Die Basis der Suchmaschinen: Als ein Fragamt das Universum war

28. Juni 2015, 12:46
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Anton Tantner über Adressbüros und George Dyson über den ersten programmierbaren Großcomputer

Die unübersichtliche Stadt. Die Stadt, in der man sich verirrt. Viel zu selten gerät in den Blick, dass in der Frühen Neuzeit die großen Städte Europas Labyrinthe waren, unüberschaubar, ständig in Veränderung, kaum in Gänze erkundbar und erkundet. Es gab kaum geeignete Informationssysteme, erst recht nicht in schriftlicher Form, die über die einzelne Straße, den jeweiligen Bezirk hinaus verwiesen.

Ein erster Anfang dabei war ein Ordnungssystem, das heute gang und gäbe ist und erst dann auffällt, wenn die gewohnte Systematik durchbrochen wird: Hausnummern. Ebendiesen hat sich der 1970 geborene Historiker Anton Tantner verschrieben. Ein Projekt des heutigen Gastprofessors am Institut für Geschichte der Universität Wien bestand in der Erforschung eines Medienphänomens, das der Radar der Forschung lange nicht erfasste – Adress-, Auskunfts- und Intelligenz-Comptoirs.

Als Medienphänomen sind sie unerforscht und unbeachtet geblieben, weil diese Frag- und Kundschaftsämter, wie sie in der Habsburgermonarchie hießen, diese "registry offices", "Adresscomptoirs", "Berichthäuser" und "Intelligenzämter" trotz des Nachsatzes "Amt" Privatunternehmungen waren. Sie existierten teils nur kurz, späterhin produzierten sie Nachrichtenblätter, die einfacher zugänglich waren und spätestens um das Jahr 1800 in Zeitungen aufgingen.

Orte der Informationsbeschaffung

Aus seiner Habilitationsarbeit über "Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit" von 2011 hat Tantner eine Kurzfassung erarbeitet. Was also sind "Adressbüros" gewesen? Orte der Informationsbeschaffung, -verwaltung und -weitergabe. Büros, in denen Registerbücher geführt wurden über Mietwohnungen. Sie dienten zudem der Vermittlung von Dienstboten, der medizinischen Betreuung von Armen, als Pfand- und Leihhaus, als Kunstgalerie, als Debattierklub und wissenschaftliche Akademie, später auch als Leihbibliothek inklusive Zeitungen.

Kurz, die Basisbegründung ähnelt erstaunlich jener von Google: Suchen, Finden und Verbinden von Informationen einschließlich wertschöpfender Generierung von Transaktionen. Das erste "Bureau d'adresse" gründete der Arzt Théophraste Renaudot 1628 in Paris. Es folgten in West- und Mitteleuropa in den folgenden knapp 150 Jahren weitere Nachahmer.

Ihre Funktion war auch eine der Überwachung. Teilweise reklamierten sie damals bereits vorpolizeiliche Aufgaben, die Registrierung und moralisch-sittliche Einstufung des Dienstpersonals. Schon damals gab es das Widerspiel von Privatem und Öffentlichem – die Anonymisierung von eingereichten Gütern war keineswegs so lückenlos, wie es die Comptoir-Betreiber behaupteten.

Spannendste Fragen zum Schluss

Bemerkenswert sind angesichts des überschaubaren Umfangs des Bandes die nicht wenigen Repetitionen, die Tantner genauso wie imposante 568 Fußnoten auf gerade einmal 140 Textseiten unterbringt. Die spannendsten Fragen werden auf knapp sieben Seiten ganz zum Schluss angetippt und bleiben mehrheitlich eher offen: Waren die Adressbüros tatsächlich Suchmaschinen avant la lettre? Ist es statthaft, von ihnen eine direkte datenbasierte Analogie in die digitale Gegenwart zu ziehen?

Ganz anders ist das materielle Fundament für den amerikanischen Wissenschaftshistoriker George Dyson beschaffen – dessen Buch aber im Grunde einen anderen Titel tragen müsste: Nicht Turings Kathedrale, sondern "von Neumanns Kathedrale" hätte es heißen müssen. Denn der britische Mathematiker Alan Turing, der die Grundlagen für die Turingmaschine, ein Rechnermodell der Theoretischen Mathematik, gelegt hatte, taucht erst nach Seite 200 auf. Nicht Turing, der 1954 42-jährig Selbstmord beging, da er ob seiner Homosexualität kriminalisiert worden war, sondern der Spieltheoretiker John von Neumann (1903-1957) steht im Zentrum des Buches.

Der erste frei programmierbare Digitalcomputer, dessen Entstehungsgeschichte Dyson detailreich auf der Basis zehnjähriger Recherchen nacherzählt, stand an der Ostküste der USA. Er war das Projekt des in Budapest geborenen Bankierssohns John von Neumann, der als einer der brillantesten Mathematiker des 20. Jahrhunderts und des sich auf Forschung konzentrierenden, 1930 gegründeten Institute of Advanced Study (IAS) in Princeton gilt.

Von-Neumann-Architektur

Der 1953 komplett in Betrieb genommene Rechner war einer der ersten Großcomputer, bei denen der Programmcode und die Daten gemeinsam in einem elektronischen Speicher zur Verarbeitung vorgehalten wurden. Die essenziellen Konstruktionsprinzipien dieser nahezu einen Saal füllenden Megarechenmaschine sind bis heute unter dem Namen Von-Neumann-Architektur bekannt.

Minutiös wird die Arbeit am IAS-Computer rekonstruiert und auch eingebettet in die Anfänge des Kalten Krieges – George Dyson: "Das digitale Universum und die Wasserstoffbombe entstanden zur gleichen Zeit" – und in den Antitotalitarismus der zahlreichen Akademiker, darunter viele jüdische Europäer, deren Grundlagenforschung militärisch finanziert wurde. Antitotalitär war der Emigrant von Neumann durch und durch. 1938 gelang es ihm nur unter Aufbietung sämtlicher ihm zur Verfügung stehenden Kontakte, seine zweite Frau aus Ungarn zu sich in die USA zu holen.

Das Versagen und den Untergang der europäischen Demokratien vergaß er niemals. Eine vierte Komponente des Buches bildet die persönliche Dimension, von der auch ein Foto zeugt, denn der Professorensohn George Dyson wuchs am Institute of Advanced Study auf. Seither ist nicht die Stadt unübersichtlich geworden, sondern die gesamte Welt – für die eine Suchmaschine kaum ausreicht. (Alexander Kluy, Album, 27.6.2015)

Anton Tantner, "Die ersten Suchmaschinen. Adressbüros, Fragämter, Intelligenz-Comptoirs." € 20,50 / 176 Seiten. Wagenbach, Berlin 2015

George Dyson, "Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters." Deutsch von Karl Heinz Siber. € 26,80 / 592 Seiten mit 48 Abb. Propyläen, Berlin 2014

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Schwerpunkt "Die überwachten Bürger"

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