Bei Insolvenzen herrscht Ruhe vor dem Sturm

25. Juni 2015, 17:53
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Österreichs Insolvenzen sind auf einem historischen Tief. Doch der Eindruck gesünderer Betriebe täuscht, Umsätze und Aufträge schwinden

Den burgenländischen Alubauer Kerschbaum und die Kärntner Baufirma Juri erwischte es gestern, Donnerstag. Beide Unternehmen sind insolvent, Ersteres zahlte Mitarbeitern seit Monaten keine Gehälter mehr und steht vor der Schließung. In Summe schlitterten in Österreich im ersten Halbjahr mehr als 2500 Betriebe in den Konkurs. Es sind kleinere als im Vorjahr, und vor allem deutlich weniger. Viel Zeit durchzuatmen, haben die Masseverwalter dennoch nicht. Nichts nämlich deutet auf eine gesündere Wirtschaft hin. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

"Die niedrigen Zinsen wirken für Unternehmen wie ein Sauerstoffzelt", warnt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des Kreditschützers KSV1870. Sie schleppten sich trotz schwacher Finanzkraft weiter. Der Rückgang an Pleiten sei kein Zeichen für Stärke, sondern für fehlende Dynamik.

Sauerstoffzelt für Unternehmen

Kantner ist überzeugt, dass die nächste Welle an Konkursen heranrollt, sobald die Wirtschaft anspringt, die Zinsen steigen und die hohen Schulden nicht mehr bedienbar werden. Auch der Alpenländische Kreditorenverband beobachtet, dass viele Unternehmer den Weg zum Insolvenzrichter hinauszögern: Diese befürchteten, dass ihren Betrieben aufgrund der schwachen Auftragslage die sofortige Schließung durch das Gericht drohe. Ein klares Indiz dafür sei, dass heuer die Hälfte der Konkurse nicht auf Antrag der Unternehmer erfolgte, sondern durch die Gläubiger eingeleitet wurde.

Umfragen der Creditreform unter 1500 Betrieben deuten ebenso auf eine neue Flut an Pleiten hin. Ihre Umsatz- und Auftragszahlen weisen steil nach unten. Das Vertrauen sinke, Mitarbeiter werden abgebaut, Investitionen zurückgefahren, resümiert Gerhard Weinhofer, Chef des Kreditschützers.

Umsatzverluste und weniger Aufträge

Knapp 40 Prozent der befragten Mittelständler beklagen Umsatzverluste. Beim Bau und im Handel ist der Anteil noch höher. 37 Prozent erleben heuer sinkende Aufträge. Und fast jeder Vierte kalkuliert auch weiterhin mit weniger Geschäft. Generell haben die Pessimisten das Ruder übernommen, vor allem im Baugewerbe, ziehen Experten der Creditreform Bilanz. Österreich fällt aus ihrer Sicht angesichts der mageren Auftragseingänge unter das Krisenniveau der Jahre 2008 und 2009 zurück.

Und daran ändert eben auch das historische Tief bei den Unternehmensinsolvenzen nichts. Der KSV beziffert den Rückgang an Pleiten seit Jänner mit zehn Prozent. Die Creditreform errechnete minus 13, der AKV 17 Prozent. Die Mehrheit stellen nach wie vor Bau, Gastronomie und Handel. Überraschend ist jedoch, dass die größten Konkurse nicht länger Exporteure und die industrielle Fertigung treffen.

Es war vielmehr die Konsumgüterbranche, die vom Geld der Privaten lebt, die ihre Schulden nicht länger begleichen konnte. So führt die Bäckereigruppe Ring das negative Ranking mit 41 Millionen Euro an Verbindlichkeiten an. Rund 500 Mitarbeiter und 1000 Gläubiger sind von den Turbulenzen des Traditionsbetriebs betroffen.

Der Fertighausbauer Hanlo und der Hemdenerzeuger Gloriette folgen mit Schulden in Höhe von 22 Millionen bzw. 15 Millionen Euro.

Mehr private Schuldner

Die Zahl an Privatkonkursen ist in Österreich im ersten Halbjahr laut KSV um sechs Prozent gestiegen. Anders als in der Wirtschaft stammen hier die meisten Anträge von den Betroffenen selbst.

40 Prozent der privaten Schuldner sind Wiener. Unternehmerische Tätigkeit ist bei einem knappen Drittel der Verfahren für die Geldnot verantwortlich. Ein weiteres Drittel übernahm sich, dem KSV zufolge, bei der Beschaffung von Wohnraum. Der Rest hat auf Pump konsumiert. Unselbstständig Beschäftigte häuften heuer im Schnitt 55.000 Euro an Schulden an, Selbstständige 275.000 Euro.

Schuldnerberater warnen immer wieder davor, dass sich viele Arbeitslose mittlerweile nicht einmal mehr den eigenen Privatkonkurs leisten können. Denn dieser bedingt, dass sie die Mindestquote von zehn Prozent innerhalb von sieben Jahren Existenzminium an ihre Gläubiger zurückzahlen können. Ansonsten wird gepfändet.

Für Kreditschützer ist die Abschaffung der Quote rotes Tuch. Kantner zieht die Deutschen als Beispiel heran: Quote hätten sie keine, der Anteil an Entschuldungen sei deswegen aber nicht höher als in Österreich. Dafür gingen die Gläubiger leer aus. Hierzulande schafften 85 Prozent der insolventen Privaten eine Entschuldung. Geldgeber erhielten im Schnitt 14 Prozent der Forderungen zurück. (Verena Kainrath, 25.6.2015)

  • Noch bleibt der Pleitegeier in luftiger Höhe. Niedrige Zinsen wirken laut KSV wie ein Sauerstoffzelt.
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    Noch bleibt der Pleitegeier in luftiger Höhe. Niedrige Zinsen wirken laut KSV wie ein Sauerstoffzelt.

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