Silicon Valley: Im Tal der guten Vorsätze

Die Digitalisierung war erst der Anfang: Im Silicon Valley arbeiten glühende Technokraten und Weltverbesserer an der Abschaffung der alten Welt. Ein Besuch auf der Kommandobrücke der Menschheit

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Essay27. Juni 2015, 09:00

Sensoren für Satelliten, die Entwicklung kleinräumiger Landwirtschaft, Palmöl und mobile Trainingseinheiten für Non-Profit-Organisationen. Natürlich, alles mit Kameras und Smartphones vernetzt. 250 Millionen Dollar. Viel? Google hat unlängst in einem anderen Projekt 500 Millionen in den Sand gesetzt! Am Nebentisch: Doppelstelliges Umsatzwachstum pro Quartal, schlanke Managementstrukturen, hohe Effizienz, Cashflow, Seed-Investments und – leider, leider – äußerst kopfscheue Wagniskapitalgeber, die ihr Geld zurückziehen. Die Dritten: Ist das Geschäftsmodell skalierbar? Ja, klar. Weltweit.

Coupa Café, Downtown Palo Alto, Kalifornien. Auf der Ramona Street surren beinahe lautlos elektrisch angetriebene Tesla-Limousinen vorbei. Die aufgedreht freundliche Bedienung wirkt, als hätte sie an diesem frühen Nachmittag bereits zwei, drei Espressi zu viel intus. Sie zeichnet kleine Kunstwerke auf den Milchschaum von Cappuccinos und Lattes to go. Vor dem Kaffeehaus, über den kleinen Tischchen, auf denen kaum mehr als zwei Teller und zwei Tassen Platz finden, wabert eine Soundcloud aus Geschäftigkeit, verwegenen Plänen und Sendungsbewusstsein. Keiner kann weghören, niemand dem mitreißenden Sog der Gesprächsfetzen entkommen.

Im elitären Klub

Im Coupa Café materialisiert sich der Geist des Silicon Valley über Erdbeer-Schoko-Crêpes mit Schlagobers. Agenten dieses Geistes sind der Inder, der ununterbrochen Salven seines maschinegewehrschnellen Englisch auf einen weißhaarigen Amerikaner mit Apple-Watch abfeuert. Die junge Frau und der junge Mann, die über revolutionäre Satellitentechnik sprechen und nebenbei etwas unbeholfen miteinander flirten. Der gebückte Herr, der auf seinem MacBook Air an den Tortengrafiken in seiner Bitcoin-Präsentation arbeitet. Die hoffnungsfrohe Stanford-Studentin, die ihren beeindruckten Eltern zeigt, wofür Mami und Papi all die Überweisungen machen und welchem elitären Klub sie nun angehört.

Das Valley: Ein Kranz aus mächtigen Weltkonzernen hat sich zwischen San Francisco und San José gebildet.

Sie alle predigen, verkörpern, treiben "Innovation" voran – ein Begriff, für dessen Verwendung es hier keinerlei oberste Inflationsgrenze gibt. Innovation ist das Synonym für den Spirit, der unablässig an der Bucht von San Francisco weht. Dessen transformierende Brachialkraft reißt alle und jeden mit. Und zwar so sehr, dass der Spiegel unlängst in einer verzagten, an landläufigen Verschwörungstheorien orientierten Titelgeschichte jammerte: "Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert".

Dabei ist das Wie ohnehin allenthalben bekannt. Interessanter ist das Warum.

Weshalb stehen all die Innovations-Missionstationen und Technologie-Kathedralen, all die Konzernzentralen, die aussehen wie Mutterschiffe, ausgerechnet dort? Was macht den "Silicon Valley Spirit" aus, was treibt ihn – außer Gier und Geld – an? Wer genau gibt den Ton an in diesem Zukunftslabor? Und warum wollen alle hier, wie sie unentwegt behaupten, "die Welt zu einem besseren Ort machen"?

Ein guter Platz, um eine Suche nach Antworten zu beginnen, ist die Garage, in der Bill Hewlett und David Packard 1938/39 mit exakt 538 US-Dollars ihr Unternehmen, die Hewlett-Packard Company, gründeten. Ihr erstes Produkt war ein Tonfrequenzgenerator, den sie gleich an die Walt-Disney-Studios verkauften. Das war der Grundstein für die Entwicklung der Garagenfirma zu einem Weltkonzern.

