Konjunktur löst Geldpolitik als Hoffnungsträger ab

26. Juni 2015, 10:55
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Nach einem ertragreichen ersten Halbjahr steht die Börsenampel laut Experten weiterhin auf Grün – zumindest für Aktieninvestoren

Notenbanker brauchen keinen Taktstock, sie kaufen einfach Anleihen. So gelang es auch Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die Aktien- und Rentenmärkte des Kontinents in den ersten Monaten des Jahres 2015 auf deutlich höhere Niveaus zu dirigieren, indem er seit März jeden Monat Anleihen im Wert von durchschnittlich 60 Milliarden aufkauft. Doch seitdem die Märkte Mitte April ihre vorläufigen Hochs erreicht hatten, nahmen die Dissonanzen vernehmbar zu. Aber trotz der Misstöne aus Griechenland und der nahenden US-Zinswende verzeichneten fast alle Märkte im ersten Halbjahr deutliche Zugewinne.

Doch wie die Erfahrungen mit den drei Anleihenkaufprogrammen der US-Notenbank Fed seit der Finanzkrise gezeigt haben, lässt deren Zugkraft für die Märkte im Zeitablauf deutlich nach. Dafür wird künftig nach Ansicht von Wolfgang Matejka, Chief Investment Officer der Wiener Privatbank, nun die Konjunktur in Europa als Zugpferd einspringen: "Wir sind generell optimistisch für die Aktienmärkte in näherer Zukunft und für Europa im Speziellen."

Risikokapital im Anmarsch

"Es wird Zeit, dass wir endlich aus den politischen Börsen herauskommen" , erklärt Matejka mit Blick auf Griechenland, für das er bald eine zumindest zwischenzeitliche Lösung erwartet. In diesem Fall sollte der Fokus der Investoren wieder auf die realwirtschaftliche Entwicklung rücken, die von den gesunkenen Energiepreisen sowie dem tiefen Euro profitieren werde. "Das Risikokapital sollte wieder in Richtung Europa laufen", folgert Matejka.

Seit Jahresbeginn haben Europas Aktienmärkte gemessen am Eurostoxx 50 heuer 15 Prozent zugelegt, der ATX und der Dax sogar etwas mehr. Bis Jahresende sind laut Matejka mit europäischen Aktien noch weitere zehn Prozent möglich. Aufgrund der Erwartung einer Wirtschaftsbelebung am alten Kontinent empfiehlt er, besonders in zyklische, konjunktursensible Branchen zu investieren.

Fusionen und Übernahmen

Anders ist die Situation an der Wall Street gelagert, wo der Dow Jones heuer bisher nur ein knappes Prozentpünktchen zugelegt hat. Derzeit bereitet Fed-Chefin Janet Yellen die Märkte im Gegensatz zur EZB auf das Ende der Nullzinspolitik vor. Gemeinhin wird erwartet, dass sie ab September die Zinsen sachte und in kleinen Schritten ins positive Terrain lenkt. Stephanie Sutton, Investmentexpertin bei dem Fondsanbieter Fidelity, erwartet dadurch aber kein Störfeuerer. Vielmehr seien die zunehmenden Aktivitäten bei Fusionen und Übernahmen ein wichtiger Treiber.

Diese sind seit 2014 stark angestiegen, nachdem die Unternehmen zuvor ihr Bargeld horteten oder eigene Aktien zurückkauften. "Das spiegelte ein geringes Vertrauen in die Wirtschaftsaussichten wider. Nun ist die Situation eine andere. Es fanden viele Deals statt, und wir können davon ausgehen, dass in diesem Jahr weitere folgen werden", erkennt Sutton ein steigendes Investorenvertrauen in die US-Wirtschaft.

Nur geringe Erträge lukrierten Anleger im Rohstoffsektor, obwohl der Rohölpreis seit seinem Tief Mitte Jänner zu einer ansehnlichen Erholung angesetzt hat. Viel Luft nach oben sieht Rohstoffstratege Ole Hansen von der Saxo-Bank jedoch nicht mehr: "Die Nachfrage steigt, aber ebenfalls das Angebot wegen Opec-Ländern wie Saudi-Arabien, die auf Rekordniveaus fördern." Seiner Ansicht nach wird deshalb der Preis für ein Fass des Nordseeöls Brent heuer nicht wesentlich über das derzeitige Niveau steigen.

Unattraktive Staatsanleihen

Sorgen könnten beiderseits des Atlantiks die Märkte für Staatsanleihen bereiten, denen Experten nur bescheidenes Potenzial beimessen. Erhöht die Fed die Zinsen schneller und stärker als derzeit erwartet, könnten US-Schuldtitel sogar stärker unter Druck geraten.

In Europa ist dies vorerst nicht zu befürchten, tritt doch die EZB voraussichtlich bis September 2016 als Großeinkäufer europäischer Staatsanleihen auf. "Damit holt Draghi das kritische Momentum aus den Anleihenmärkten heraus", meint Wiener-Privatbank-Experte Matejka. Die Rententitel befänden sich ohnedies zu 80 Prozent in Händen von Investoren, die sie nicht veräußern wollten, den Rest kaufe die EZB einfach aus dem Markt. "Das funktioniert gut. Aber das hat sich Draghi ja von der Fed abgeschaut."

  • Aktienbesitzer müssen das zweite Halbjahr nicht fürchten, die Konjunktur sollte die Geldpolitik als Triebfeder ablösen
    foto: kai pfaffenbach

    Aktienbesitzer müssen das zweite Halbjahr nicht fürchten, die Konjunktur sollte die Geldpolitik als Triebfeder ablösen

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