Der Papst bricht mit den Konservativen

Kommentar der anderen26. Juni 2015, 17:45
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Ein politischer Nachtrag zu Franziskus' Enzyklika "Laudato si'"

Die Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus verwendet nicht nur deutliche Worte in Bezug auf die immer stärkere Umweltzerstörung und das dahinterliegende Wirtschaftssystem. Sie stellt vielmehr auch einen radikalen politischen Bruch in der vatikanischen Politik dar, mit langfristigen Folgen.

In den 1980er-Jahren knüpfte Johannes Paul II. mit der damaligen Reagan-Administration ein folgenschweres politisches Bündnis: Der Vatikan drängte durch Bischofsernennungen die damals in Lateinamerika weitverbreitete "linke" Befreiungstheologie zurück und besetzte auch in den USA die damals progressivste Bischofskonferenz der Welt, die politisch dem linken Flügel der Demokraten nahestand, systematisch durch die Ernennung sehr konservativer Bischöfe um. Dafür unterstützte die Reagan-Administration zunächst die polnische Gewerkschaft Solidarnosc und in der Folge vatikanische Positionen in Bezug auf Abtreibung, Ehe und Familienplanung. Auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und den USA fielen in diese Periode.

Das Bündnis zwischen Kirchenleitung und republikanischen Regierungen wurde in der Folgezeit vertieft. Kirchliche Würdenträger oder katholische Organisationen, die sich dem entgegensetzten, wie z. B. die Vereinigung der Amerikanischen Katholischen Nonnen, wurden in ihrer Arbeit behindert oder sogar bekämpft.

Unter Benedikt XVI. gab es seitens maßgeblicher diplomatischer und kurialer Kreise den Plan, das Bündnis mit konservativen Parteien auch auf Europa und darüber hinaus zu übertragen. Die Unterstützung der Regierung Berlusconi – gegen den praktizierenden Katholiken Prodi – war ebenso Ausdruck davon wie die Allianz mit rechten Kräften in Spanien, Frankreich, Australien und lateinamerikanischen Ländern.

Eine der Revolutionen des derzeitigen Pontifikats ist die radikale Beendigung dieser Allianz. In seiner Enzyklika spricht der Papst nicht nur den Klimawandel explizit an, sondern auch die Perversion eines Wirtschaftssystems, in dem das Kapital wichtiger ist als Mensch und Umwelt. All dies stellt eine Provokation für die US-Republikaner dar, die massiv gegen den jetzigen Papst und seine Enzyklika Stellung beziehen.

Sollte dieses Pontifikat nicht allzu rasch zu Ende gehen, ist zu erwarten, dass sich die katholische Kirche – das globalste Netzwerk, über das unsere Welt zur Zeit verfügt – in Zukunft systematisch für den Schutz der Umwelt, vor allem aber auch für die Entwicklung alternativer gerechtererer Wirtschaftssysteme mit einer Sensibilität für die an den Rand Gedrängten einsetzen wird. (Kurt Appel, 26.6.2015)

Kurt Appel (Jg. 1968) ist Professor für Fundamentaltheologie an der Uni Wien.

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