Die grenzenlose Durchleuchtung

Kolumne26. Juni 2015, 19:52
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Von Julya Rabinowich

Wir sollen gemessen, gewogen und für fragwürdig erklärt werden. Ach was, wir werden bereits gemessen, gewogen und für fragwürdig erklärt. Alle. Wir werden gescannt, abgehört, mitgelesen, abgebildet, archiviert, zitiert und kategorisiert.

Jeder ist potenziell gefährlich. Jeder ist potenziell ein Werbeziel. Der Zustand einer gewissen Schizophrenie ist dabei nicht von der Hand zu weisen: Wir sind so erwünscht wie gefürchtet. Eine explosive Mischung mit erotischem Unterton.

Inmitten der trostlosen Lage gibt es wenigstens interessante Aspekte: beispielsweise den der Gleichheit, wenn schon die Brüderlichkeit und die Freiheit flöten gegangen sind. Immerhin findet eine gewisse Demokratisierung des Spitzelwesens statt: sogar Staatsoberhäupter können nicht mehr sicher sein.

Was da alles an pikanten Privatangelegenheiten, Einkaufsgewohnheiten, verbalen Ausrutschern und perfiden Plänen zur Weltherrschaft nebst dem bevorzugten Klopapier alles an die Öffentlichkeit gespült werden kann und wird! Was den fremdgehenden Hansi vom Beisl um die Ecke plagt, plagt nun auch Hollande.

Der Zustand hat noch weitere Vorteile: Ein Gefühl der latent lauernden Sicherheit manifestiert sich. Sogar wenn man völlig unbrauchbar ist, ist man dennoch beobachtenswert. Wenigstens das. Irgendwie ist das auch beruhigend, auch weil man nicht so schnell verlorengehen kann: Eine Stecknadel mit Sendesignal ist auch im Heuhaufen eventuell wieder zu finden.

Wer übrigens den gläsernen Menschen als Idealzustand, als neuen Adam und neue Eva des virtuellen Zeitalters anstrebt, dem sei gesagt: Wer gläsern wird, wird auch zerbrechlich. Die Scherben darf dann die ganze Gesellschaft zusammenkehren. (Julya Rabinowich, 26.6.2015)

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