Man soll nicht mit Steinen werfen

28. Juni 2015, 11:23
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Die Überwachung rund um Österreichs Fußballstadien hat sich in den vergangenen Jahren stets verschärft. An den Spieltagen strömen Daten ins Netz der Justiz, der Vereine und der Bundesliga

Es wird fleißig gesammelt: Wenn sich an einem Spieltag der österreichischen Bundesliga die Fans rund um die Stadien tummeln, sammelt die Polizei Bildmaterial und Daten. In der Saison 2013/14 kam es bei 180 Spielen der Bundesliga zu 25 Festnahmen nach Verwaltungsstrafen und acht Verhaftungen nach Verstößen gegen das Strafgesetz. Verletzt wurden 39 Personen. Es geht schon deutlich wilder.

Die Straftaten bei Sportveranstaltungen, insbesondere beim Fußball, sind breit gefächert: Zwischen dem Ignorieren einer roten Ampel und einem handfesten Wickel kommt so ziemlich alles vor. "Welche Gesetzesübertretungen vorkommen, ändert sich jedes Jahr aufs Neue", sagt Michael Lepuschitz, Polizeichef von Wien-Favoriten: "Muster ist keines erkennbar. Einmal nehmen die Körperverletzungen zu, dann wieder die Sachbeschädigungen." Lepuschitz ist für die Spiele der Wiener Austria verantwortlich.

Früher ging es bei österreichischen Spielen anarchischer zu. Arno Schweiger (Name geändert), 32, Aktivist bei der Rechtshilfe Rapid und regelmäßiger Stadionbesucher, sagt, früher sei bei Spielen mehr passiert. Auch der Sturm-Graz-Fan Ernst Bauer (Name geändert) fühlt sich sicher: "Ich gehe mit meiner Frau ins Stadion. Es ist laut, aber Angst haben wir nie."

Dankbar überwachbar

Die Gesetzeslage hat sich verschärft. Die Novellen zum Sicherheitspolizeigesetz 2006 und 2008 brachten neue Handhabungen. Die Polizei darf seither bei befürchteten Ausschreitungen rund um Sportveranstaltungen Sicherheitsbereiche festlegen, in denen potenzielle Gewalttäter des Platzes verwiesen werden können. Zusätzlich filmt die Exekutive seither selbst. Und der Zugang zu privatem Videomaterial, etwa der Stadionüberwachung, wurde erleichtert. Überhaupt wurde näher zusammengerückt: Bundesliga, Vereine und Polizei kooperierten enger.

Für die Europameisterschaft 2008 wurde eine Hooligan-Datenbank eingerichtet, die Infos von Gewalttätern können seither auch weitergegeben werden. Mehr Haus- und Stadionverbote wurden verhängt.

"Der Fußballfan ist in der Gruppe dankbar zu überwachen", sagt Schweiger: "Die Polizei hat die Spieltermine und kann alles ziemlich genau abschätzen. Schwierig ist das nicht." Bei den Anhängern hat man sich an den großen Bruder längst gewöhnt. Es kommt sogar vor, dass Fanpolizisten bei Fanklubfeierlichkeiten auftauchen.

Am Spieltag selbst kommt der Überwachungsapparat fast herkömmlich daher: Neben Videoaufnahmen setzt die Polizei laut Lepuschitz vor allem auf klassisches Geleit. "Technische Hilfsmittel werden erst spät beigezogen." Sonst hält sich die Polizei an "konventionelle Mittel", setzt Fanpolizisten ein und versucht, Besucherströme zu kontrollieren und zu begleiten. "Wenn es im Stadion zu Streit kommt, haben wir dort Einsatzkräfte."

Der Stadionbesucher taucht schon ins Scheinwerferlicht, reist er mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, in denen videoüberwacht wird. Ein offensichtliches Kalkül. Wie genau, hängt von Stadion und Spiel ab. Und auch die Fans wissen das: "Die Videoüberwachung ist sicher unterschiedlich. In Salzburg kann man davon ausgehen, dass alles gesehen wird, in Grödig oder Kärnten ist das sicher anders", sagt Schweiger.

