Ich werde dieses Platzerl fürchterlich vermissen

29. Juni 2015, 05:30
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Die Künstlerin Michaela Bruckmüller wohnte bereits in Schaufenstern. Heute lebt sie im neunten Wiener Bezirk im Erdgeschoß

Die Künstlerin Michaela Bruckmüller wohnte bereits in Schaufenstern. Heute lebt sie im neunten Wiener Bezirk im Erdgeschoß. Sie spielt gerne mit dem Phänomen der Beobachtung. Wojciech Czaja schaute zu.

"Im Alltag spielt es eigentlich keine Rolle. Wenn man darüber redet, wird es einem wieder bewusst: Ich wohne im Erdgeschoß, mitten im Neunten und ohne Vorhänge. Man schaut rein, man schaut raus, ich finde das Kräfteverhältnis ausgeglichen, wobei ich mich erinnern kann: Als ich das erste Mal in Holland war, habe ich mit offenem Mund in die Wohnungen hineingegafft. Ich habe es nicht fassen können, dass die Menschen dort so ein entspanntes Verhältnis zur Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Privatheit haben. Bei uns würde das je nach Standpunkt an Exhibitionismus oder Überwachung grenzen.

foto: pilo pichler
Die Künstlerin Michaela Bruckmüller wohnt in einer Erdgeschoßwohnung im neunten Bezirk. Vorhänge besitzt sie nicht, dafür hört sie gerne bei Gesprächen unter ihrem Fenster zu.

Ich finde diese Haut zwischen innen und außen, zwischen offen und geschlossen, zwischen privat und öffentlich sehr spannend. In meiner Arbeit ist das immer wieder ein Thema. Besonders fasziniert mich, wenn der Straßenraum als Wohnzimmer verstanden wird. Manche breiten sich aus, nehmen den Raum in Besitz, bleiben unter meinem Fenster stehen und führen die intimsten Gespräche – als ob das Haus keine Fenster hätte. Dramen haben sich da schon abgespielt.

Ich höre gerne mit, ich kann gar nicht anders, ich mag das. Das ist wie Radio. Im Dezember hatte ich einen schweren Radunfall und musste drei Monate auf der Couch liegen. Da habe ich den neunten Bezirk und seine Protagonisten von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Nach einigen Wochen hat sich ein richtiges Soziogramm ergeben. Da frage ich mich, wer hier wen beobachtet.

Ich spiele gerne mit dem Phänomen der Beobachtung. 2012 wurde ich vom Offenen Haus Oberwart eingeladen, eine Kunstinstallation zu machen. Das Projekt sollte sich mit dem Leerstand und dem Wegsterben des Ortskerns befassen. Wie stellt man am besten dar, dass hier einmal Leben war, dass der Dorfplatz eigentlich ein Ort der Kommunikation sein sollte? Also habe ich meine sieben Sachen gepackt und bin für ein paar Tage und Nächte in die Auslage eines leerstehenden Ladens gezogen – samt Sessel, Tischerl, Kocher, Kasterl, Teppichboden und Matratze.

Immer wieder haben mir Leute was zum Essen vorbeigebracht. Einmal hat ein Mann am Abend an die Glasscheibe geklopft und geschrien: 'Mädel, was tustn du da drinnen? A Wahnsinn! Hast ka Wohnung?' Ich habe die Zeit sehr genossen, aber das Sich-zur-Schau-Stellen war extrem anstrengend. Nach einiger Zeit war ich geistig und körperlich erschöpft, die ganze Zeit unter Strom und unter Beobachtung. Selbst das In-der-Nase-Bohren will wohlüberlegt sein. Gegen Ende des Projektes bin ich dann sogar richtig aggressiv geworden.

Im Idealfall schafft man es, den Stau in einen kreativen Prozess umzuleiten, im schlechtesten Fall tritt der Überdruck ganz anders in Erscheinung, auf eine sozial untragbare Art – mit Gewalt, mit Phobien, mit Amokläufen. Auf welche Zukunft steuern wir mit unserer Überwachungskultur zu?

Ich bin schon wieder auf dem Sprung, raus aus dieser 90 Quadratmeter großen Wohnung mit kaltem Boden, hin zu einer gut beheizbaren Wohnung im Grünen. Oder vielleicht im Brunnenviertel in Ottakring. Ich bin zwiespältig, mein ewiges Dilemma. Ich will immer das, was ich nicht habe. Schizophrene Züge, Tendenz steigend. Aber das passt schon, so gibt es stets unerfüllte Wünsche, die den Willen produzieren, weiterzugehen. So bleibt das Leben in Bewegung. Ich weiß jetzt schon, dass ich mein Erdgeschoßfensterplatzerl mit Buch und Häferl eines Tages fürchterlich vermissen werde." (29.6.2015)

Michaela Bruckmüller, geboren 1971 in Wels, absolvierte die Kunstgewerbeschule und studierte an der Kunstuniversität Linz und an der Graphischen in Wien. Sie lebte einige Jahre in Bologna und Berlin und war als Fotografin für die feministische Zeitschrift Anschläge tätig. Heute arbeitet sie als freie Fotografin und Künstlerin in den Bereichen Öffentlichkeit und Privatheit, Sammelleidenschaft und Reisen. Noch bis 11. Juli sind ihre Arbeiten im Weißen Haus in Wien, bis 31. August in der Schaufenster/galerie in Linz zu sehen.

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Michaela Bruckmüller

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Schwerpunkt "Die überwachten Bürger"

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