367 Addison Avenue, Palo Alto: Das ist der behördlich anerkannte Geburtsort des Silicon Valley. Es ist die Garage, in der Hewlett-Packard Ende der 1930er-Jahre gegründet wurde.

Den Bretterverschlag mit den grün gestrichenen Toren an der Addison Avenue in Palo Alto gibt es noch immer. Er ist jetzt ein Privatmuseum. Und wenn vorbeipilgernde Technologie-Jünger Glück haben, stehen die Garagentore offen. Vor dem Anwesen steht eine Bronzetafel in einer akkurat getrimmten Wiese. Auf der ist zu lesen, dass dies der "Birthplace of Silicon Valley" sei. Und dass ein Professor aus der nahegelegenen Stanford University seine Studenten seinerzeit ermutigt habe, doch eigene Firmen zu gründen, statt in bestehenden Unternehmen an bestehenden Dingen zu arbeiten.

Angesichts der aufgeräumten, erstickenden Banalität amerikanischer Vorstädte (und insbesondere der Addison Avenue) ist es schwer zu glauben, dass ausgerechnet hier weltbewegende, ja weltverändernde Dinge ersonnen werden könnten; dass hier über nichts weniger als die Zukunft der Menschheit bestimmt wird.

Auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass das Valley viel weniger konkreter Ort ist als eine Geisteshaltung – eine Mentalität und keine Postanschrift: Der Pioniergeist der frühen Siedler und der kalifornische Goldrausch (1848 bis 1854) zum Beispiel wirken noch immer nach. Hier konnte jeder sein Glück nicht nur finden, sondern es machen, ja erzwingen – wenn er nur bereit war, ausreichend Risiko einzugehen (seinerzeit war eine monatelange Seereise um Kap Hoorn sicherer, als mit einem Trek über Land nach Kalifornien zu kommen).

Glück und Know-how

Zum Glück gesellte sich Know-how: Leland Stanford, ein steinreicher Eisenbahn-Tycoon und Politiker, gründete die nach seinem an Typhus verstorbenen Sohn Leland Stanford Jr. benannte Universität 1891. Dort wurde Generationen von Studenten ein ausgesprochener Ingenieursgeist eingeimpft – also nicht nur die Lust, die Ärmel aufzukrempeln und etwas Neues zu erfinden, sondern auch der Sinn dafür, dieses Neue anzuwenden, einen Markt dafür zu schaffen und Geld damit zu verdienen.

Spezielle Absatzmöglichkeiten ergaben sich durch die technologische Orientierung der Uni relativ schnell im Rüstungsgeschäft. Bereits 1912 erwarb die Navy ein Radio-Patent eines Stanford-Absolventen. In den 1950ern wurde im nahegelegenen Sunnyvale Lockheed Missile and Space gegründet. Ein Unternehmen, das mitten in der damals grassierenden Paranoia, die USA seien den Sowjets in der Raketentechnologie heillos unterlegen, binnen weniger Jahre von null auf 20.000 Ingenieure wuchs. Und am angrenzenden Moffett Airfield bestand bereits seit einigen Jahren ein Labor der Nasa – ebenso mit mit Bedarf an Erfindern und Computern mit hoher Rechenleistung.

Nicht weniger wichtig: Die etwas später aufkommende Hippie-Bewegung versuchte von ihrer "Hauptstadt" San Francisco aus, ihre Weltverbesserungsshow samt libertär-romantischer Erlösungsfantasien und der Sehnsucht nach einfachem Kommunenleben ohne staatlichen Einfluss aufzuziehen – als eine Gegenkultur, die direkt in die heutige Cyberkultur führte.

foto: ap
Steve Jobs und John Sculley präsentierten den Macintosh des Jahres 1984.

Stewart Brand und Kevin Kelly etwa, einst Chefredakteure des Whole Earth Catalog, aus dem sich Blumenkinder Campingzubehör, Makramee-Deckchen und Büffellederjacken bestellen konnten, personifizieren diesen Übergang wie wenige andere. Sie waren später maßgeblich an der Gründung des Zentralorgans der Techno-Utopisten, des Wired-Magazine, beteiligt. In genau diesem Umfeld inszenierten auch Apple und Steve Jobs ihren Macintosh nicht ohne Grund im berühmten, an George Orwell angelehnten Werbespot "1984" als aufständischen Akt der Gegenkultur.

