Mordprozess: Der alte Mann und die Kaufsüchtige

26. Juni 2015, 14:21
115 Postings

Ein 63-Jähriger hat nach 40 Jahren Ehe seine schlafende Frau erschlagen. Sein Motiv: Schulden und ihre unnötigen Einkäufe im Internet

Korneuburg – "Jetzt bin i a Mörder", hat sich Johann M. am Morgen des 18. März gedacht, als er in seiner Küche vor der Kaffeemaschine stand. Eine korrekte Feststellung, schließlich hatte der 63-Jährige wenige Minuten zuvor seine schlafende Frau mit fünf Hammerschlägen auf den Kopf getötet.

Vor dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Helmut Neumar schildert der Pensionist im Landesgericht Korneuburg ruhig und nüchtern, wie es zu der Tat gekommen ist. Und beginnt vor Jahrzehnten. Vor gut 40 Jahren habe er die damals 16-Jährige geheiratet, vier Kinder kamen im Laufe der Jahre zur Welt. Und insgesamt 80.000 Euro Schulden zusammen.

"39 Jahre war alles ok", erzählt er, "aber als sie in Pension gegangen ist, ist es bergab gegangen." Die Frau sei immer aggressiver geworden, habe sich gehen lassen. Genauer – sie hat das Gegenteil getan. Sie habe sich kaum mehr bewegt, auf 160 Kilo zugenommen.

Den Briefträger abgepasst

M. beging auch einen Fehler: Er kaufte einen Laptop für die Gattin. Den nutzte diese offenbar primär, um im Internet Kleidung zu bestellen. "Sie hat ja Sachen bestellt, die ihr gar nicht mehr gepasst haben", erinnert sich der Angeklagte. "Ich habe manchmal den Postler abgefangen und die Packerl gleich wieder retour geschickt."

Leisten konnte sich das Ehepaar die Einkäufe nicht. Wegen der Rückzahlungen – 60.000 Euro stammten aus einer Bürgschaft für einen Sohn – blieben ihnen 600 Euro im Monat zum Leben.

Am Abend vor der Tat entdeckte der Unbescholtene in der Küche wieder einen Bestellschein. Für zwei Paar Schuhe um 200 Euro. "Du kannst sie ja eh wegschmeißen", soll die Frau auf seine Vorhalte geantwortet haben.

Mit dem Schnitzelpracker vor Schlafender

Um 23 Uhr ging M. zu Bett, konnte nicht schlafen. "Ich bin im Haus herumgegeistert." Um 3 Uhr Früh endete das in der Küche, wo er einen Fleischklopfer nahm und ins Schlafzimmer ging. "Was wollten Sie mit einem Schnitzelpracker um 3 in der Früh bei ihrer Frau?", fragt der Vorsitzende. Der Angeklagte gibt zu, da schon Mordgedanken gehegt zu haben.

"Es war die Ausweglosigkeit, die mich so fertig gemacht hat", versucht er sich zu rechtfertigen. Eine Scheidung sei ihm nie in den Sinn gekommen. "Und dass Sie ihr den Laptop wegnehmen oder das Internet kündigen?", fragt der Beisitzer. Auch daran hatte M. nie gedacht.

So ging er in der Tatnacht doch wieder zu Bett, bis er um 5 Uhr Früh die Zeitung holte. "Ich muss dann beim Lesen eingeschlafen sein und bin nach 7 Uhr aufgewacht." Ihm fiel auch wieder ein, dass sich für 9 Uhr der Herr vom Inkassobüro angekündigt hatte. "Dann bin ich in die Werkstatt gegangen und hab das Maurerfäustel geholt."

"Was war da Ihr Entschluss?", bohrt Neumar nach. "Ich kann nicht mehr", hört er als Antwort. "Nicht vielleicht: ,Jetzt bring ich sie um'?" – "Ja."

1,25 Kilogramm schwere Tatwaffe

Der erste Schlag mit dem 1,25 Kilogramm schweren Hammer war noch nicht tödlich. "Dann hat sie mich angeschaut und ich habe mich drübergelegt und weiter zugehaut." Fünfmal insgesamt, ein tödliches Schädel-Hirn-Trauma war das Resultat.

Er deckte die Leiche noch zu, holte sich Zigaretten, ging zum Kaffeeautomaten und erkannte, dass er zum Mörder geworden war. Er rief seine Tochter und die Polizei. "Was haben Sie da eigentlich gefühlt?", will der Vorsitzende wissen. "Eher Erleichterung."

Während Staatsanwalt Christian Pawle keine wesentlichen Fragen hat, versucht Verteidiger Thomas Nirk die familiäre Situation näher auszuleuchten.

Da das Opfer auch auf den Namen der Tochter Bestellungen getätigt hat, drohte diese bereits mit einer Unterlassungsklage. Selbst der kleine Enkel habe bei einem Besuch schon einmal gesagt, die Oma solle mit dem Opa nicht immer so schreien. Einen anderen Sohn und dessen Lebensgefährtin habe die Mutter beim Jugendamt angezeigt.

"Keine Reue, nur Selbstmitleid"

Staatsanwalt Pawle sieht in seinem Schlussplädoyer keine Zeichen für Reue beim Angeklagten: "Er ist geständig, aber ich habe nur Selbstmitleid gesehen." Dass das Opfer nun als Wurzel allen Übels hingestellt wird, findet er unschön.

Der Verteidiger sieht dagegen ein "Martyrium" aufseiten des Angeklagten. "Der duldende Partner wird zum lebenden Toten", ist er überzeugt. "Es gibt keine Hoffnung auf Besserung der Situation, da erscheint Mord als einziger Ausweg."

Der Senat braucht nicht lange für ein Urteil. Die Geschworenen sprechen M. einstimmig wegen Mordes schuldig, er wird zu 17 Jahre Haft verurteilt. Das ist dem Ankläger zu wenig, er beruft, die Entscheidung ist daher nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 26.6.2015)

Share if you care.