Der Abenteurer der Stubenhocker

25. Juni 2015, 05:30
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Der "Extrempraktikant" eines Tiroler Outdoor-Parks muss Abenteuer bestehen, die ihm Stubenhocker per E-Mail auftragen

Ötztal – "Und wann arbeitest du?" Mittlerweile hat sich Benedikt Jörg an die Frage gewöhnt. Er verdreht nicht einmal mehr die Augen. Im Frühling, als der 20-jährige Sohn eines Ärzte-Ehepaares aus dem Paznauntal sich um seinen aktuellen Ferienjob bewarb, sah er die Sache wohl auch so. Wie seine Freunde. Oder seine Eltern. Aber nach zwei Wochen in der Rolle des "Extrempraktikanten" hat Jörg erkannt: "Es ist Arbeit. Und sie kann richtig stressig sein." Nur merken darf das keiner. Denn Benedikt Jörg soll nicht bloß die erträgliche, sondern die wundervolle Leichtigkeit des Seins leben. Öffentlich. Stellvertretend. Einen Sommer lang.

Die Rolle, die die Betreiber des Outdoor-Erlebnisparks "Area 47" im Ötztal dem Absolventen der Multimedia-HAK in Innsbruck da zugedacht haben, war regional ausgeschrieben worden – und heiß begehrt: Der Fun- und Adventure-Betrieb suchte von Juni bis August jemanden, der sich fernsteuern lassen würde.

Keinen Mumm

Und zwar von Leuten, die entweder keine Zeit, keinen Mumm oder sonst eine Ausrede haben, sich nicht selbst am Zusammenfluss von Ötztaler Ache und Inn zwischen Wakeboard-Lift, Highspeed-Wasserrutschen, Zipfelbob-Wasserschanze oder beim Raften nass zu machen. Oder die wegen Höhenangst oder fehlender Ur-laubstage nicht selber im Hochseilgarten, beim Seilsprung (einer Art Bungee-Jump ins Kletterseil) oder auf E-Motocross-Bikes dem Adrenalin beim Rauschen zuhören können: Ein Mail an den "Extrempraktikanten" genügt; wenn Anfrage und Erklärung annähernd witzig sind, rückt Jörg aus. Bewaffnet mit Actioncams dokumentiert der Stellvertreter-Abenteurer den Kick und schickt das Resultat samt persönlicher Botschaft als Kurzvideoclip in die Couch- und Komfortzone.

Bob und Blob

Der Job mache eine Menge Spaß, sagt der Tiroler, der nach diesem Praktikum Management und Recht studieren will. Freilich steckt hinter der Soll-Antwort ein ordentliches Stück Arbeit: Schon eine Woche nach dem (Soft-)Start der Aktion landeten täglich rund 20 Anfragen in Jörgs Mailbox. Tendenz steigend. Und auch wenn er nicht alle Wünsche befriedigt, ist ein Vormittag, an dem er mehrmals (man braucht ja mehrere Kameraeinstellungen) wasserrutscherutschen, turm-, zipfelbob- und blobspringen muss, kurz – und auf dem Plan steht noch Mountainbiken und Canyoning. Am Nachmittag muss Jörg schneiden, Clips fertigstellen und verschicken.

simoner
Extremparktikant Benedikt Jörg beim Blobspringen. (Video: Rottenberg)

Botschaft multiplizieren

Nur aus Liebe zu verhinderten oder ängstlichen Gästen hat die – von den Söldener Bergbahnen nach einer Idee des unlängst verstorbenen Outdoor-Entertainment-Pioniers Hans Neuner errichtete – "Area" den Extrempraktikanten nicht erfunden. Das Codewort lautet "Content-Marketing", erklärt Area-Geschäftsführer Chris Schnöller: Die Abenteuer-Outsourcer erhalten das Video 24 Stunden exklusiv zur Verfügung. "Danach stellen wir die, die uns besonders gut gefallen, auf unsere Web- oder Facebook-Seiten." Auf dass die Botschaft von all dem Spaß, den man hier haben kann, multipliziert werde.

So wichtig die Reichweite über "offizielle" Seiten ist, dürfte die Wirkung, die die Clips in den ersten, "exklusiven" 24 Stunden haben, doch intensiver sein: De facto stellt jeder, für den der junge Tiroler seine Haut (ein bisserl) riskiert, seinen Clip in sozialen Medien online – als persönliches und ergo wertgeschätztes Stück Information. Freunde glauben Freunden Bekenntnisse: So hat der Clip weit mehr Impact als die ausgefuchsteste, aber doch immer unpersönliche Werbekampagne.

Der größte Spaß der Welt

Dass das funktioniert, spürt der Extrempraktikant schon nach wenigen Tagen. Als er – zum wievielten Mal eigentlich? – zum Sprung auf das "Blob"-Wasserkatapult ansetzt, halten ihn deutsche Badegäste auf: "He, bist du nicht dieser Extrempraktikant? Wir haben dich bei einem Freund auf Facebook gesehen. Toll, dich live zu treffen!" Jörg lacht – und schaltet schnell: Er springt zusammen mit den Deutschen. Und weiß: Dieses Video erzählt die Geschichte vom größten Spaß der Welt noch authentischer – und wird noch weitere Kreise ziehen.

Nur nach Arbeit darf es halt nicht aussehen. (Thomas Rottenberg, 24.6.2015)

  • Es darf nicht nach Arbeit aussehen, was  Extrempraktikant Benedikt Jörg jeden Tag tut: sich bei Blobspringen,  Rutschen oder Canyoning zu filmen und das Video ins Netz zu stellen.
    foto: rotte

    Es darf nicht nach Arbeit aussehen, was Extrempraktikant Benedikt Jörg jeden Tag tut: sich bei Blobspringen, Rutschen oder Canyoning zu filmen und das Video ins Netz zu stellen.

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