Keusche Amis spähen gamsige Franzosen aus

Kolumne26. Juni 2015, 17:00
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Über heitere Seiten der Schnüffelei

Quelle surprise! Durch eine gezielte Indiskretion von "Wikileaks" ist diese Woche aufgeflogen, dass selbst französische Präsidenten vor dem Abhören nicht gefeit sind. Wer geglaubt hatte, die NSA spähe in erster Linie die Pariser Bistrots aus, um ihnen die besten Quiche-Lorraine-Rezepte abzuschauen, sieht sich bitter getäuscht.

Die globalen Abhorchorgien und Massenspitzeleien sind gewiss ein wenig grotesk. Manchmal aber haben sie auch, wie in diesem Fall, ihre heiteren Aspekte. Man stelle sich die armen NSA-Hackler vor, die bis ins letzte Detail anhören und auswerten müssen, was Chirac, Sarkozy oder Hollande so daherparlieren, wenn der Tag lang ist.

Denn: Auch französische Präsidenten ergehen sich nicht die ganze Zeit über in anregenden Diskussionen über Pascal, Montesquieu und den neuen Houellebecq-Roman, sondern reden vermutlich über weite Strecken denselben belanglosen Schrott daher wie unsereiner.

Noch amüsanter wird es, wenn man an den transatlantischen Culture-Clash in Sachen Sex denkt. Der amerikanische Wähler hat seine Politiker gerne prüde und ohne Unterleib. Dass US-Politiker überhaupt Sex betreiben, weiß man nur deshalb, weil hin und wieder einer von ihnen vom Hafer gestochen wird und ein Selfie von seiner Prachtnudel auf Twitter stellt (der demokratische Kongressabgeordnete Anthony Weiner im Jahr 2011). Weiner hatte zwar den Takt, seine Unterhose anzubehalten. Den Job haben ihn seine Tweets dennoch gekostet.

Da haben die Franzosen eine viel liberalere Haltung; sie finden es menschlich sympathisch, wenn einer ihrer Politchefs seinen Hormonräuschen freien Lauf lässt. Man hat schon von französischen Staatspräsidenten mit landesweit offenkundigen außerehelichen Affären gehört, die vom Wähler aber nicht nur nicht abgestraft wurden, sondern geradezu bewundert!

So gesehen, ist es recht amüsant, sich vorzustellen, wie irgendein biederer NSA-Hampel, womöglich ein Newborn Christian aus Memphis, Tennessie, anhören muss, wie Monsieur le Président mit seiner neuesten Soubrette ausmacht, wann er sich in einem Pariser Nobelhotel die nächste Pfeife anmessen lässt. Nicht auszuschließen, dass der junge Geheimdienstmann vor lauter Aufregung am Abend nur noch schwer unter seinem Schreibtisch herauskommt. (Christoph Winder, Album, 26.6.2015)

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