"Rosenkavalier": Walzertherapie in einem Wiener Totenhaus

25. Juni 2015, 18:13
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Claus Guth hat die Oper von Richard Strauss in Frankfurt inszeniert

An der Oper in Frankfurt mag man es theaterwirksam bis gescheit. Gute Mischung – gerade für den Rosenkavalier, den Claus Guth inszenierte und dabei psychologische Tiefenlotung und perfekte Personenchoreografie erwarten ließ. Bühnenbildner Christian Schmidt hat ihm einen Mix aus Sanatorium und Hotel entworfen, mit Zauberberg-Fluidum mitten in der Großstadt:

Vertäfelte Wände mit Bogenfenstern sind da, durch die am Morgen schon Abendlicht fällt, in der Mitte ein wuchtiger Würfel. Auf der einen Seite ein Fahrstuhl mit moderner Tür, aber altem Etagenanzeiger darüber und verwittertem Spiegelcharme im Inneren. Auf der Rückseite eine Marmortreppe, an den Seiten jeweils eine üppige Sitzgruppennische.

Hier residiert Marie Theres von Werdenberg. Als besondere Patientin, aber in der Luxusklasse mit ausführlicher Erinnerungstherapie – Erinnerung ans Leben und an die Liebe: Der morgendliche Empfang ist hier kein wüster Tumult, sondern ein ganzes Vormittagsprogramm der Leitung des Hauses in verschiedenen Räumen. Durch die geistert die Marschallin auch im zweiten Akt, der vielleicht im Mezzanin bei Faninals spielt.

Den Herrn von Faninal überzeichnet Guth allzu sehr in die parvenuhafte Geschmacklosigkeit mit Angeber-Rollex und Rüschenhemd – während der Ochs ein herausgeputzter Grobian und Grabscher ist, der aber nix dabei findet.

Die ganze Therapie indes nützt der Marschallin nichts. Sie lebt in einem Totenhaus. Sieht sich als Kind und als alte Frau; vor allem aber, wie das Personal für einen Moment tot zu Boden geht. Ihr Albtraum vom Beginn, bei dem sie selbst tot am Boden liegt und sich eine Trauergemeinde aus dem Fahrstuhl nähert, wird am Ende wahr. Octavian und Sophie entschwinden kurz zuvor im Fahrstuhl – vielleicht ins Leben.

Den aktuellen Rosenkavalier-Inszenierungen hat Guth eine der düstersten beigesteuert. Bei ihm kommt der Verzicht der Marschallin nicht aus Einsicht in das Wirken der Zeit als "ein sonderbar Ding". Diesmal mündet jedes Leben (und Lieben) unweigerlich in den Tod. So schmerzlich und düster bekommt man das sonst nicht vorgeführt. In der atmosphärischen Dichte ist das ergreifend. Erträglich bleibt es durch den feinen, en miniature choreografierten Humor, der mitschwingt.

Sebastian Weigle stellt sich mit dem Orchester sensibel auf die Protagonisten ein, lässt den Vortritt beim Brillieren. Exzellente Besetzung: Es steuert als Ochs Bjarni Thor Kristinsson Nobelesse bei. Bei Amanda Majeskis Marschallin wird morbide Zerbrechlichkeit Teil einer beklemmenden Diagnose. Christiane Karg ist eine selbstbewusste Sophie, Paula Murrihy ein blendender Octavian bei dieser Erforschung der dunklen Seiten der Melancholie. (Joachim Lange, 25.6.2015)

2., 5., 11.7.

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