Arabischer Luftkurort auf der bosnischen Alm

Blog26. Juni 2015, 12:15
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Der Investor Buroj will für zwei Milliarden Euro eine Touristenstadt in der Nähe von Sarajevo bauen. Doch einige Almbesitzer wehren sich. Ihnen droht die Enteignung

Buroj Ozon soll die "größte Touristenstadt in Südosteuropa" werden und in der "Metropole Trnovo" erbaut werden, heißt es auf der Homepage der Investoren. Nun mag man vielleicht außerhalb von Bosnien-Herzegowina noch nicht so oft von der "Metropole Trnovo" gehört haben – vielleicht auch deshalb, weil es sich eigentlich um eine Ansammlung von kleinen bosnischen Bergdörfern handelt, etwa 30 Kilometer außerhalb von Sarajevo, mit rostigen heruntergezogenen Blechdächern über Steinhäusern, ein paar Hühnern und einer Busstation pro Weiler. Geht alles nach Plan, sollen hier aber schon bald überhitzte Araber frische Luft schnappen.

In der Videobewerbung sieht das Projekt auf 55 Quadratkilometern so ähnlich aus wie die Pensionistenstadt Sun City in Arizona. Dutzende Reihen von Wohnblöcken und Villen umkreisen Springbrunnen, die sich in der Mitte der Anlage befinden. Die riesigen Sprenkelanlagen ergeben von oben betrachtet den Namen Buroj, das ist auch der Name der Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die hier auf der bosnischen Alm einen riesigen Touristenkomplex errichten wollen.

buroj investment
So soll Buroj Ozon aussehen.

Buroj Ozon soll seine Bewohner in Zukunft von all den "schädlichen Schadstoffen unserer industriellen Ökologie" bewahren, erfährt man auf der Homepage des Investors. Das mag auf die Schnelle nicht sehr logisch klingen. Absolut einleuchtend ist jedoch, weshalb der Bürgermeister der Gemeinde Trnovo die arabische Initiative begrüßt. 2,3 Milliarden Euro sollen hier investiert werden – das ist bei weitem die größte Investition, die seit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina getätigt wurde.

Geplant ist zunächst ein Sport- und Freizeitzentrum. Der Premier der Föderation Fadil Novalić und der Premier des Kantons Sarajevo, zu dem die Gemeinde Trnovo gehört, Elmedin Konaković, haben bereits ein Abkommen für die Ozonstadt unterzeichnet. Demnach will die Gemeinde das Land den Besitzern abkaufen und dann an die Araber für 99 Jahre verpachten. Erst dann haben sie das Recht, Eigentümer zu werden, obwohl auch das umstritten ist. Bis Ende August sollen bereits einige Parzellen gekauft werden. Die Gemeinde hat dafür eine Million Euro zur Verfügung.

Ab Februar hat die Gemeinde die Almbesitzer angeschrieben, bis Ende Mai konnte man sich entscheiden, ob man freiwillig verkaufen will oder ob man sich weigert und dann enteignet wird. Der Preis pro Quadratmeter liegt je nach Lage zwischen drei und fünf Euro. Die meisten jener Leute, die Parzellen auf der Hochebene Prečko polje besitzen, haben aber nicht unterschrieben. Sie blockieren das Projekt. Etwa 90 Prozent der Besitzer seien Serben, erzählt Vinko Radovanović, der Bezirksvorsteher von Vojkovići, einem Dorf in der Nähe der Hochebene, wo viele der Almbesitzer leben.

Animationsfilm über die geplante Touristenstadt Buroj Ozon.

