Ägypten: Der Spion, der vor der Haustür steht

29. Juni 2015, 09:00
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Er ist eine ägyptische Institution, der Bawab – der Mann an der Tür in ägyptischen Häusern. Er hat ein wachsames Auge auf alle Bewohner

Mitten in der Nacht auf einer lokalen Polizeiwache nahe des Zentrums von Kairo. Es gilt, eine Anzeige wegen eines Taschendiebstahls aufzugeben. Pass, Kreditkarten, Telefon, Geld, Schlüssel sind weg, und das muss amtlich dokumentiert werden. Der junge Offizier in blütenweißer Uniform weiß zwar auch, dass die Diebe auf ihrem Motorrad nie gefasst werden, aber die Schreibarbeit muss dennoch sein. Höflich fragt er nach den persönlichen Daten, Name, Beruf, Staatsbürgerschaft, Geburtsdatum. Noch bevor ich etwas sagen kann, kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen von Khaled, dem Bawab, der sich als Begleitung anerboten hatte.

Ich bin perplex und sprachlos. Kann mir nicht erklären, woher er alle diese persönlichen Details weiß. Zudem erklärt er mir, er kenne Namen und Telefonnummern von jenen Leuten, die ebenfalls einen Schlüssel von meiner Wohnung besitzen würden. Während der ganzen Amtshandlung, die weit über eine Stunde dauert, unterhält sich Khaled immer wieder verschwörerisch flüsternd mit dem diensthabenden Offizier. Es ist ganz offensichtlich, dass es da eine ganz besondere Nähe gibt.

Der Pförtner als Institution

Der Bawab – wörtlich übersetzt der Pförtner – ist eine fest verankerte ägyptische Institution. Es gibt ihn in fast allen Wohnhäusern, mindestens in den etwas besseren Quartieren. Früher stammten fast alle Bawabs aus Oberägypten, trugen eine Galabiyya, das traditionelle bodenlange Kleid, und einen weißen Turban. Diese Bilderbuch-Typisierung trifft heute nur noch zum Teil zu. Auch viele Männer aus anderen ländlichen Gegenden, etwa dem Delta, arbeiten inzwischen als Bawabs in der Millionenmetropole Kairo. Sie leben fern von zu Hause, meist ohne Familie, in einem winzigen fensterlosen Verschlag und fahren nur hin und wieder zu Feiertagen in ihre Dörfer aufs Land.

Die Bawabs haben einen umfangreichen Aufgabenkatalog. Sie fegen die Treppen, waschen Autos, kaufen Zeitungen, erledigen kleine Reparaturen und machen Botengänge für die verschiedenen Hausbewohner. Für diese Gefälligkeiten gibt es jedes Mal, zusätzlich zum monatlichen Obolus, noch ein Trinkgeld. Im besten Fall ist der Bawab der gute Geist des Hauses. Aber vor allem wacht er rund um die Uhr darüber, wer wann über die Schwelle und wieder hinaustritt. Seine Augen und Ohren sind überall, auch wenn er selbst nicht sichtbar ist. Vor allem neue Mieter und ihre Gewohnheiten werden genaustens unter die Lupe genommen. Er fragt Fremde, die ins Haus wollen, nicht nur, zu wem sie wollen und was sie hier zu suchen haben, er ist auch so etwas wie ein Moralpolizist. Mit seiner bloßen Präsenz sorgt er dafür, dass die ungeschriebenen Regeln, die in dieser konservativen Gesellschaft gelten, eingehalten werden. Ausländer können dabei meist auf etwas mehr Toleranz hoffen. Aber es ist immer von Vorteil, sich mit dem Bawab gut zu stellen.

Die Bawabs stehen in der strikten, extrem undurchlässigen gesellschaftlichen Kastenordnung auf einer der unteren Stufen, mit wenig Chancen, die Leiter emporzuklettern.

Ihr soziales Stigma war auch das Thema des in Dutzende Sprachen übersetzten Erfolgsromans Der Jakubijân-Bau von Alaa al-Aswany, wo der Sohn eines Bawabs trotz guter Prüfungsergebnisse von der Polizeiakademie ausgeschlossen wird und nach und nach in den Extremismus abdriftet. Aber ihr Wissen verleiht den Bawabs Macht. Ihre gesammelten Erkenntnisse behalten sie nicht nur für sich, sie sind eine unbezahlbare Quelle für den weit verzweigten Inlandgemeindienst, der über alle Bürger und Bürgerinnen Dossiers führt und überall seine Zuträger hat.

Die Arbeit als Informant ist ganz selbstverständlich. Ägypten ist ein Polizeistaat, das war in Mubaraks Zeiten vor der Revolution vom Frühjahr 2011 so und hat sich seither nicht geändert. Ein spezielles Gesetz, das den Schutz der persönlichen Daten regelt, gibt es nicht. Für Sicherheit zu sorgen ist wie eine Berufung für die Bawabs, die oft in einer Straße ein ganzes verschworenes Netzwerk bilden.

Revolution in "ihrer" Straße

Bewährt hat sich die eingespielte Gemeinschaft in den ersten Tagen der Revolution, als sich die Polizei von den Straßen und Polizeiwachen zurückgezogen hatte. Es dauerte nur Stunden, bis die Bawabs ihre Straßen mit Baumstämmen abgeriegelt, eine Art Bürgerwehr und ein ausgeklügeltes Warnsystem aufgestellt hatten. (Astrid Frefel, 26.6.2015)

  • Ein Bawab aus Oberägypten im Schatten seines Hauses in Kairo.

    Ein Bawab aus Oberägypten im Schatten seines Hauses in Kairo.

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