Leiterplatten statt Leiterwagen

Reportage28. Juni 2015, 09:00
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Wo früher Bauern Heu auf Leiterwagen hievten, steht eine Chipfabrik, in der AT&S Leiterplatten für den Weltmarkt fertigt

Leoben-Hinterberg – Grün, soweit das Auge reicht, dazu Vogelgezwitscher und Grillengezirpe. Wenn sich nicht hie und da ein Zug auf der nahen Südbahnstrecke einbremsen würde, man meinte, in einem Naturreservat zu sein. Erst der Turm der Brauerei Göss, rund einen Kilometer entfernt, gibt Gewissheit: Es ist Leoben, und es ist das Werk von AT&S, das hinter einem Wald von Bäumen zum Vorschein kommt.

Seit fast 30 Jahren werden im Stadtteil Hinterberg Leiterplatten hergestellt. Nicht immer hat das Geschäft so floriert wie heute.

Auftragslage

"Es gab ein Auf und Ab, Zeiten der Freude und Zeiten, in denen jeder um seinen Arbeitsplatz gezittert hat", erinnert sich ein Betriebsrat. Schlimm sei es zu Beginn der Finanzkrise 2008/2009 gewesen, als Aufträge, die man dringend benötigt habe, weggebrochen seien.

Die Austria Technologie & Systemtechnik, wie AT&S ausgeschrieben heißt, ist 1987 aus einer alten Betriebsstätte der Voest Alpine in Leoben hervorgegangen. Diese wurde damals mit der Körting Elektronik in Fehring, die Leiterplatten für Fernseher herstellte, und einem Zweigwerk von Eumig in Fohnsdorf zusammengelegt. Bis zur Privatisierung 1994 war AT&S Teil der Verstaatlichtenholding ÖIAG. Nach dem Verkauf an das Bieterkonsortium Androsch/Dörflinger/Zoidl wurde das Unternehmen 1995 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Großinvestition

Vor 15 Jahren wurde nach einer Großinvestition ein neuer Trakt in Betrieb genommen, der auf die Produktion von Leiterplatten für Handys ausgerichtet war. Die Verbreitung von Mobiltelefonen ist inzwischen viel größer, als man sich das damals vorstellen konnte. Den Werksteil in Hinterberg gibt es nach wie vor, seine Bestimmung ist inzwischen eine andere.

"Die Produktion, die wir hier hatten, ist 2009 allesamt nach Asien gegangen", erzählt Heinz Moitzi. Der Technikvorstand von AT&S ist ein steirisches Urgestein. Wenn er diese Worte vor sich hin spricht, merkt man, dass die Entscheidung damals nicht von Herzen kam. Letztlich aber hat die Vernunft obsiegt. Mit Massenware in Europa wettbewerbsfähig bleiben zu wollen ging sich damals nicht aus und wäre heute noch viel weniger möglich. Deshalb werden am obersteirischen Standort jetzt Spezialanwendungen entwickelt und Kleinserien produziert. Und Cores. Das sind die Herzstücke der Leiterplatten, die von Leoben aus sogar den Weg nach China finden.

Jagd auf Staubkörner

In weißem Mantel, einem Ärztekittel nicht unähnlich, geht es durch die heiligen Hallen der Leiterplattenproduktion. Die Böden sind so sauber, dass man darauf essen könnte. Dort, wo ein Staubkorn oder eine Haarspitze reicht, immensen Schaden anzurichten, hat nur Fachpersonal Zutritt. Dieses weiß sich entsprechend zu kleiden – Haarnetz inklusive.

Das Vormaterial der Leiterplatte ist ein in Harz getränktes Stoffgewebe, das genauso gut in einem Ski drinstecken könnte. Erst eine dünne Kupferfolie, beidseitig aufgebracht, macht es leitfähig und bringt es seiner Bestimmung näher, nämlich Prozesse in unterschiedlichen Geräten zu steuern.

Große Kundschaft

"Ob Fön, Pelletsofen, Geschirrspüler oder Auto: Überall stecken Leiterplatten drinnen", sagt Andreas Gerstenmayer. Der Bayer ist seit Februar 2010 Vorstandschef des Unternehmens. AT&S erzeugt in Österreich, Indien und China Leiterplatten, die, aneinandergereiht, eine Fläche von rund 1,6 km2 bedecken würden.

Mehr als 500 Industrieunternehmen zählen zur Kundschaft. AT&S hat sich auf mehrlagige Hightech-Leiterplatten spezialisiert und zählt in diesem Segment zu den weltweit führenden Unternehmen.

Tausende von Bohrern unterschiedlicher Größe und Spezifikation sind an einem Galgen aufgefädelt. Die Maschine holt sich den jeweils passenden. Statt 60 bis 80 Bohrungen pro Sekunde, wie das noch vor kurzem Standard war, schafft die Maschine nun bis zu 1500 Bohrungen pro Sekunde.

Lackschicht

Bevor Transistoren, Widerstände und andere Teile auf der Leiterplatte appliziert werden, kommt noch eine Lackschicht drauf, die gleichzeitig als Schutzschicht dient. Meist ist sie grün, oft auch braun. Auf besonders empfindliche Stellen, etwa bei der Menütaste des Handys oder beim Ein- und Ausschalter, wird noch ein Goldfilm aufgebracht.

Gold ist ein besonders leitfähiges, aber auch teures Material. Was im Einzelfall verschwindend wenig ist, summiert sich am Ende auf ganz schön viel. "Wir verarbeiten pro Jahr rund 500 Kilogramm Gold", sagt Gerstenmayer. Die Nationalbank habe man noch nie um Nachschub gebeten. (Günther Strobl, 28.6.2015)

Die Besichtigung erfolgte auf Einladung von AT&S.

  • Sauber, dass man auf dem Boden essen könnte: Im AT&S-Werk in Leoben-Hinterberg brennen Laser hinter einem Glasschutz bis zu 1500 Löcher in die Leiterplattenrohlinge. Staub muss draußen bleiben.
    foto: ho

    Sauber, dass man auf dem Boden essen könnte: Im AT&S-Werk in Leoben-Hinterberg brennen Laser hinter einem Glasschutz bis zu 1500 Löcher in die Leiterplattenrohlinge. Staub muss draußen bleiben.

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