Tötungsprozess: Eine Zeitbombe im Drogenrausch

25. Juni 2015, 15:44
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Ein 30-Jähriger fuhr nach ausgiebigem Drogenkonsum einen Polizisten tot. Der Richter verurteilt ihn zu unbedingter Haft

Korneuburg – Zigaretten und Bargeld wollte sich Stefan K. am späten Nachmittag des 29. November in Fischamend besorgen. Die Fahrt endete mit einem toten Polizisten und einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Denn im Blut des 30-Jährigen wurden Kokain, Exstasy und Cannabis gefunden, nachdem er den Beamten frontal gerammt hatte.

Mit gesenktem Kopf und glaubwürdig geknickt sitzt der zweifach wegen schwerer Körperverletzung Vorbestrafte vor Richter Dietmar Nussbaumer im Landesgericht Korneuburg. "Ich frage mich jeden Tag, warum ich den Polizisten nicht gesehen habe", sagt er.

"Erklären Sie, wie es dazu gekommen ist", fordert ihn der Richter auf. "Es war ein Samstag, ich bin um 9.30 Uhr aufgestanden und spazieren gegangen. Am Nachmittag habe ich geschlafen und gegen 17.30 bin ich dann gefahren." Dass er am Vorabend und am fraglichen Nachmittag Drogen genommen hat, gibt er auch zu.

Ohne Führerschein unterwegs

Ebenso wie die Tatsache, dass er gar keinen Führerschein hatte, da ihm der wegen Schnellfahrens für zwei Wochen entzogen worden war. Dass sein Golf laut Gutachter nicht mehr verkehrstauglich war, ist da nur noch nebensächlich.

Ein halbes Jahr sei er schon drogensüchtig gewesen, versucht K. eine Erklärung zu liefern. "Man hat als Süchtiger im Straßenverkehr nichts verloren!", wirft Nussbaumer ein. Der Angeklagte kann nicht widersprechen.

Warum er den Polizisten in seiner Warnweste, der gerade dabei war, die Straße für einen Krampusumzug abzusperren, nicht gesehen hat, weiß K. eigentlich nicht. "Es hat plötzlich einen Knall gemacht."

Opfer ungebremst gerammt

Laut Gutachten rammte er den Beamten ungebremst mit etwa 55 Kilometern pro Stunde, sein Opfer flog zehn Meter durch die Luft, prallte gegen ein Verkehrszeichen, erlitt ein massives Schädel-Hirn-Trauma und starb drei Monate später.

"Was haben Sie nach dem Unfall gemacht?", fragt der Richter. "Ich bin ausgestiegen und war total unter Schock. Ich habe mich an den Straßenrand gesetzt und gewartet, dass mich die Polizisten befragen." – "Auf die Idee, dem Verunglückten zu helfen, sind Sie nicht gekommen?" – "Nein, ich war fix und fertig."

Staatsanwältin Alice Spunda und Verteidiger Christian Werner brauchen angesichts des Geständnisses eigentlich keine Zeugen, der Richter ruft sie trotzdem auf. Man erlebt ein klassisches Beispiel, was Zeugenaussagen wert sind: praktisch nichts.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Eine Frau schildert, der Angeklagte sei nach dem Unfall zwei Minuten in seinem Auto gesessen, nach dem Aussteigen habe er "I hob eam ned gsehn!" gesagt. Ein Schüler erzählt, er sei sofort ausgestiegen, habe "Scheiße" geschrien und sei zu den Polizisten gelaufen.

Wieder andere wollen gesehen haben, dass er sich Richtung Opfer bewegt hat, ein Beobachter berichtet im Gegensatz dazu, K. sei nach dem Aussteigen sofort in die Knie gegangen.

Die Anklägerin will am Ende aus generalpräventiven Gründen eine strenge Bestrafung, Verteidiger Werner bittet um Milde. Eine Bitte, die Nussbaumer abschlägt. K. wird, nicht rechtskräftig, zu 20 Monaten unbedingter Haft verurteilt.

"Für mich ist auch angesichts Ihrer Vorstrafen keine teilbedingte Haft in Frage gekommen", begründet der Richter. "Sie sind eine tickende Zeitbombe im Straßenverkehr." Auto hat K. mittlerweile keines mehr. (Michael Möseneder, 25.6.2015)

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