In Österreich ist es nicht notwendig, beim Kartenkauf für Fußballspiele die Identität preiszugeben. Ausnahmen sind Auswärtsspiele Rapids und einige Fantribünen. Die Einführung einer sogenannten Fankarte, also dass jeder Besucher zwingend seine Daten angeben muss, um ins Stadion zu gelangen, ist nicht geplant.

Fans und Gelegenheitsfans

Im Gegensatz zu einigen europäischen Ländern. In Italien wurde die "tessera del tifoso" eingeführt, um Gewalttäter fernzuhalten und die Stadien wieder mit Familien zu füllen. Stattdessen blieben vor allem Gelegenheitsfans fern, und der Zuschauerschnitt der Serie A sank seit 2007 drastisch.

Schweiger warnt: "Fans, die alle Auswärtsspiele besuchen, sind es leider gewohnt, dass man mit ihren Daten jongliert. Aber wie kommt die Familie Huber dazu, dass sie sich alle registrieren lassen und dem Verein die Daten überliefern? Das steht in keinem Verhältnis."

Personen, die rund um Fußballmatches durch Gewalt aufgefallen sind, winkt ein Eintrag in die Datei "Gewalttäter Sport". Die Daten werden im Innenministerium verwaltet und stehen den Behörden bundesweit zur Verfügung. Dabei bleibt es nicht: "Wir geben die Daten an die Bundesliga weiter", sagt Lepuschitz.

Als Ultima Ratio setzt es ein Stadionverbot. Derzeit sind in Österreich 55 Personen als Gewalttäter im Sport erfasst. In Deutschland, wo eine ähnliche zentrale Erfassung schon seit 20 Jahren existiert, reicht hingegen schon eine Ermittlung, um auf dem Karteikärtchen zu stehen. Die Datei umfasste im Sommer 2014 13.463 Personen.

"Es läuft nicht gut"

Der österreichische Sicherheitsapparat scheint gut zu laufen: Überwachung, Gesetz und Durchführung wirken ineinander schlüssig, bei der Polizei zeigt man sich aber selbstkritisch: "Es läuft nicht gut. Wenn die Bundesliga Geisterspiele verordnen muss, wenn ein permanenter Verstoß gegen das Pyrotechnikgesetz stattfindet und wenn man sich die Verhandlungen letztes Jahr ansieht, kann man von keinem Optimum sprechen.

Beim Wiener Derby haben Rechtsextremisten ein linkes Zentrum angegriffen, da befinden wir uns schon in der Schwerkriminalität", sagt Lepuschitz. Auch Schweiger ist unzufrieden: "Ungerechtfertigte Verurteilungen, die Verhängungen von U-Haft und die vielen Stadionverbote verheißen nichts Gutes." Das Vertrauen schwinde. (Andreas Hagenauer, 27.6.2015)

  • "The Right To Flight" oder Überwachung und Utopie in einem: Im Sommer 2014  schickte der Künstler James Bridle von Peckham im Süden Londons aus einen mit  Kameras und weiterer Technologie ausgerüsteten Ballon in die Luft – angelehnt an  den französischen Fotografen und Luftschiffer Nadar, der 1858 von einem  Fesselballon aus die ersten Luftbilder machte und im Buch "Le droit au vol"  (1865) meinte, dass die Menschheit nicht nur das Recht, sondern nachgerade die  Pflicht habe, den Himmel zu erobern.
    foto: james bridle

    "The Right To Flight" oder Überwachung und Utopie in einem: Im Sommer 2014 schickte der Künstler James Bridle von Peckham im Süden Londons aus einen mit Kameras und weiterer Technologie ausgerüsteten Ballon in die Luft – angelehnt an den französischen Fotografen und Luftschiffer Nadar, der 1858 von einem Fesselballon aus die ersten Luftbilder machte und im Buch "Le droit au vol" (1865) meinte, dass die Menschheit nicht nur das Recht, sondern nachgerade die Pflicht habe, den Himmel zu erobern.

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