Bolt gibt der Sportwelt Rätsel auf

25. Juni 2015, 23:13
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Jamaikaner zieht seine Zusage für die nationalen Trials zurück und befeuert die Spekulationen um seine schwache Form

Kingston – Usain Bolts seltsames Versteckspiel raubt selbst den geduldigsten Jamaikanern den Nerv: Kaum 1000 Fans hatten noch nicht den Glauben an ihren Volkshelden verloren und sich ins riesige Nationalstadion von Kingston verirrt. Doch Bolt kreuzte, so war es kurz zuvor schon durchgesickert, bei den nationalen Trials wirklich nicht zu seinem Vorlauf über 100 m auf. Und die Leichtathletik-Welt fragt sich: Was läuft bloß verkehrt beim schnellsten Menschen der Geschichte?

Bolt wird zum Phantom: Langsam wie nie ist er ohnehin, nun aber auch schlichtweg untergetaucht. Er soll in Kingston mit Coach Glen Mills trainieren, an seiner lausigen Form arbeiten, die er am 11. Juni beim verkrampften 200-m-Sieg in New York (20,29 Sekunden) gezeigt hatte. "Das war das schlechteste Rennen meiner Karriere", hatte Bolt gesagt. Er brauche weitere Starts, um in Form zu kommen, die Trials in der Heimat seien ein Thema.

Funkstille

Dies war sein letztes Lebenszeichen, seitdem herrscht Funkstille. Der ominöse Startverzicht bei den nationalen Meisterschaften heizt Gerüchte an, dass Bolt vor der WM in Peking (22. bis 30. August) das Handtuch wirft und die Saison beendet.

Der achtfache Weltmeister sorgte in Kingston für kollektive Ratlosigkeit. "Bolt war für die 100 m gemeldet", bestätigte Garth Gayle, Generalsekretär des jamaikanischen Verbandes. In der endgültigen Startliste aber fehlte er. "Er hat zurückgezogen, wird bei diesen Meisterschaften nicht starten", sagte Gayle.

Bolts Manager Ricky Simms stiftete nur noch mehr Verwirrung: "Es wurde nie bestätigt, dass er bei den Trials läuft. Er hatte nur gemeldet, um eine Option mehr zu haben." Und überhaupt liege die Entscheidung bei Trainer Glen Mills. Es sickerte durch, dass die Entscheidung gegen einen Start nach der Trainingseinheit am Mittwochabend gefallen sei, zwölf Stunden vor dem Wettkampf – nach einer geplanten Aktion klang dies nicht.

Saisonbestzeit 10,12

Denkbar, dass sich Bolt in Kingston eine empfindliche Pleite ersparen wollte: Ex-Weltrekordler und -Dopingsünder Asafa Powell war mit 9,98 Sekunden Vorlaufschnellster, eine Zeit, derzeit wohl außerhalb Bolts Reichweite. Beim einzigen 100-m-Rennen der Saison lief Bolt 10,12 – 53 Sprinter waren 2015 schneller.

Jamaikas Medien reagierten mit Sarkasmus. Powells Auftritt sei "ein erfreulicher Anblick für alle Jamaikaner gewesen, die jemanden suchen, der bei der WM Justin Gatlin herausfordern kann", schrieb der Jamaica Observer. Anders: Bolt wird nicht zugetraut, den so schnell wie nie laufenden US-Star mit ausführlicher Dopinghistorie herauszufordern.

Und Bolt? Vom einstigen Kommunikations-Wunder kam zu all dem nichts. Kein Interview, kein Tweet, nichts bei Facebook, kein Eintrag auf seiner Homepage. Der schnellste Mensch der Welt bleibt ein Phantom. Bis zum 4. Juli. Dann will er in Paris 100 m laufen, wenn es wahr ist. (sid, 26.6.2015)

  • Usain Bolt hält sich zurück.
    foto: reuters/eduardo munoz

    Usain Bolt hält sich zurück.

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