Wie Big Data Personalvermittler bedroht

1. Juli 2015, 11:24
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Der Verband der heimischen Zeitarbeitsfirmen über Chancen und Gefahren des E-Recruitings

Was ist durch Digitalisierung, die demografische Kurve und den Wandel der Machtverhältnisse im Unternehmen hin zu mehr Mitbestimmung und mehr Macht der Belegschaft nicht im Wanken und im Wandel in der Branche der Arbeits- und Personalvermittler?

In Österreich umfasst sie immerhin 75.000 temporär Beschäftigte. Da kann David Vitrano, bei der Xing AG in Hamburg für E-Recruiting-Lösungen verantwortlich, nur sagen: "Nichts. Alle Bereiche werden betroffen sein. Nicht alle revolutionär, aber evolutionär." Was also wird bald ganz weggefallen sein?

Von Stärken der klassischen Vermittlung

Personalberatung ohne Mehrwert etwa, fällt dazu dem Chef des Personalvermittlers Manpower, Erich Pichorner, ein. Denn Unternehmen seien heute durchaus imstande, sich selbst 20 halbwegs passende Profile von Plattformen wie Xing herunterzusuchen. "Da sollten wir zumindest – damit konfrontiert – schneller sein und 20 passendere Profile haben." Aber, so Pichorner auf die Frage der Zukunft der Personalberatung: "Eine der größten Lügen ist ja, dass aufgrund des Fachlichen eingestellt wird. Wenn die einen superpassenden Kandidaten im Unternehmen nicht riechen können, dann hat der keine Chance." Diese Unternehmenskulturen zu kennen und das Passende diesbezüglich zu wissen, das sei die Stärke erfolgreicher Personalvermittlung und -beratung.

Oder doch keine Zukunft?

Vitrano gibt den vielen, vielen klassischen Online-Stellenbörsen, die ein Stelleninserat an das andere reihen, keine großen Zukunftschancen. Gemäß der Haltung "fear of missing out", gingen die Leute (Firmen wie Kandidaten) dorthin, wo es die bestmöglich vernetzten Cluster gibt, "am besten in Kombination mit Bewertungen", Rankings, Einordnungen. Daran sollte Xing auch glauben, sie haben ja kürzlich die Bewertungsplattform kununu gekauft – offenbar mit dem Plan, sich ganzheitlich in der Wertschöpfungskette der Personalsuche, der Stellensuche, aufzustellen.

Klar ist für Wolfgang Kowatsch, den Geschäftsführer des Portals Careesma, dass die Frage "Mobil oder nicht?" bereits längst beantwortet ist. Da schließt Pichorner mit dröhnendem Appell an seine Branche der Zeitarbeitsfirmen an: Er habe lediglich vier Responsive Homepages ausfindig machen können, da habe die Branche erheblichen Aufholbedarf, um in den digitalen Zeiten basal anzukommen. Sonst wird ihr Geschäft eben der Algorithmus machen.

Ein weiter Weg

Man könne sich über all die Start-ups, App-Erzeuger und massenhaften Plattformen und Bewertungsmöglichkeiten ärgern, aber es gebe sie nun einmal, und damit sei umzugehen, sagt Pichorner. Plattformen könnten anhand von Kriterien Profile scannen, crawlen, "was wir können, ist, die sozialen Faktoren beurteilen und das Passen von Menschen zueinander".

Dass dabei zentral die Reputation der Marke mitspielt, macht er dramatisch klar – in einer Branche, die gern mit dem Verleihen von Menschen in Zusammenhang gebracht wird und in puncto Image nicht eben im Glorienschein dasteht. Pichorner: "Da liegt noch ein weiter Weg vor uns."

Glaubwürdigkeit spielt auch eine Rolle

Zurück zur schönen neuen Welt des unlimitierten E-Recruitings: Gehen in diesem schematisierten Flaschenhals nicht Vielfalt und Talente abseits der Profile verloren, fallen durch, werden gar nicht erfasst? "Doch", sagt Kowatsch. Je objektivierter die Skills gesucht werden, desto besser funktioniere es – was den Schluss zulässt, dass dort, wo es um nonformales Wissen, um Erfahrung, um die Kombination vieler einzelner Kompetenzen zu einem Erfahrungswissen inklusive der praktischen Erfahrung geht, das Elektronische nicht zu den benötigten Mitarbeitern führt. Vitrano: "Es wird nicht für alle Positionen elektronisch funktionieren. Auch der Stellenmarkt in den Printmedien wird dableiben, nur eben kleiner." Und ja, schließlich gehe es auch um Glaubwürdigkeit. (Karin Bauer, 27.6.2015)

  • Stirbt durch E-Recruiting die klassische Personalvermittlung aus? Der Verband der österreichischen Zeitarbeitsfirmen diskutierte über die Zukunft. Ganz abgeschrieben hat man sich selbst – trotz neuer Trends und Entwicklungen – noch nicht.
    foto: istock

    Stirbt durch E-Recruiting die klassische Personalvermittlung aus? Der Verband der österreichischen Zeitarbeitsfirmen diskutierte über die Zukunft. Ganz abgeschrieben hat man sich selbst – trotz neuer Trends und Entwicklungen – noch nicht.

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