Irgendwann ab den 1990er-Jahren dann wuchsen die neuen Firmen im Valley zu bisher ungekannter Größe heran, dennoch blieben sie bei ihrem Narrativ der Gegenkultur und Weltverbesserung. Eine der Fragen im Einstellungsinterview bei Google (Firmenmoto: Don't be evil) lautet noch immer: "Do you really want to change the world?"

Die von unstillbarer Gier getriebenen Gordon Geckos an der Wall Street wollten das Geld der Menschen und sonst nichts. In der Digitalindustrie ist es nicht anders – mit einem Unterschied: Die Herrschaften in Kalifornien haben gute Vorsätze dabei. "Wenn ein New Yorker dich mit dem Auto überfährt, dann tut er das, weil er dich überfahren will. Wenn dich einer aus dem Silicon Valley niederfährt, dann tut er das mit guten Absichten", sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

foto: ap/margot
Facebook-Campus in Menlo Park, Palo Alto.

Diese guten Absichten zahlen sich zweifellos aus: Im Silicon Valley Index, der jährlich herauskommenden Zahlenbibel einer datengetriebenen Region, steht zu lesen: Im Silicon Valley gibt es auf knapp drei Millionen Einwohner 1,48 Millionen Jobs. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei über 86.000 US-Dollar. In San Francisco und dem Valley leben zehn Prozent der Bevölkerung Kaliforniens. Sie erbringen 15 Prozent der Wirtschaftsleistung des Bundesstaates, melden 50 Prozent der Patente an, verfügen über 70 Prozent des Wagniskapitals und sorgen für 50 Prozent der Börsengänge.

Propaganda

Aber glauben die Unternehmenslenker tatsächlich selber an die Bessere-Welt-Propaganda? "Ja, das tun sie!", bestätigt Neal Gorenflo, der in SoMa, San Franciscos Gründerdistrikt, die Tausch- und Kommunikationsplattform Sharable aufbaut. Der bärtige Mann hat sich in einem früheren Leben mit American Culture Studies befasst und kann wie kein anderer die kulturelle Grundierung der Unternehmerszene zwischen San Francisco und San José erklären.

Den Bossen im Valley reiche es nicht aus, mit Weltkonzernen Unmengen an Geld zu machen, sie wollten ganze Industrien transformieren: "Die Digitalisierung war nur eine niedrig hängende Traube. Die Technologie-Plattformen brechen zunehmend in andere Wirtschaftswelten ein. Von der Informatonstechnologie geht es in Richtung Ziegel- und Mörtelbranche. Ein Beispiel dafür ist der Kampf AirBnB gegen Hilton."

foto: ap photo/marcio jose sanchez
Der Google Campus in Mountain View: Im Konzern-Hauptquartier arbeiten 20.000 Menschen. Weil alles so unspektakulär ist, mussten Android-Männchen her, damit die Touristen etwas fotografieren können.

Das Silicon Valley habe die Art, Firmen zu gründen und erfolgreich zu machen, so revolutioniert wie Henry Ford den Fahrzeugbau, erklärt Gorenflo. Technologie, Automatisierung und Management seien heute unternehmerische Gebrauchsgegenstände. Die einzige Widrigkeit für Unternehmer dieses Formates seien heute nur noch regulatorische Hindernisse, an denen etwa der Fahrtendienst Uber (aus San Francisco) vor allem in Europa zu knabbern habe. Gorenflo: "Wenn wir dieser Entwicklung nicht eine neue Richtung geben, dann werden wir irgendwann eine globale Dominanz dieser Riesenkonzerne in beinahe jeder Branche sehen."

Im Googleplex in Montain View ist gerade Mittagszeit. Hier knabbern die Mitarbeiter des Suchmaschinenriesen an Karotten- und Selleriestückchen. Wir treffen I-Jong Lin in der Kantine. Die Wahl des Menüs gestaltet sich ob der großen Auswahl einigermaßen langwierig. Einstweilen gibt es noch keinen Algorithmus, der voraussagen könnte, auf welche Mahlzeit man wann Gusto hat.

Lin hat in Stanford Computer Engineering studiert und in Princeton seinen Doktor gemacht. Danach: die Forschungsabteilung von Hewlett Packard, ein paar Start-ups, und nun entwickelt er eine Camera App für Google. Daneben pflegt er seit seiner Studentenzeit ein Faible für die "liberal arts", insbesondere für Latein, weil ihn das Ingenieurswesen doch nicht ganz ausfüllt.