"Was kostet eine Kiste Bier? Acht Euro! Soll ich etwa einen Quadratmeter von meinem Land für eine halbe Kiste Bier hergeben?", fragt er. "Schauen Sie, die wollen hier zwei Milliarden Euro investieren. Also haben die Geld. Und da oben ist es schön und diese Schönheit kostet auch was", resümiert Radovanović. Die Radovanovićs wären bereit, bei 15 Euro pro Quadratmeter darüber nachzudenken, ob sie die Alm in Trnovo verkaufen wollen – und lassen es nun darauf ankommen. "Ich bin der Besitzer und ich verkaufe dann, wenn es mich interessiert. Und dieser Preis interessiert mich nicht", sagt Radovanović.

Er hat die Sorge, dass er, wenn er zum Gericht in Sarajevo geht, um gegen die Enteignung rechtlich vorzugehen, trotzdem nicht mehr bekommt, weil er Serbe ist und in der mehrheitlich muslimischen Stadt Sarajevo diskriminiert werden könnte.

Die Gemeinde hat bereits mit dem Widerstand der Almbesitzer gerechnet. Man argumentiert, dass die Enteignung rechtens sei, weil es ein höher liegendes Interesse für das Gemeinwohl gebe, viele Arbeitsplätze geschaffen und viele Touristen, die hier essen und skifahren würden, kommen werden. Einige Parzellenbesitzer – darunter Muslime – haben unterschrieben. Auch weil bis vor kurzem ein Quadratmeter in Prečko polje nicht einmal 50 Cent wert war.

Auf der Alm weiden seelenruhig die Schafe zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern. In einem Berggasthaus bekommt man Klepe, frische bosnische Nudeln, die mit Fleisch gefüllt sind. Dazu gibt es Bergkräutertee. An der Wand hängt ein Teppich, der arabisch anmutende Männer zeigt, wie sie eine Frau auf einem weißen Pferd entführen. Dahinter sind jede Menge Moscheen zu sehen. "Die Araber kommen jetzt wirklich", deutet eine Besucherin die Szene aus "Tausend und einer Nacht" neu.

foto: wölfl
So sieht es derzeit in Trnovo aus.

Bereits heute kann man sich eine Villa in der Ozon-Stadt buchen: Drei Schlafzimmer, vier Badezimmer, ein Garten, zwei Parkplätze. Sie kostet 231.000 Euro, für einen Ölprinz aus Dubai ist das quasi geschenkt. Zwei Studios um jeweils 36.800 Euro wurden laut der Webseite bereits "gebucht". Beeindruckend ist auch das Einkaufszentrum, das gebaut werden soll. Auf dem Bildchen der arabischen Investoren ist eine Betonkiste zu sehen mit einem Rolex-Shop, einem DKNY-Geschäft und sogar Kentucky Fried Chicken soll es in der Zayed Mall geben.

All das hat man in Bosnien-Herzegowina – wo schon die Einführung von McDonald's und Zara einer Revolution gleichkamen – noch nie gesehen. Insgesamt 1.000 Autos sollen in der Parkgarage unter den Kinos, den 400 Läden und Sportzentren Platz haben. Auf dem Animationsfilm, der die Hotels, Villen und Springbrunnen zeigt, sind auch Möwen zu sehen und jede Menge Palmen.

Mit den Palmen und Möwen dürfte es schwierig werden in Trnovo. Hier sind eher Fichten und Eichelhäher zu Hause. Selbst im Sommer kann es sehr frisch sein. Wenn man durch die menschenleeren Hügel am Fuße des Berges Bjelašnica fährt, möchte man auch nicht glauben, dass hier jemals etwas anderes verkauft werden könnte als Bergkräutertee und selbst gestrickte bunte bosnische Socken.

Doch der Generaldirektor des Investors Buroj, Ismail Ahmed aus Dubai, meint in seinem Statement auf der Homepage, dass er glaubt, "dass nichts in der Welt durch Gottes allmächtigen Wunsch unmöglich ist". Abgesehen davon meint der Mann mit dem rot-weiß-karierten Tuch auf dem Kopf, dass sein Unternehmen "außergewöhnliche futuristische Projekte" möglich mache. "Wir glauben, dass wir überallhin gelangen können".

