Trevor Paglen: Das Aus für unsichtbare Späher

28. Juni 2015, 09:00
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US-Künstler Trevor Paglen will die unsichtbaren Strukturen staatlich gesteuerter Überwachung sichtbar machen. In Frankfurt ehrte man seine Arbeit kürzlich mit Preis und Ausstellung

Wien/Frankfurt am Main – Es waren Landschaftsmaler und Fotografen, die die Expeditionen in die entlegensten Areale der Welt begleiteten und halfen, die weißen Flecken auf der Landkarte zu tilgen. Heute sind es Satelliten, die das unbekannte Terrain ausspionieren. Die große Distanz macht aus ihnen unerkannte Späher. Auch die mächtigsten Eroberer unserer Tage arbeiten im Verborgenen. Jedoch gibt es von den Expeditionen der Überwacher in die neuen, begehrten Kontinente von Big Data keine Bilder.

Es ist diese Macht des Unsichtbaren, die Magie des Geheimen, auf die es Trevor Paglen abgesehen hat. Alarmiert vom Wachstum "undemokratischer Strukturen in demokratischen Gesellschaften", versucht der Künstler und Geograf (geb. 1974 in Maryland) seit mehr als zehn Jahren zu zeigen, wie Systeme der Überwachung aussehen: Mit Hochleistungsteleskopen und Teleobjektiven aus der Astronomie fertigt er Bilder geheimer Militäranlagen, späht mit den Werkzeugen der Überwacher zurück.

Paglen, der auch Teil des Recherche- und Kamerateams der oscarprämierten Doku Citizenfour war, zeigt die Rechenzentren und Abhöranlagen der Geheimdienste, verfolgt Spuren, die zu US-amerikanischen Foltergefängnissen führen (er ist Koautor des Buchs Torture Taxi) oder projizierte die Codenamen von 4000 Geheimdienstoperationen an öffentliche Gebäude wie etwa das House of Parliament in London.

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
"Code Names of the Surveillance State", 2014 in London

Als dokumentarisch versteht Paglen seine Fotos jedoch nicht: Die Bilder des Nachthimmels über der Wüste Nevadas, auf dem sich die Flugbahnen von Spionagesatelliten abzeichnen, wirken wie von Sternschnuppen durchpflügt. Die weißen Parabolantennen im wogenden weiten Grün der Wälder West Virginias (They Watch the Moon) verbreiten eher die malerische Wirkung einer irrealen Idylle denn jene eines bedrohlichen Spionageszenarios: Tatsächlich fängt man dort das Mondecho auf.

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
aus der Serie "Keyhole Improved Crystal"
foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
"They Watch the Moon", 2010

Predator-Drohnen bettet er wie Ameisen in ein riesiges Himmelblau; manchmal sind die unbemannten Flugobjekte in den dramatischen Wolkentürmen kaum auszumachen. Nicht von ungefähr erinnern solche Kompositionen an Gemälde William Turners: Paglen komponiert seine Fotos mit Blick auf die Kunstgeschichte. Der Ästhetik des Erhabenen in der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts sind seine "Surveillance Landscapes" daher nicht unähnlich. Allein: das Versprechen einer positiven Zukunft, die sich dort in der Weite von Landschaft und Himmel zeigt, löst sich in der Gegenwart nicht mehr ein.

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
"Untitled (Reaper Drone)", 2013

Fahrzeuge und Gebäude auf den Militärbasen verschwimmen zu unscharfen Farbflecken, schließlich schießt Paglen seine Fotos von extremen, oft meilenweit entfernten Standpunkten. Bilder, die zu eindeutig sind, reizen den Künstler aber ganz generell nicht, erklärte er 2010 in Wien anlässlich seiner Ausstellung in der Secession. Und so zeigt eine seiner jüngsten Serien auf den ersten Blick nur eine Reihe harmloser Strände oder Surfer – in den USA und an der Nordsee: Die Tatsache, dass hier die transatlantischen Glasfaserkabel ankommen und abgehen bleibt unsichtbar. Paglen ist sich jedoch 100-prozentig sicher: An diesen Orten zapft die NSA die Datenhighways an. Mit solch starken Bildern (begleitet von Infokarten) antwortet er auf neblige Internetmetaphern von einer überall und nirgends befindlichen, ungreifbaren Cloud. Richtig und wichtig: Schließlich ist es das Unbekannte, das die Ohnmacht nährt.

