Wo man einen privaten Nachrichtendienst kaufen kann

29. Juni 2015, 05:30
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Firmen setzen auf private Zulieferer von Informationen, oft aber enge Verbindung zu staatlichen Diensten

Bald will Gerald Karner mit seiner Aventus GmbH umziehen. Einen Vorteil des alten Büros wird der ehemalige Bundesheer-Brigadier vermissen: zwei Ausgänge, damit "Quellen" die Räumlichkeiten unbemerkt verlassen können. Diskretion ist Karner wichtig: Er betreibt einen "privaten Nachrichtendienst", der für Unternehmen Informationen auch aus nichtöffentlichen Quellen zusammenträgt. Ein weltweites Netz an Informanten könne seine Kunden mit aktuellen Informationen zur wirtschaftlichen oder politischen Lage eines Ziellandes versorgen.

"Ziel ist es, Schaden von Unternehmen abzuwenden", erklärt Karner. Dafür sei es etwa vor einer Expansion oder Übernahme nötig, so viele Informationen wie möglich zusammenzutragen, um Vorständen eine fundierte Entscheidung ermöglichen zu können. "Unser Gegner ist aber nicht der staatliche Nachrichtendienst", so Karner, der bis 2006 im Verteidigungsministerium als Militärstratege beschäftigt gewesen ist.

Enge Beziehung

Karner verzeichnet ein reges Interesse an seinen Tätigkeiten. Kein Wunder: Spätestens seit den Snowden-Enthüllungen wird die enge Beziehung zwischen Nachrichtendiensten und Privatwirtschaft in den Fokus gerückt. Durch die Dokumente des Whistleblowers wurde bekannt, dass US-Geheimdienste emsig Informationen über ausländische Konzerne sammeln. So wurde etwa die brasilianische Ölgesellschaft Petrobras ausgespäht. In Deutschland herrscht Aufregung, weil der Bundesnachrichtendienst (BND) im Auftrag der NSA europäische Unternehmen wie Airbus abgehört haben soll.

Freund und Feind

Ob NSA und Co die gesammelten Daten an US-Konzerne weiterleiten, ist nicht eindeutig bewiesen. Im Bereich der Rüstungsindustrie herrscht aber eine derart enge Verflechtung mit Firmen wie Northrop Grumman, dass Freundschaftsdienste zu vermuten sind. Auch in der IT-Branche befürchten Datenschützer die Entstehung eines neuen "Militär-Internet-Komplexes". In der Hackerabwehr arbeiteten etwa Google und die NSA eng zusammen, als chinesische Cyberspione ein Datencenter attackiert hatten.

Edward Snowden zeigt die enge Verquickung zwischen Geheimdiensten und Privatwirtschaft auch anhand seiner Biografie: Nach Stationen bei CIA und NSA landete der IT-Experte bei der Consultingfirma Booz Hamilton, die ihn als "Leiharbeiter" der Luxusklasse wiederum an die NSA zurückvermittelte.

CSC entwickelte Elga

Doch die Privatwirtschaft versorgt NSA und Co nicht nur mit Arbeitskräften: Firmen wie die Computer Sciences Corporation (CSC) entwickelten entscheidende Programme des NSA-Abhörprogramms "Stellar Wind", mit dem die NSA bis 2008 E-Mails, Anrufe und Finanztransaktionen von US-Bürgern überwachte. In Österreich war die hiesige CSC-Tochterfirma in die Entwicklung der elektronischen Gesundheitsakte (Elga) involviert. Andere Aktivitäten umfassten etwa die Organisation von Privatjets, mit denen CIA-Gefangene in Geheimgefängnisse transportiert wurden.

Die deutsche Regierung hat auf solche Enthüllungen bereits reagiert: Künftig sollen Firmen, die für die NSA arbeiten, keine staatlichen Aufträge mehr erhalten. Einfacher gesagt als getan: Der deutsche Software-Gigant SAP erhielt vom Bundesnachrichtendienst einen Auftrag in dreistelliger Millionenhöhe, wird als größtes europäisches Software-Unternehmen aber auch von der NSA eingespannt.

Missbrauch möglich

Dass sich große Traditionskonzerne in die Nähe der Geheimdienste begeben, ist kein Wunder, sind deren Geldtöpfe doch prall gefüllt. Boeing – das als Flugzeughersteller ohnehin bestens in der Rüstungsbranche vernetzt ist – investierte etwa in den Bereich Spracherkennung und erwarb die Firma Naurus. Deren Software wandelt für die NSA täglich Millionen Telefonate in durchsuchbaren Text um. Mittlerweile gehört die Firma zu Symantec, einem Antivirenhersteller.

Im Bereich der Texterkennung ist auch die österreichische Firma Sail Labs GmbH tätig. Ihr "Media Mining Feeder" ist in der Lage, TV- oder Radionachrichten ebenso wie soziale Netzwerke zu durchsuchen und strukturierte Analysen zu erstellen. Auf ihrer Website wirbt die Firma mit einem Sujet von Heinz Fischer, dessen Sprechblase auf Arabisch übersetzt wird. Zu seinen Kunden zählte Sail Labs bereits das US-Außenministerium sowie das österreichische Bundesheer.

sail labs

Staatliche Förderung erhält Sail Labs für ein Projekt, mit dem Facebook und Twitter bei Katastrophen nach Informationen für Einsatzkräfte durchsucht werden können. Gerät die Technologie in falsche Hände, ist ein Missbrauch aber nicht ausgeschlossen.

Schärfere Exportkontrollen für Trojaner?

Deshalb fordern Politiker wie der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) von der EU schärfere Exportkontrollen für "digitale Waffen". Spionagesoftware, etwa von Firmen wie FinFisher, soll nicht mehr an repressive Regime verkauft werden. Der Markt ist ohnehin auch in Europa und den USA riesengroß: In einer parlamentarischen Anfragebeantwortung führte das österreichische Innenministerium ganze 17 Firmen aus der Überwachungsbranche an, von denen es Technologien oder Geräte erworben hatte.

Die zunehmende Verlagerung von Dienstleistungen und Technologien in den privaten Sektor soll helfen, dem Steuerzahler schließlich Kosten zu ersparen. Doch Kritiker monieren, dass sich der Staat aus Bereichen zurückzieht, in denen hohes Verantwortungsbewusstsein nötig ist. Als warnendes Beispiel gilt etwa die Söldnergruppe Blackwater, die US-Truppen im Irak entlasten sollte – und Gräueltaten verübte. "Wenn die Situation so bleibt, wird der Staat immer weniger Leistungen erbringen können", warnt Militärexperte Karner. (fsc)

  • Im Umfeld der NSA haben sich zahlreiche Konzerne angesiedelt, die am Budgettopf mitnaschen wollen...
    foto: apa/epa/lo scalzo

    Im Umfeld der NSA haben sich zahlreiche Konzerne angesiedelt, die am Budgettopf mitnaschen wollen...

  • ... indessen setzen Privatunternehmen auf die Hilfe von "kommerziellen Nachrichtendiensten" wie der Aventus GmbH von Gerald Karner (Bild: Im Chat von derStandard.at)
    foto: standard/florian niederndorfer

    ... indessen setzen Privatunternehmen auf die Hilfe von "kommerziellen Nachrichtendiensten" wie der Aventus GmbH von Gerald Karner (Bild: Im Chat von derStandard.at)

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