Das Valley, sagt Lin, "ist eine große Zerstörungsmaschine (disruption engine, Anm.)". Die Frage sei, was denn auf der moralischen Habenseite dieser Unterbrechung etablierter Kontinuitäten steht? "Im Sinne der Zerstörer ist es die Zerstörung selbst, weil daraus etwas Neues, Positives entsteht."

Zentraler Glaubenssatz

Die Weiterentwicklung und praktische Anwendung von Schumpeters Theorie der "schöpferischen Zerstörung" ist der erste, der zentrale Glaubenssatz im Valley: Es geht um die Unterbrechung traditioneller Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Weil große Unternehmen kein Interesse an der Veränderung ihrer erfolgreichen Geschäftspraktiken haben, erhalten Gründer eine Chance, diese zu zerstören, indem sie in einer Branche alles anders machen. Sie haben nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Ein gutes Beispiel dafür sind Google und das Googleplex selber. Es befindet sich im ehemaligen Hauptquartier von Silicon Graphics, einem untergegangenen Konzern aus den 1980er- und 1990er-Jahren.

"Man muss hoffen, dass diese Zerstörung positive Seiten hat", sagt Lin. Aber: "Bei Kierkegaard ist die Absicht ein Teil der Sünde. Man weiß nie, was aus der Zerstörung entsteht." Andere würden sagen: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen.

So viel Zurückhaltung und Vorsicht bringen die meisten Techno-Optimisten nicht auf. Insbesondere jene nicht, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Einer davon ist Marc Andreessen. In den 1990ern gründete er Netscape, das den ersten populären Webbrowser (Netscape Navigator) auf den Markt brachte. Heute ist er als Partner von AndreessenHorowitz einer der einflussreichsten Wagniskapitalgeber in der Gegend. Er gilt als Mastermind der Branche. Der New Yorker beschrieb ihn unlängst so: "Er ist ein Evangelist der Technologie-Kirche. Er brennt dafür, das Leben, so wie wir es kennen, neu zu ordnen. (...) Er glaubt, dass das Valley die Kommandobrücke für die Menschheit ist."

foto: reuters/fred prouser
Marc Andreessen.

Andreessen schwebt eine Gesellschaft ohne Bargeld, ohne gekochtes Essen und dafür mit gesteigerter Wahrnehmung durch die Datenbrille Oculus Rift vor. Und eine "Nerd Nation", die alle und alles hinter sich lässt. Datenschutz und dergleichen? Bestenfalls eine Reminiszenz aus grauer Urzeit.

Ähnlich gestrickt sind Peter Thiel, der deutschstämmige Gründer von PayPal, oder der Entrepreneur Balaji Srinivasan. Thiel finanziert das Seasteading-Institut in Sunnyvale, das unter anderem ein Enkel Milton Friedmans mit dem Ziel betreibt, auf internationalen Gewässern eine Art autonome und unabhängige Gemeinwesen einzurichten, auf die kein Staat der Welt Zugriff hat. Srinivasan spricht von sich bereits organisierenden "Opt-in-Gesellschaften", die auf Technologie basieren und die im Wesentlichen veralteten und verrotteten USA hinter sich lassen.

Doch denjenigen, die so begeistert und intensiv in die Zukunft schauen, fehlt gelegentlich der Blick für die Gegenwart. Aber der Alltag und seine Bedürfnisse verschwinden auch im Silicon Valley nicht hinter hochfliegenden Visionen. Ein Problem, das sich nicht digital lösen lässt, ist: Das Wasser geht aus. Seit 2011 leidet das Land unter einer außergewöhnlichen Dürre, die zuletzt vor 1200 Jahren aufgetreten ist. Ende 2014 waren 58 Prozent des Bundesstaates davon betroffen.

Alle Ingenieurskunst und kreative Zerstörung helfen dagegen vorerst nichts.

Christoph Prantner, geboren 1971 in Meran, hat in Wien und den USA Philosophie, Politikwissenschaften und Geschichte studiert. Er schreibt seit 1997 für den Standard – zunächst im Chronikressort, dann in der Außenpolitik. Von 2007 bis 2013 war er Auslandschef der Zeitung, seither ist er Leitender Redakteur Meinung. Seine Reise nach Kalifornien wurde zum Teil vom US-Außenministerium unterstützt.