Nach dem Blutbad: Der Schulterschluss von Charleston

Reportage mit Video26. Juni 2015, 23:07
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Nachdem neun schwarze Menschen getötet wurden, zeichnet sich ein Wendepunkt in der Südstaatengeschichte ab

Die Sonne brennt, nun ja, gnadenlos. Sanitäter stehen mit Tragen bereit, falls jemand in der Hitze umkippt. Eine Kirchengruppe verteilt Wasserflaschen. Am Eingang des Parlaments kontrollieren Polizisten jede Tasche auf Waffen, es dauert ewig, bis man drinnen ist.

Das alles hindert Al Steel nicht daran, sich bei 37 Grad im Schatten in die Schlange der Wartenden einzureihen, die sich einmal rund ums Bundesstaatenparlament von South Carolina windet. "Al Steel, Redneck", so stellt er sich vor. Wörtlich sind mit Rednecks die roten Nacken von Arbeitern gemeint, die sich auf Feldern oder Baustellen einen Sonnenbrand holen. Als Metapher steht das Wort für weiße, eher konservative, bisweilen sture Arbeiter, insbesondere für solche aus den Südstaaten. Steel, Angestellter einer Firma, die Baumaterialien verkauft, ist am Morgen zwei Stunden nach Columbia gefahren, um ein Zeichen zu setzen. "Es reicht. Runter mit dieser Flagge. Es kann ja nicht sein, dass wir vierzig Prozent der Bewohner unseres Staates permanent vor den Kopf stoßen."

Kein Verständnis für die Konföderiertenflagge

Auch an diesem Tag weht sie vorm State House in Columbia, die Konföderiertenflagge, mit der die Südstaatenarmeen einst in die Schlachten gegen die Yankees zogen, für Afroamerikaner nichts anderes als ein Symbol des Rassenhasses. An einem zehn Meter hohen Mast weht sie neben einem Bürgerkriegsdenkmal, und dass sie nicht mal an diesem Tag eingerollt wurde, kann Albert Jelks beim besten Willen nicht verstehen.

Drinnen ist ein Sarg aufgebahrt. Tausende defilieren an ihm vorbei, um Clementa Carlos Pinckney die letzte Ehre zu erweisen, einem Pfarrer und Senator, der mit 18 zum Priester geweiht wurde und mit 23 der jüngste Afroamerikaner war, der je in der Abgeordnetenkammer South Carolinas saß.

c-span
Mit Verweis auf Gott und die Bibel hat US-Präsident Barack Obama sein Land aufgefordert, die Lehren aus dem Massaker an neun Afroamerikanern in einer Kirche zu ziehen. Es sei Zeit, "sich den unangenehmen Wahrheiten zu stellen", sagte er am Freitag bei einer Trauerfeier in Charleston. In seiner emotionalen, rund 40 Minuten langen Ansprache kritisierte Obama die anhaltende tödliche Gewalt mit Schusswaffen und die noch immer bestehende Diskriminierung von Bürgern schwarzer Hautfarbe. Man dürfe jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sagte Obama. Der mutmaßlich rassistisch motivierte Massenmord bei einer Bibelstunde Mitte Juni habe die Schwächen des Landes aufgezeigt. Gott "hat uns erlaubt zu sehen, wo wir blind waren". Erneut kritisierte er die laxen Waffengesetze in großen Teilen der USA. "Zu lange sind wir blind gewesen gegenüber dem einzigartigen Chaos, das Waffengewalt dieser Nation zufügt", sagte er.

Barack Obama, der am Freitag die Trauerrede hielt, kannte ihn gut. Ermordet wurde Pinckney vom jungen Rassisten Dylann Roof, der sich nicht zuletzt auf die Flagge berief. Dennoch hängt sie draußen, als wäre überhaupt nichts geschehen. "Der gute alte Süden", kommentiert Jelks mit unüberhörbarem Sarkasmus.

"A New Day, A New Way"

Nur dass vor der Kriegerstatue eine Kunstgaleristin namens Renee Laverty mit einem Spruchband steht: "A New Day, A New Way". Amerika sei ja das Land des Neustarts, zumindest dem Mythos nach, sagt Laverty. Was immer es an Kontroversen gab, so ein Neustart sei genau das, was der Süden heute brauche – und keine Relikte aus Stoff.

Jelks ist im roten T-Shirt seines Veteranenvereins gekommen. Vor 40 Jahren musste er nach Vietnam, woran ihn die Granatsplitter im linken Bein erinnern. Der Mittsiebziger stammt aus Birmingham, der Stadt in Alabama, in der 1963 in einer Kirche ein Sprengsatz des Ku-Klux-Klans explodierte und vier schwarze Mädchen in den Tod riss. Der Schock saß so tief, dass 1964 die Bürgerrechtsparagrafen des Civil Rights Act folgten. "Es muss immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor sich was ändert", sagt Jelks. Der Schock des Massakers von Charleston, glaubt er, wird South Carolina umkrempeln.

Moralische Zäsur

Stephen Benjamin, Bürgermeister der Stadt Columbia, spricht von einer moralischen Zäsur, die stärker nachwirke als jedes politische Manöver. Zu denen, die in der Rotunde des Parlaments an Pinckneys Sarg wachen, gehört Norman Brannon. Pinckney war schwarz und Demokrat, Brannon ist weiß und Republikaner. Demnächst will er ein Gesetz einbringen, das die Fahne des Südens ins Museum verbannt: "Ich tue das für meinen Freund, der nur deshalb tot ist, weil er dunkle Haut hatte". Pinckney war 41, Brannon ist 54. Vielleicht ist alles nur eine Generationenfrage. Vielleicht, orakelt Jelks, werden die Jüngeren einfach nicht mehr zuhören, wenn die Alten vom stolzen Erbe des Südens erzählen.

Ein Wendepunkt? Damon Fordham, ein afroamerikanischer Historiker aus Charleston, zitiert Theodore Roosevelt, einen der Großen in der Chronik amerikanischer Präsidenten: Man möge seine Augen auf die Sterne richten, aber mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Der Optimismus eines Realisten. Fordham blickt auf ein Meer von Blumengebinden, dahinter die weiß getünchten Mauern der Emanuel-Kirche.

Die Menschen umarmen einander, bilden einen großen Kreis, zitieren Bibelverse. Roof, so hat er es den Ermittlern erzählt, versuchte einen "Rassenkrieg" auszulösen. Es ist, als wollte ihm Charleston Abend für Abend zeigen, wie gründlich er sich verrechnet hat.(Frank Herrmann aus Charleston, 26.6.2015)

Weitere Bilder von den Trauerfeiern in Charleston gibt es hier.

  • Tausende erweisen in Charleston den Opfern des Massakers die letzte Ehre.
    foto: ap / david goldman

    Tausende erweisen in Charleston den Opfern des Massakers die letzte Ehre.

  • Albert Jelks glaubt an einen Wandel in South Carolina.
    frank herrmann

    Albert Jelks glaubt an einen Wandel in South Carolina.

  • Spruchband vor der Kriegerstatue.
    frank herrmann

    Spruchband vor der Kriegerstatue.

  • Präsident Obama sang mit der Trauergemeinde "Amazing Grace"
    foto: ap/david goldman

    Präsident Obama sang mit der Trauergemeinde "Amazing Grace"

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