt. Der langjährige Bacher-Weggefährte und -Freund Andre Heller hielt damals eine berührende Laudation auf den langjährigen ORF-Chef. Hier Auszüge im Wortlaut:

Hellers "Liebeserklärung"

Journalisten sind eine hochinteressante Rasse. Viele von ihnen tun sich – auch oder gerade wenn sie brillant sind – in ihrer Arbeit schwer, zuzugeben, dass sie etwas lieben. Das Negative, das Abkanzeln, das Heruntermachen, das bösartige Bewerten und Verhöhnen gelten – allerspätestens seit dem, wie ich glaube, in seiner Nachwirkung unseligen Karl Kraus – soviel mehr, als die viel dringender benötigte engagierte Ermutigung.

Ich finde Kraus auch faszinierend und einzigartig, aber in seinen hochmütigen Hasserektionen, seinem hochproblematischen Frauenbild und seiner Abhängigkeit vom Misslungenen und der Dummheit anderer, um sich daran sprachlich hochranken zu können, stößt er mich zumeist ab. Kein Beistrichfehler und kein Versprecher waren ihm zu gering, um dagegen nicht die ganze Macht seiner Begabung in die Schlacht zu werfen. Er besaß meiner Meinung nach außerdem zwar genialen Witz, aber überhaupt keinen Humor. Kein geeignetes Vorbild also. Ich plädiere – nach einer weiß Gott auch intensiven Karriere als Stänkerer – mittlerweile heftigst für die Haltung, nicht immer gegen etwas, sondern vielmehr für etwas zu sein.

"Es sei denn, es hat Qualität"

Die Energie, die man aussendet, erhält man nämlich zurück. Also etwa: nicht gegen Krankheit, sondern für Gesundheit, oder: nicht – und dies kommt aus meinem Mund – gegen die Kloake von FPÖ und BZÖ, sondern für seelische und geistige Hygiene und politische Vernunft; nicht gegen den Musikantenstadel, sondern für Mozart, Strawinsky, Miles Davis, Bob Dylan und Youssoun D'our; nicht gegen menschenverachtenden und menschenverdummenden Journalismus, sondern für Gerd Bacher! Gerd Bacher ist nämlich ein fulminantes Prinzip, das da lautet: "Es interessiert mich nicht im Geringsten, es sei denn es hat Qualität."

Seine Zeit war ihm immer zu schade und seine Selbstachtung zu groß, um sich ein Flanieren in den Niederungen der Missgunst, Oberflächlichkeit, Großmannssucht oder gar G'schaftelhuberei zuzumuten. Er war schon lange vor Ingeborg Bachmann der Meinung, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist und er hat diesbezüglich seine Freunde nicht geschont, von den Feinden gar nicht zu reden. Bruno Kreisky hat mich einmal angefaucht: "Du mit Deinem Gerd Bacher." Und ich habe ihm, und dafür gibt es Kreiskys damaligen Kabinettchef Wolfgang Petritsch als Zeugen, geantwortet: "Du wärst per saldo weniger schlecht aufgelegt, wenn du einen Freund wie Gerd Bacher hättest."

Bedingungslose Liebe

Allein zu wissen, dass in Salzburg oder Wien, und an besonders gesegneten Tagen, in Gardone Riviera ein Mensch sitzt, auf den man sich so verlassen kann wie man es sich vom eigenen Vater immer vergeblich gewünscht hat, ist ein Glück von funkelnden Graden. Jemand, mit dem ein Gespräch immer eine schöne Fallhöhe haben wird, jemand, mit dem man virtuos streiten kann, in der Gewissheit, dass dies die gegenseitige Zuneigung nur noch beflügeln wird. Ich sage übrigens Zuneigung, weil dies eine öffentliche Veranstaltung ist und bei solchen Anlässen eine gewisse Zurückhaltung zur Etikette gehört. Ich sage Zuneigung, aber meinen tu ich Liebe – ganz richtige bedingungslose Liebe.

Ohne Liebe würden wir einige unserer Unterschiedlichkeiten nicht seit genau 40 Jahren beständig weglachen. Gerd ist ein heimatloser Rechter, ich ein heimatloser Linker. Aber in den wirklich wichtigen Dingen des Lebens, im Beurteilen von Biografien zum Beispiel, der Bewunderung und der Dankbarkeit für Winston Churchill, dem Ekel vor den Nazis und vor jenen, die immer gleich Nazis wittern, wo eigentlich nur Deppen zu sehen sind, der Sehnsucht nach den heilenden Energien des Südens, der Süchtigkeit nach Schönheit und Tiefe in der Natur ebenso wie in den Künsten und der Bewunderung für die kostbaren Frauen unseres Herzens oder der Freude über unsere Kinder, in diesen wichtigsten der wichtigen Themen sind wir uns einig.

Bacher und der ORF

Niemand auf Erden beschäftigt der ORF mehr als Gerd Bacher: Mich interessiert das Schicksal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Rundfunks in unserem Land auch sehr, aber es macht mich nicht schlaflos. Wer Gerd trifft, trifft immer auch seine Sorge um den ORF. Wie auch nicht, er hat ihn ja in seiner schönsten, imponierendsten Form erfunden bzw. die begabtesten Feuerköpfe um sich geschart, um ihn erfinden zu lassen. Bacher war der fähigste, innovativste, gebildetste, risikobereiteste, querdenkerischste Generalintendant, den das Unternehmen je hatte und man riskiert wenig, wenn man hinzufügt: auch jemals haben wird.