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
"Large Hangars and Fuel Storage; Tonopah Test Range,
NV Distance ~ 18 miles; 10:44 a.m.", 2005

Neue Art des Sehens

Dass sich die Menschen der Aktivitäten von NSA, CIA oder BND hinlänglich bewusst sind, glaubt er nicht: Man könne nur Dinge sehen, für die wir ein Bild haben. Die ersten Artikel über die Snowden-Enthüllungen waren alle mit einem jahrzehntealten Foto der NSA-Zentrale illustriert, so Paglen kürzlich in einem Interview. Als er daraufhin ein vom Helikopter aus geschossenes Bild anbot, wurde dieses ruckzuck zwei Millionen Mal heruntergeladen.

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
"National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, Virginia", 2013

Paglen will Anstöße zu einer "neuen Art des Sehens" liefern. Ist der Blick erst einmal trainiert, könne man die Spuren der Überwachung überall erkennen. Und so rief der US-Amerikaner heuer den Eagle-Eye-Fotowettbewerb aus: Er stellte eine Karte mit NSA-Stützpunkten in Deutschland zur Verfügung, um im Gegenzug Aufnahmen von den lokalen Strukturen der Überwachung zu erhalten.

Ausgestellt sind einige davon in Paglens Personale im Frankfurter Kunstverein. Deren Titel, The Octopus, bezieht sich auf das Maskottchen des US-Satellitenaufklärungsprojekts NROL-39: Als Paglen 2013 ein Bild der Krake mit den den Globus umspannenden Saugarmen und dem Motto "nothing is beyond our reach" auf Twitter öffentlich machte, empörte dieses Logo der Spione.


Paglen ermöglicht in Frankfurt aber auch anonymes Internetsurfen über den Autonomy Cube, den er gemeinsam mit dem Internetaktivisten Jacob Appelbaum entwickelte. Möglich macht es das Tor-Netzwerk, für das weltweit etwa 2000 Menschen ihre Netzverbindung zur Verfügung stellen.

foto: trevor paglen und jacob appelbaum /altman siegel, san francisco; metro pictures, new york; galerie thomas zander, köln
Trevor Paglen und/and Jacob Appelbaum
"Autonomy Cube", 2014

Im Rahmen der Schau wurde dem "Grenzgänger zwischen Kunst und Politik" vorige Woche in Frankfurt obendrein der Kulturpreis der deutschen Gesellschaft für Fotografie verliehen. Freilich, Paglen arbeitet wie ein investigativer Journalist, kooperiert mit Internetaktivisten oder Organisationen wie Human Rights Watch, fühlt sich aber dennoch im Kunstbetrieb zu Hause. Auch im Kunstmarkt ist er kein Fremdkörper, der dort nach Refinanzierung seiner Recherchen trachtet.

Für 20.000 Dollar bot die Kölner Galerie Thomas Zander kürzlich auf der Art Basel eine Arbeit aus seiner Serie Untitled (Reaper Drone) an. Das renommierte, auf Fotografie spezialisierte Haus zählt Kapazunder wie Candida Höfer, Garry Winogrand, Larry Sultan, Diane Arbus, Lewis Baltz oder Lee Friedlander zu seinem Portfolio. Den Vergleich müssen Paglens anspruchsvolle, in internationalem Ausstellungskontext präsentierte Bilder nicht scheuen. Beim Thema Kunst und Überwachung ist er aktuell einfach der relevanteste und überzeugendste Name. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 27.6.2015)

foto: trevor paglen / courtesy galerie thomas zander, köln
NSA/GCHQ Surveillance Base, Bude, Cornwall, UK, 2014
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