James Bridle: Der digitale Grenzgänger

Porträt27. Juni 2015, 12:00
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"Nice to meet you": Computerfreak, Essayist, Künstler – der Londoner James Bridle macht die alltägliche Überwachung konkret und holt die Folgen des digitalisierten Lebens aus der Unsichtbarkeit. Eine Begegnung

James Bridles Leben verändert sich gerade auf drastische Weise. Seine Vermieterin hat dem 34-jährigen Engländer nach zehn Jahren gekündigt, das geräumige Haus mitten im hippen Nordlondoner Stadtteil Stoke Newington soll verkauft werden. Bridle hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt, etwas Neues auszuprobieren: Er will bis auf weiteres ein Nomadenleben führen, ein bisschen in Maastricht sein, wo seine Freundin derzeit lebt, danach Richtung Berlin für einen Künstleraufenthalt. Der Anschluss wird sich finden. Sein wichtigstes Arbeitsmittel ist ohnehin der Laptop, viel mehr braucht er nicht.

Vielleicht kein Zufall, dass sein jüngstes Projekt Citizen Ex den "algorithmischen Bürger" behandelt. Mittels eines Browser-Addons lässt sich die Mischidentität eines Internetnutzers feststellen, oft hat sie mit dem guten alten Pass wenig zu tun. Dass man das Identitätspapier auf dem europäischen Kontinent kaum noch braucht, begeistert den Briten: "Schengen ist eine unglaublich gute Idee!"

Bridle ist als Künstler bekannt geworden, der sich mit der Überwachung und der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens auseinandersetzt. Eines Tages ging er von seiner Wohnung aus zur nächsten Bahnstation in Dalston, registrierte und fotografierte jede sichtbare Kamera, die seinen Weg begleitete. Mit dem gleichen Konzept umrundete er die Citymautzone, deren Zufahrten von rund 700 Kameras beäugt werden. Zuletzt ging "Dronestagram" um die Welt, ein Wortspiel mit dem Netzwerk Instagram, auf dem er viele seiner Fotos veröffentlicht. Weil er selbst sich eine konkrete Vorstellung von der Größe dieser unbemannten Flugkörper machen wollte, malte Bridle den Schatten einer Überwachungsdrohne auf Gehsteige in London, Istanbul und Washington. Die Aktion fand weltweit Nachahmer.

Abstrakt wissen die Briten natürlich, dass sie so lückenloser Beobachtung unterliegen, wie dies in kaum einem anderen Land weltweit der Fall ist. Verkehrsbehörden, Polizei, Banken, Einzelhändler, allesamt richten automatische Kameras auf die Bürger. Schätzungen sprechen von zwei bis vier Millionen, genaue Zahlen gibt es nicht. Jeder Besucher britischer Innenstädte wird dutzendfach registriert, London dürfte mit durchschnittlich 300 Kameraeinstellungen pro Passant den Rekord halten.

Verborgenes sichtbar machen

Anders als beispielsweise in Deutschland haben die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden keine weitreichende Diskussion über die umfassenden Abhörmethoden der Lauschzentrale GCHQ, von MI5 und MI6 hervorgerufen. Die abstrakte Kenntnis schert die Briten wenig, der Datenschutz hat auf der Insel einen schweren Stand. Bridles Versuch, das Thema konkret zu machen, sorgte immerhin für Aufsehen, jedenfalls bei jenen, die das Projekt im Internet verfolgten oder ihn darüber sprechen hörten. Bridle spricht mit seltener Klarheit über seine Anliegen, und wie er spricht, so schreibt er auch – luzide, konkret, engagiert.

Immer geht es darum, gerade jene Technik sichtbar zu machen, die im Verborgenen bleibt. Das gilt beispielsweise für die millionenfache Erfassung und Speicherung von Nummernschildern durch die Verkehrspolizei Großbritanniens – täglich werden bis zu 15 Millionen Fahrten registriert. Die Technik taucht in der Öffentlichkeit meist nur auf, wenn mit ihrer Hilfe, wie 2007 geschehen, Terroristen dingfest gemacht wurden. Routinemäßig aber werden harmlose Demonstranten im Polizeicomputer erfasst, viel später grundlos aufgehalten und durchsucht. Davon steht fast nie etwas in den Zeitungen, wie Bridle in einem leidenschaftlichen Essay beschreibt.

Den hat er natürlich an einem Computer verfasst. Der Rechner bestimmt sein Leben, in vielerlei Hinsicht. Bridle gehört zur ersten Generation, für die das Internet selbstverständlich dazugehört, wie die erste Kontaktaufnahme beweist. Er beantwortet sie mit einem freundlichen "Nice to meet you" und stürzt mich damit in Verlegenheit: Wieso, waren wir uns schon einmal begegnet? Die vorsichtige Rückfrage bringt ein Missverständnis zutage: "Ach, Sie wollen ein persönliches Treffen?" Bridle ist das, wie er später erläutert, nicht gewohnt, die meisten Neugierigen treten nur per Internet oder Telefon mit ihm in Kontakt. Er selbst macht keinen Unterschied zwischen einem "Treffen" mittels E-Mail oder in Person.

Als 13-Jähriger ging er erstmals online, die Eltern hatten ihm ein Modem gekauft, "aber sonst verstanden sie nichts davon". Seine stärksten Fächer in der Schule – Englisch und Mathematik – bestimmen sein Leben bis heute. Bridle entschied sich für ein vierjähriges Studium der Computerwissenschaft mit Schwerpunkt Linguistik am renommierten University College London (UCL). "Danach hatte ich von Computern die Nase voll und arbeitete bei einem Literaturverlag", erinnert er sich beim Lunch (Kichererbsen-Burger, ein Glas Leitungswasser) in der Nähe seiner Wohnung.

Aber seine Technikaffinität ließ ihn nicht los. Die Verlagsleute machten sich seine Kenntnisse zu eigen, später wagte Bridle den Schritt in die Selbstständigkeit, an der Bruchstelle zwischen Computer, Literatur, Journalismus und Philosophie. Von Kunst keine Rede – bis er einen Vortrag zu halten hatte. Anhand des Wikipedia-Artikels über den Irakkrieg wollte Bridle die ungeheuren Möglichkeiten des Internets demonstrieren. Das tat er mit Worten und einer Konkretion: Er druckte den Artikel mit allen Korrekturen, Ergänzungen und Änderungen aus und ließ davon gebundene Bücher herstellen, zwölf an der Zahl, so viele wie ein mittleres Lexikon. Nach dem Vortrag wurde Bridle angesprochen: Ob er nicht seine Wikipedia-Bücher ausstellen wolle? Plötzlich war Bridle außer Programmierer, Vortragsredner und Schreibaktivist auch Ausstellungskünstler, sozusagen durch die Hintertür.

Sein Ehrgeiz zielte nie darauf ab, in Galerien vertreten zu sein. Seine Kunst, sein Engagement, sein Aufklärertum sind im besten Sinn öffentlich und laden zur Diskussion ein. Es falle ihm schwer, ausgestellte Objekte einfach wirken zu lassen, erzählt Bridle mit entwaffnender Offenheit: "Ich will mich immer noch danebenstellen und sie laut anpreisen." (Sebastian Borger aus London, 27.6.2015)

  • James Bridle beschäftigt sich in seinen Arbeiten literarisch und künstlerisch-technologisch mit den Auswirkungen moderner Technologien auf die Gesellschaft.
    foto: steve forest, workers' photos

    James Bridle beschäftigt sich in seinen Arbeiten literarisch und künstlerisch-technologisch mit den Auswirkungen moderner Technologien auf die Gesellschaft.

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