Politologe zu Tsipras: "Ein verrückter Schritt"

27. Juni 2015, 11:55
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Der griechische Politikberater John Loulis hält die Referendums-Entscheidung für fatal. Die Linke handle emotional: Tsipras gewinnt nichts, stürzt sein Land aber in eine neue Krise

Völlig verspielt – so lautet die Einschätzung des griechischen Kolumnisten und Politikberaters John Loulis nach der Ankündigung von Regierungschef Alexis Tsipras, ein Referendum über das Finanzabkommen abzuhalten, das Griechenlands Kreditgeber vorgeschlagen haben.

"Das Abkommen werden die Gläubiger zurückziehen, Tsipras macht sein Referendum, vielleicht gewinnt er es ja sogar – und was macht er dann?", sagt Loulis im Gespräch mit dem STANDARD. Die Frage "Für oder gegen das Finanzabkommen" sei sinnlos. Die Griechen hätten nichts mehr gewünscht als endlich ein Abkommen, egal wie. "Sie hätten alle aufgeatmet und Tsipras und seine Regierung hätten eine breite Mehrheit im Parlament für das Abkommen gefunden", glaubt der renommierte Athener Politikberater.

"Den Ball verloren"

Doch nach monatelangen Verhandlungen mit den Kreditgebern, bei denen sich immer mehr Wut aufstaute, habe Tsipras nicht mehr gewusst, was er tun sollte: "Er hat den Ball verloren, wie man im Sport sagt."

"Im Augenblick sind sie alle in Hochstimmung", sagt Loulis über Syriza und ihre Minister. "Aber wenn Sie gestern abend Tispras angeschaut haben, dann haben Sie bemerkt: Er war nicht er selbst. Er fühlt sich nicht ganz sicher mit dem Schritt, den er getan hat. Er ist sich der Gefahren bewusst."

Die Syriza-Leute argumentieren, sie könnten das Kreditabkommen mit seinen Auflagen nicht unterschreiben, weil es gegen ihr Programm sei, erklärt Loulis. Regierung und Partei sehen nicht über das Abkommen hinaus. "Sie sind völlig emotional. Jedes Mal aber, wenn die Linke in Griechenland emotional wird, verliert sie."

Mehrheit will in Eurozone bleiben

Die große Mehrheit der griechischen Wähler will in der Eurozone bleiben. Mit dem Referendum aber beginnt wieder das politische Kalkül. Die pro-europäischen Parteien – Nea Dimokratia, To Potami, Pasok – werden zur Stimmenthaltung aufrufen, glaubt Loulis. Ist die Enthaltung oder der Anteil der Nichtwähler groß genug – 30 Prozent sind es bereits bei normalen Wahlen – falle der Sieg für Tsipras nicht so aus, wie sich Syriza erhoffe. Trotzdem wird er danach die Krise managen müssen, die Banken ohne Euros und ohne Hilfe der EZB. "Die Griechen werden jetzt einen enormen Druck spüren. Es ist ein verrückter Schritt." (Markus Bernath, 27.6.2015)

  • Einige Freunde hat Angela Merkel in Athen noch, wie auf diesem Graffiti zu lesen ist
    foto: reuters/alkis konstantinidis

    Einige Freunde hat Angela Merkel in Athen noch, wie auf diesem Graffiti zu lesen ist

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