Griechen sind schlecht gelaunt über Regierung und Europa

26. Juni 2015, 22:23
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Resignation und Ratlosigkeit prägen die Stimmung in der griechischen Hauptstadt vor der Entscheidung über die Zukunft des Landes.

In einem Laden für Interieur im teuren Athener Viertel Kolonaki sitzt ein junger Mann hinter der Kasse und kaut an einem kalten Zigarillo. Brüssel, Tsipras und die 7,2-Milliarden-Kreditrate sind weit weg. Oder vielmehr: Sie waren viel zu lange viel zu nah. "Ich kann es nicht mehr hören, ich habe genug von ihnen", sagt der junge Grieche. "Sie können mir alle gestohlen bleiben."

Nach fünf Monaten Linksregierung und einer Woche Nonstop-Drama in Brüssel um Staatsbankrott und Euroende ist bei vielen Griechen der Bedarf gedeckt. Sie wollen weiter in der Eurozone bleiben, aber sie haben keine Erwartungen mehr an das Finanzabkommen mit den Gläubigern in der EU, bei der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds. Doch das passt nicht ganz zusammen. So mischt sich in die allgemeine Resignation auch immer Ratlosigkeit.

Kritik und ...

"In Brüssel reden sie immer: ,Wir sind eine Familie, wir gehören zusammen.' Aber das stimmt nicht. Ich habe das Gefühl, die Europäer wollen uns jetzt bestrafen. Und ich weiß nicht, warum", sagt Eva, eine Verkäuferin, ein paar Läden weiter in dieser Gasse in Kolonaki. "Sie wollen, dass wir die Mehrwertsteuer für Hotels und Restaurants auf 23 Prozent hochsetzen, aber in anderen Ländern bleibt sie bei neun. Warum also das Ganze?"

Den volkswirtschaftlichen Sinn dieser Steuererhöhung zweifelt natürlich auch der Verband der griechischen Tourismusunternehmer an. Die Verdreifachung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen und die Erhöhung der Steuer für Restaurants um zehn Punkte, von 13 auf 23 Prozent, werde zerstörerisch sein und den griechischen Tourismus wettbewerbsunfähig machen, warnte der Verband: In der Türkei gelten im Schnitt acht Prozent, in Portugal 10,3 Prozent Mehrwertsteuer auf Leistungen, die Touristen in Anspruch nehmen.

Schelte

Aber auch die Regierung, geführt von Alexis Tsipras und gestützt von seiner linksstehenden Partei Syriza, wird gescholten. "Wenn sie versuchen, nur die Reichen und Wohlhabenden zu besteuern oder diejenigen, die sie dafür halten, dann schießen sie die letzte Hoffnung für dieses Land ab", sagt Kostas, ein Kosmetikhändler in Kolonaki. "Ich sage nicht, die Unternehmer sollen nicht ihren Teil beitragen. Aber ich hoffe, die Kreditgeber bringen die Regierung dazu, das Gleichgewicht bei den Finanzmaßnahmen zu halten."

50:50 seien die Fehler bei den Kreditverhandlungen zwischen EU und der griechischen Regierung verteilt, sagt Eva, die Verkäuferin. "Aber wissen Sie: Das hier ist eine neue Regierung. Sie hat nie Zeit bekommen, um sich auf die Arbeit einzurichten."

Enttäuschung

Für andere war es Zeit genug, um enttäuscht zu werden. "Ich habe sie gewählt, es waren junge Leute, sie hatten nie etwas mit Korruption zu tun", sagt Yanis, der Genetik in London studierte und nun mit seinem Vater jeden Freitag Eier verkauft auf dem Wochenmarkt in Pangrati, dem Nachbarviertel von Kolonaki. "Aber diese Syriza-Regierung hat ein bisschen hier etwas getan, dann wieder ein bisschen dort, und wir haben nur Zeit mit den Gläubigern verloren. Jetzt wird es nur schlimmer", sagt Yanis. "Der IWF und die EU werden strikter zu uns sein. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wirklich."

Panos Skourletis, der Sozialminister und Linksaußen-Politiker, weiß es: Die Mehrheit der Gläubiger wolle die Regierung stürzen, sagte der Minister vor der entscheidenden Eurogruppen-Sitzung in Brüssel. (Markus Bernath aus Athen, 27.6.2015)

  • Geld, Glaube, Messers Schneide: Die Griechen fühlen sich von den Gläubigerregierungen in der EU nicht fair behandelt.
    foto: ap photo

    Geld, Glaube, Messers Schneide: Die Griechen fühlen sich von den Gläubigerregierungen in der EU nicht fair behandelt.

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