"Dann wird das ganz muslimisch hier"

In Bosnien-Herzegowina ist man sich da noch nicht ganz so sicher. Radovanović spricht von einem "Bluff". Und Milan Došlo, der ebenfalls in der Nähe des Flughafens von Sarajevo lebt und dessen Familie auch Land in Trnovo besitzt, macht sich Sorgen, dass hinter der ganzen Sache ein politisches Projekt stehen könne. Schließlich gibt es in der Gemeinde Trnovo nur mehr vier serbische Dörfer, nach dem Krieg zogen hier viele Serben weg. Denn heute liegt die Gemeinde in dem mehrheitlich von Bosniaken und Kroaten bewohnten Landesteil der Föderation. Wenn nun die Serben enteignet würden, dann "wird das ganz muslimisch hier", meint Došlo. Abgesehen davon könne er nicht verstehen, wie man die Enteignung rechtlich argumentieren soll. "Es geht hier ja nicht um eine Autobahn oder um eine Eisenbahn, die gebaut werden müssen", schüttelt er den Kopf.

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Sicht von oben auf das Milliardenprojekt.

In Bosnien wird gerätselt, wer hinter dem geheimnisumwitterten Projekt stecken könnte. Manche Leute denken, dass der Chef der größten bosniakischen Partei SDA, Bakir Izetbegović, seine Finger im Spiel habe und dass es sogar um Geldwäsche gehen könnte. Beweise für diese Gerüchte gibt es natürlich keine. Izetbegović hat bereits den saudischen Investor al Shiddi für den Bau eines Einkaufszentrums nach Sarajevo gebracht. Und "der kleine Prinz", wie er in Sarajevo genannt wird, ist auch auf einem Foto mit dem neuen Investor Ismail Ahmed zu sehen.

Auch unter Muslimen und insbesondere unter den Atheisten und Agnostikern in Sarajevo werden die arabischen Investitionen mit kritisch gesehen. Man fürchtet, dass die Besucher vom Golf auch ihren Lebensstil und vor allem ihre Vorstellungen vom Islam mitbringen würden. Bereits heute gehen manche Sarajlis nicht mehr nach Ilidža, einem Vorort von Sarajevo, weil dort viele komplett verschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten herumlaufen. Sie fürchten den Einfluss dieser Leute. In Bosnien-Herzegowina wachsen die wahhabitischen Gruppen salafistischer Ausprägung, die für sich beanspruchen, den "wahren" Islam zu verbreiten und behaupten, viele Bosniaken mit ihren liberalen Umgangsformen seien so etwas wie Ketzer.

Weitere Projekte geplant

Die Ozon-Stadt auf der Alm ist auch lange nicht das einzige Investment der Araber. Ein weiteres Projekt ist etwa Poljine Hills, eine Luxussiedlung auf einem der Hügel über der Stadt, finanziert ebenfalls von der Al-Shiddi-Gruppe, die Izetbegović nahe stehen soll.

Laut der Homepage Dnevnik.ba haben arabische Investoren in den vergangenen zwei Jahren bereits hunderte Hektar Land rund um Sarajevo gekauft. In der Stadt erzählen sich viele Leute, dass sie von Arabern angesprochen worden sind, ob sie nicht ihr Haus in der Vorstadt verkaufen wollen. Sehr beliebt ist auch Hadžići, ein weiterer Vorort von Sarajevo, wo vor dem Krieg viele Serben lebten und heute fast nur mehr Muslime. Hier soll ein Touristendorf von Kuwaitis gebaut werden. Laut der Onlineplattform klix.ba haben die Investoren bereits 160.000 Quadratmeter Land gekauft. Mehr als 1.200 Araber sollen im Sommer hier die frische Luft genießen. Für sie wird sogar ein künstlicher See angelegt. (Adelheid Wölfl aus Trnovo, 26.6.2015)

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