Schau "Geniale Dilletanten": Kebabträume in Kellerräumen

26. Juni 2015, 16:54
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Das Münchner Haus der Kunst zeigt in der heterogenen Ausstellung die musikalische Subkultur Deutschlands um 1980 – und mit "Kalte Libido" deren aktuellen Konterpart

Tanz den Mussolini. Das hätte man so gern gemacht. Mit der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft (D.A.F.). Anno 1981. Und heute.

Die fünf Jahre des radikalen Aufbruchs in der Subkultur von den späten 1970er-Jahren bis 1984 führt im Münchner Haus der Kunst die Schau Geniale Dilletanten vor, konzipiert und kuratiert von Mathilde Weh, die zudem das Begleitbuch verfasste und eine auch in München gezeigte filmische Dokumentation realisierte.

Die Zeit vom Postpunk bis zur Neuen Deutschen Welle ist das. Einstürzende Neubauten, D.A.F., Freiwillige Selbstkontrolle, Die Tödliche Doris, Der Plan, Palais Schaumburg plus Ornament und Verbrechen: Das bedeutet Rohheit, Schrei, Wildheit, Leben, das sind die Bands, die im Zentrum dieser Ausstellung stehen.

Zwei Säle im Obergeschoß, geteilt durch vier freistehende Raumteiler. Fotografien, an den umlaufenden Wänden knapp 20 Gemälde von Bernd Zimmer, Salomé, Elvira Bach, A. R. Penck und Martin Kippenberger, Peter Bömmels und Walter Dahn. Versteckt ein Nebengemach, in dem Wehs Film läuft. Dieser macht eigentlich den Rest der Schau überflüssig, weil er lebendiger ist, Hintergründe liefert, viele Akteure und begleitende Zeitzeugen präsentiert und die subkulturellen Schauplätze Düsseldorf, Hamburg, Berlin-West und Berlin/DDR eindringlich vor Augen führt.

Für die Subkultur gab es damals in den heute so teuren Großstädten noch Subsistenzmöglichkeiten. Abgeranzte Kneipen, versiffte Kellerräume, aufgelassene Lagerhallen, das heruntergekommene Kreuzberg in der grauen Abbruchfrontstadt Berlin. Diese Leerorte wurden in Kurzzeitbars, Kurzzeitclubs verwandelt. Es gab die Neonkneipen, es gab später extrem schräge, da plüschige Treffs wie in Berlin das Kumpelnest 3000. Dazu noch ganz wenige einschlägige Plattenläden, jede Menge winziger, kurzlebiger Eigen-Indielabels, Kassettentausch und Tape-Versand.

Westdeutschland war damals ein hausbackenes Land. Nicole schrammte auf der Gitarre Ein bisschen Frieden herbei. Ein SPD-Kanzler mit Allerweltsnamen hatte Visionäre zum Arzt überwiesen. Helmut Kohl bezog mit Wolljacke und Pfälzer Saumagen das Bundeskanzleramt. Ansonsten herrschte heimelige Hysterie: Der Wald starb vor sich hin, das Atom wurde böse, und die Kalter-Krieg-Aufrüstung wurde mit Bibelsprüchen gekontert. Da brachen diese "genialen Dilletanten" ein, die musiktechnische Fertigkeiten verschmähten. Sie demonstrierten mit Wucht und Wut und deutschen Texten in Totalopposition auch gegen ihre 68er-Lehrer, was Freiheit sein könnte. Kebabträume in der Mauerstadt ...

Sie wollten Spaß

Mitte der 1980er-Jahre war dann aus der Vehemenz, dem Anderssein, dem Erbe von Dada, Happening, Bauhaus-Theater der von Dieter Thomas Heck im ZDF organisierte Kindergeburtstag der Neuen Deutschen Welle geworden, mit Nena, Extrabreit und Markus. Ich will Spaß. Poppig-pubertärer Hedonismus. Kurz darauf wollte dann jeder Jungmann nur noch so cool sein wie Don Johnson in Miami Vice.

Wieso aber laufen in München die Konzertmitschnitte auf so kleinen Fernsehern? Und dann auch noch mit Kopfhörern? So beraubt sich diese ein wenig heterogene Ausstellung selbst allzu sehr des Sinnlichen. Immerhin ist sie, ein Projekt des Goethe-Instituts, kulturexportkompatibel.

Ein kaltes Spiel

Tief unten im Haus der Kunst, in den einstigen Luftschutzräumen, wird als Kontrast unter dem Titel Die Kalte Libido eine neue Videofilmkunst-Auswahl aus der Sammlung Goetz gezeigt. Arbeiten von Keren Cytter, Aïda Ruilova, Jeanne Faust, Annika Larsson und Shahryar Nashat aus den letzten rund 15 Jahren. Jeder Film läuft in einem einzelnen engen Raum. Ist emotionaler Konterpart zum ungebärdigen Gefühle-freien-Lauf-Lassen oben. Hier herrschen Isolation, Verwirrung, Einsamkeit, manischer Hexengesang, ein kaltes Spiel mit Begehren, Kälte, Lust in der digitalen Gegenwartswelt. Dann schon genial-dilletantisch. (Alexander Kluy aus München, 26.6.2015)

"Geniale Dilletanten", bis 11. 10., "Die Kalte Libido", bis 28. 2. 2016

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Haus der Kunst München

  • Die Schau "Geniale Dilletanten" in München zeigt auch Einstürzende Neubauten (hier live 1982).
    foto: wolfgang burat

    Die Schau "Geniale Dilletanten" in München zeigt auch Einstürzende Neubauten (hier live 1982).

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