Psychologin: Solidarität in Ungarn "ist neu"

Interview25. Juni 2015, 05:30
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Die ungarische NGO-Mitarbeiterin und Flüchtlingsbetreuerin Adrienn Kroo spricht über die Situation im Flüchtlingslager in Bicske

In Sachen Asylpolitik steht Ungarn in letzter Zeit verstärkt in der Kritik. Die Regierung in Budapest kündigte unter anderem an, einen Zaun an der ungarisch-serbischen Grenze zu bauen, um die Migration zu bremsen. Nun wurde kolportiert, dass die Regierung von Premier Viktor Orbán das Dublin-III-Abkommen suspendiert. Wenig später ruderte Ungarn etwas zurück. Die ungarische Psychologin Adrienn Kroo ist für die NGO Cordelia Foundation tätig und betreut traumatisierte Flüchtlinge. Im STANDARD-Interview spricht sie über die Zustände im Flüchtlingslager in Bicske und die unterschiedlichen Reaktionen auf die wachsenden Flüchtlingsströme.

STANDARD: Ungarns Regierung beklagt die wachsenden Flüchtlingsströme. Bekommen Sie das in Ihrer Arbeit mit?

Kroo: Ich arbeite hauptsächlich in einem Flüchtlingslager in Bicske, rund 40 Kilometer von Budapest entfernt. 150 bis 200 Menschen können hier unter normalen Bedingungen leben. Seit ein paar Monaten sind es aber viel mehr. Als ich vor ein paar Wochen gefragt habe, waren es 800 Flüchtlinge. Dafür fehlen natürlich die Kapazitäten. Mehr Menschen mussten in den einzelnen Zimmern und schließlich auch in Zelten untergebracht werden.

STANDARD: Ungarn gilt als Transitland für Flüchtlinge. Können Sie dem zustimmen?

Kroo: Ja, das stimmt, die meisten wollen weiter. Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge stellt einen Antrag in Ungarn.

STANDARD: Haben Sie auch mit Flüchtlingen zu tun, die aus anderen EU-Staaten rückgeführt werden?

Kroo: Ja, es gibt immer wieder Flüchtlinge, die beispielsweise aus Deutschland oder Dänemark rückgeführt werden. Manche wollen es noch einmal probieren, die anderen stellen zwangsläufig einen Antrag in Ungarn.

STANDARD: Welche Reaktionen haben Sie angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme mitbekommen?

Kroo: Ich habe verschiedene Reaktionen wahrgenommen. Von mehreren Seiten wird Einwanderung kritisiert, viele Menschen haben Angst vor den Flüchtlingen und wollen sie nicht hier haben. Aber es gibt mittlerweile auch Gruppierungen oder einzelne Personen, die sich für Flüchtlinge öffentlich einsetzen, für sie demonstrieren. Früher sind die Ungarn nur auf die Straße gegangen, wenn es um ihr eigenes Wohl ging. Nun aber solidarisiert sich ein Teil von ihnen mit Ausländern. Das ist neu. (Kim Son Hoang, 25.6.2015)

Adrienn Kroo (32) arbeitet als Psychologin für die NGO Cordelia Foundation, die sich in Ungarn um traumatisierte Flüchtlinge kümmert.

  • 800 Flüchtlinge leben mittlerweile im Flüchtlingslager in Bicske.
    foto: reuters/bernadett szabo

    800 Flüchtlinge leben mittlerweile im Flüchtlingslager in Bicske.

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