Von Fitness zur Beziehung – alles überwacht

28. Juni 2015, 09:00
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Bart de Witte, Gründer der Wiener Quantified-Self-Gruppe, versucht mithilfe der Selbstüberwachung gesünder und produktiver zu werden

Ich schaue in einen Spiegel, der die Realität darstellt", sagt Bart de Witte. Sein Spiegel besteht aus Zahlen und Zeitreihen, aus Kurven und Diagrammen. Sie bilden seine gesundheitliche Verfassung ab, seinen Stoffwechsel, die Mikroben in seinem Darm. Sie beinhalten, wie fit er ist, was er isst, wie gut er schläft. Sie zeigen seine Produktivität und den Verlauf seiner Stimmungen. Neuerdings sammelt er sogar Daten über seine Beziehung. Dieser Spiegel, so de Witte, verhindere, dass er sich selbst belügt. "Wer sich nur auf sein Gefühl verlässt, läuft Gefahr, sein Spiegelbild aufzupolieren und sich schöner zu machen, als er ist."

Bart de Witte, beim IT-Konzern IBM als Manager für den Gesundheitsmarket in Zentral- und Osteuropa zuständig, hat den Wiener Ableger der Quantified-Self-Bewegung gegründet. In diesem weltumspannenden Netzwerk finden Menschen Austausch, die mithilfe von Apps, Self-Trackern und Sensortechnik Daten über sich selbst aufzeichnen, analysieren und auswerten. Das Ziel: Selbstoptimierung durch Zahlen.

Gesundheitsrisiko als Auslöser

Der in Belgien geborene IT-Manager hat bereits 2008 mit der Selbstüberwachung begonnen. Auslöser war ein Gentest, der neben der Neigung zur Hauterkrankung Psoriasis ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes ergab. "Ich kannte diese Vorbelastung aus dem Familienkreis. Aber wenn man die Wahrscheinlichkeit in Zahlen vor sich hat, fühlt sich das anders an. Es wird persönlich", blickt de Witte zurück. "Mir war klar, dass ich keine Gewissheit hatte, dass die Krankheit tatsächlich ausbricht. Mit einem Körpergewicht von fast 100 Kilo hatte ich aber ein noch höheres Risiko. Ein Risiko, das zum Teil in meinen eigenen Händen lag." Zuerst nutzte er eine Fitness-App, die beim Laufen Kalorien zählt. Er schaffte eine Waage an, die die Messdaten sofort ans Heimnetzwerk schickt. "Ich habe als soziales Experiment sogar mein Gewicht automatisch in die Welt twittern lassen."

18 Kilo habe er verloren. Er weitete die Selbstvermessung aus, sammelt seither Daten per Schlaftracker und Diättagebuch. "Ich bin oft in Hotels, guter Schlaf ist mir wichtig." Er begann die Daten mit einem Statistik-Tool in Zusammenhang zu bringen. "Ich dachte, wenn ich abends etwas leichtes wie Fisch esse, ist das gut. Aber die Analyse ergab das Gegenteil. Offenbar wirkt sich das Vitamin D im Fisch negativ auf meinen Schlaf aus. Seit ich melatoninreiche Früchte esse, schlafe ich besser."

Immer mehr quantifizieren

Heute erhebt de Witte sogar Stoffwechseldaten, indem er sich täglich Bluttropfen abnimmt und zur Auswertung schickt. Er überwacht Produktivität und Prokrastination bei der Nutzung seines Handys. Und er plant, den Service eines Start-ups zu nutzen, das regelmäßig Stuhlproben untersucht.

Bisher verborgene gesundheitliche Zusammenhänge zu entdecken ist ein Ziel der akribischen Selbstüberwachung. Erkenntnisse und Erfahrungen werden bei den Quantified-Self-Treffen geteilt, daneben werden neue Technologien präsentiert. Weltweit treffen sich etwa 45.000 Mitglieder in 160 Gruppen. De Witte konnte in Wien bereits etwa 200 Leute zumeist aus dem IT-Bereich, der Medizin und der Psychologie um sich scharen. "In den USA sind aus den Gruppen bereits Start-ups entstanden, die Ideen für neue Tools umsetzen", sagt er.

Und die Datensicherheit?

Die Technik ließe zu, dass man wissenschaftliche Methoden auf sich selbst anwenden kann und damit präziser als die klassische Medizin ist. Körper sind nicht genormt. Mit der Selbstvermessung könne jeder seiner eigenen biologischen Variation Rechnung tragen. Allerdings werde ein Monitoring, wie es de Witte betreibt, nie zum Massenphänomen werden. Das sei ihm klar. Er plädiert vielmehr für eine Integration der Selbstüberwachungsstrategien ins medizinische System. "Die hilfreichen Apps, etwa zur Blutzuckerkontrolle bei Diabetikern, sollten von Ärzten verschrieben werden." Der Arzt könne dann jederzeit auf die Daten zugreifen und als Coach dienen.

Und die Datensicherheit? Die Gefahr, dass das digitale Spiegelbild von windigen Firmen verhökert wird? "Ich hatte selbst eine App eines Unternehmens, das pleitegegangen ist. Ich habe damit jahrelang in der Früh Fragen zur Schlafqualität beantwortet", so der Manager. "Ich habe in den 'Terms and Conditions' nachgelesen, dass die persönlichen Daten bei einem Verkauf mitübernommen werden." Viele Kaufsummen von US-Start-ups seien deshalb so hoch, weil nicht die App, sondern der mitgekaufte Datenbestand so wertvoll ist.

Cardio-T-Shirt und Smart Toilet

"Ich schaue jetzt jedes Mal, wo sich die Firma befindet und präferiere europäische Start-ups – auch wegen des Patriot Act in den USA, der zur Datenweitergabe an Sicherheitsbehörden verpflichtet", so de Witte. Als IBM-Manager und App-Nutzer hofft er, dass die Gesundheitssysteme in Europa eigene Clouds mit eigenen Datenschutzregeln etablieren, wo Apps ihre Daten abladen und etwa auch Österreichs elektronische Gesundheitsakte Elga integriert wird.

De Witte ist überzeugt, dass Endverbraucher künftig mehr diagnostische Möglichkeiten haben: Tools, die den Atem testen, um Magengeschwüre zu orten; T-Shirts, die das Herz überwachen; Unterwäsche, die Schweiß analysiert; eine Smart Toilet, die alles untersucht, was man dort zurücklässt. Vielleicht werde es sogar Scanner geben, die die Inhaltsstoffe des Essens auflisten. Die Menschen werden Früherkennung betreiben und nicht nur zum Arzt gehen, wenn sie krank sind. "Die reaktive und episodische Medizin wird von einer präventiven und kontinuierlichen abgelöst."

Selbst die Qualität der Zweisamkeit könne zum Datenset werden. De Witte: "Meine Partnerin ist Psychologin. Wir experimentieren damit, unsere Beziehung zu quantifizieren und beantworten täglich 18 Fragen. Haben wir uns in die Augen gesehen? Haben wir etwas voneinander gelernt? Wie steht es um die Intimität? Nach einem Jahr wollen wir das analysieren." (Alois Pumhösel, 27.6.2015)

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