"Ariadne auf Naxos": Todestanz in eine andere Welt

26. Juni 2015, 17:53
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An der Berliner Staatsoper im Schillertheater faszinieren Regisseur Hans Neuenfels und Dirigent Ingo Metzmacher mit einer souveränen Inszenierung der Oper von Richard Strauss

Als Regisseur ist Hans Neuenfels (74) ein Altmeister der Provokation – aber einer, der manchmal auch damit provoziert, dass er genau das nicht macht, sondern mit lockerer Hand und hochsouverän "nur" den Altmeister gibt. Wie jetzt an der Berliner Staatsoper im Schillertheater mit Strauss' und Hofmannsthals so wunderbar missglücktem Schauspiel-Opern-Zwitter Ariadne auf Naxos.

Von dessen Schauspielhälfte ist in der eingebürgerten Fassung nur die Sprechrolle des Haushofmeisters übrig geblieben: Als feudales Faktotum ist er ein Vorgriff auf den modernen Kulturmanager respektive -politiker. Er sagt den Künstlern nämlich, wie sie es gefälligst zu machen haben, wenn sie schon dafür bezahlt werden – samt Geldautomaten im Hintergrund. Hier gibt es dann auch die zweite Überraschung des Abends, weil diese Rolle in einer Neuenfels-Inszenierung natürlich für seine Frau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, reserviert ist.

War da mancher schon auf Augen-zu-und-durch eingestellt, konnte sich stattdessen jeder köstlich amüsieren – über ihren genau dosierten, bösartigen Witz, die stilisierte Herablassung, die Verachtung für die Künstler und die Arroganz der Macht, die sie mit lässiger Geste entlarvt. Da spricht eine, die weiß, wovon sie redet. Dies gilt aber auch für die Sänger, die Neuenfels so dicht an die lebenskluge Weisheit dieses metaphorischen Stückes über die Kunst und die Macht, das Leben, die Liebe und den Tod heranführt, wie es selten geschieht.

Melancholisch umweht

Er lässt jeden komödiantischen Firlefanz weg, macht selbst die große Koloraturarie der Zerbinetta zu einem subtilen Stück über die Liebe fern von jeder vokalen Zirkusnummer. Brenda Rae ist hinreißend und souverän – gänzlich ohne Druck und mit attraktiver Selbsterkenntnis. Die melancholisch umwehte Ariadne allerdings, die hier Camilla Nylund gibt, kann sie nicht aufheitern oder gar retten.

Der Bühnenraum von Katrin Lea Tag ist gerahmt wie ein Bild, leer und in Unschuldsweiß. Mehr als ein paar verschiebbare Wände und Vorhänge, eine Chaise für Ariadne, eine kleine in einer Prozession von Kardinälen und Satyrn hereingetragene Hermesfigur kommen auch nicht dazu.

Immerhin donnert am Ende des ersten Teils das antike Geröll, das für die öde Insel im zweiten Teil gebraucht wird, effektvoll auf die Bühne. Die Kostüme des Personals deuten vorsichtig auf die Entstehungszeit. Bei Ariadne und Zerbinetta stehen das Schwarz und das Rot der Kleider programmatisch für ihren zentralen Glaubenssatz: Die Liebe ist einzigartig im Falle Ariadnes, und die Liebe hat unzählige Gesichter im Falle der anderen.

Der alte Neudeuter

Dass bei Regisseur Hans Neuenfels – da kommt dann doch noch der alte Stücke-Neudeuter durch – Zerbinetta und Bacchus (mit schmetterndem Schmelz in der Stimme: Roberto Saccà) mit ihrem Versuch scheitern, Ariadne von ihrer Todessehnsucht zurück ins Leben zu ziehen und sie am Ende sogar Selbstmord begeht, wirkt in dieser so formstrengen Inszenierung, die gleichwohl nicht ohne Witz auskommt, konsequent. Als Akt selbstbewusster Flucht in eine andere Welt.

Dass diese in sich geschlossene Inszenierung auch ein Strauss-Fest ist, dazu trägt das übrige Ensemble, aus dem die ausdrucksstarke Maya Prudenskaya (als empfindsamer Komponist) und Roman Trekel (als Musiklehrer) herausragen, ebenso bei wie Ingo Metzmacher mit der Staatskapelle. Er lässt aus dem Graben einen erstaunlich durchsichtigen Strauss aufsteigen, ohne bombastische Überhöhung, aber dennoch mit einer Aura des Schwelgens. Es gab denn auch einhelligen Jubel, und dies auch noch für alle. (Joachim Lange aus Berlin, 26.6.2015)

Nächste Vorstellungen am 27. Juni

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Staatsoper Berlin

  • In der Regie von Hans Neuenfels geht es dynamisch und elegant zu: Die heitere Brenda Rae (als ausgelassene Zerbinetta) versucht Camilla Nylund (als Primadonna/Ariadne) aufzuheitern.
    foto: imago/drama-berlin.de

    In der Regie von Hans Neuenfels geht es dynamisch und elegant zu: Die heitere Brenda Rae (als ausgelassene Zerbinetta) versucht Camilla Nylund (als Primadonna/Ariadne) aufzuheitern.

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