Ich durfte ja als Zwanzigjähriger ein Mitglied dieses Medien-Goldrausch-Teams anno 67 sein und weiß, wie ernst es uns damit war, dieses Land zu durchlüften, die Loden-Nebel zu vertreiben und Österarm, wie ich es damals nannte, mit sich selbst und der Außenwelt besser bekannt zu machen – ja, wenn irgend möglich, auf einen anderen, wacheren und engagierteren Ton zu stimmen. Dass dann gerade jener, dem die Früchte unseres Witzes und unseres Zorns und unserer Programmlust am allermeisten politisch nützte, nämlich Bruno Kreisky, in seiner Es-darf-keine-Götter-neben-mir-geben-Hybris, zum nimmermüden Bacher-Bekämpfer und auch -Demontierer wurde, ist eine grausliche Pointe. Kreisky hat aber im Jahr 1978 zwei fulminante Niederlagen einstecken müssen.

Der alte Rotfuchs Kreisky

Den Ausgang der Zwentendorf-Anti-AKW-Abstimmung und Bachers Rückkehr an die Spitze des ORF. Es war für den alten Rotfuchs sicherlich keine nutzlose Erfahrung, dass auch andere schlau und wirksam sein konnten. Die Arbeiterzeitung titelte am 28. September 1978: "Morgen Wahl des Generalintendanten. Bacher ohne jede Chance." Am darauffolgenden Abend beglückte uns die SPÖ-eigene Kärntner Tageszeitung mit einer der witzigsten Leistungen der österreichischen Schlagzeilenkunst: "Kreisky in Paris, Benya in Sofia, Bacher im ORF." Gerd Bacher ist durchaus gelegentlich von sich selbst beeindruckt, aber warum sollte es ihm mit ihm selbst anders ergehen als uns mit ihm. Er ist sehr beeindruckend.

Ich kenne von ihm und über ihn Geschichten, für die Sie, illustre Zuhörer, mit Sicherheit einiges geben würden, wenn Sie sie auch kennten. Geschichten aus jener kleinen Welt, in der die große ihre Probe hält, aber auch ganz und gar Weltläufiges, denn er war ja auch Molden-Verlagsleiter und Boulevard- und Qualitätszeitungschefredakteur und Helmut Kohls Medienberater und Wahlkampf-Koryphäe und Herausgeber der Presse und kritischer Intimus des mythenumwehten Faszinosums Leo Kirch und um Haaresbreite – wenn Kreisky nicht Willi Brandt angefleht hätte, das zu verhindern – Chef des ZDF und Josef Krainer Junior wollte ihn zum ÖVP-Generalsekretär ausrufen. Was da Gerd und der ÖVP erspart blieb, kann man sich auch bei größter Fantasie nur in sehr schwachen Umrissen ausmalen.

Heute ist Gerd Bacher nach wie vor ein neugieriger, in Ausbildung stehender, geistreicher Herr mit beneidenswerter Analysefähigkeit. Wenn man den armseligen Niedergang einer bestimmten abendländischen Kultur an etwas festmachen wollte, dann eignete sich hierfür besonders unser Umgang mit älteren Meisterinnen und Meistern. Die weitverbreitete Gewissheit, dass ein relativ unerfahrenes, in Anmaßungen schwelgendes, ungeschnäuztes Bürschlein oder Mädlein a priori auf Grund seiner Jugend für wesentliche Positionen besser geeignet ist, als ein erfahrener, souveräner, genügend gesunder älterer Mensch, teile ich nicht. Dass man gerade jene, die am meisten wissen und sich nichts mehr panisch beweisen müssen, die Herrschaften mit der ziemlich befriedigten Eitelkeit und der ruhigen, in substanziellen Schlachten erprobten, Hand, nicht tagtäglich als Regulativ um kluge Auskunft bittet, merkt man unserer Gesellschaft und deren Gestaltungsmustern tragisch an.

"Zu faul oder zu arrogant"

Ich bitte Gerd seit Jahrzehnten seine Erinnerungen aufzuschreiben. Er weigert sich beharrlich das zu tun und erzählt mir dann, wie zum Hohn, immer weitere atemberaubend spannende oder groteske, in jedem Fall überlieferungswerte Begebenheiten aus seiner merkwürdigen Biografie. Jüngst zum Beispiel seine bizarren Verstrickungen in den Südtiroler Freiheitskampf. Im Jahre 1940 hat der heute zu Ehrende in Salzburg als Hitlerjunge von seinem Bannführer wegen uninteressiertem und ungehörigem Betragen als Kuhhirte eine brachiale Ohrfeige erhalten, die ihn zu einem besseren Mitglied der Herrenrasse machen sollte. Gerd, wenn Du keine Memoiren schreibst, prophezeie ich Dir so etwas Entfernt-Ähnliches beim Jüngsten Gericht.

Gott wird verlangen, dass Du vortrittst und dann sagen: "Ich hab Dich so viel erleben lassen und Du bist zu faul oder zu arrogant gewesen, es für andere als Lehrstück aufzuschreiben." Und dann wird er Dir vor allen anderen Auferstandenen aller Zeiten eine himmlische Watschen auflegen, dass Du über 41 Wolken segelst und ich werde vielleicht als einziger zustimmend applaudieren. (APA, 28.6.2015)

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